"Ich stelle mir vor, dass Wallander jedes Mal, wenn er zum Tatort gerufen wird, das Herz in die Hose rutscht", sagt Kenneth Branagh.
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"Ich stelle mir vor, dass Wallander jedes Mal, wenn er zum Tatort gerufen wird, das Herz in die Hose rutscht", sagt Kenneth Branagh.

Kommissar Wallander

"Vergesst, dass es ein Krimi ist"

Kenneth Branagh spricht im FR-Interview darüber, wie er als Kommissar Wallander gegen Klischees kämpft. Am Tatort sei er kein abgebrühter Typ. Er habe großes Mitgefühl mit den Opfern.

Von Judith Kessler

Mr. Branagh, die Sunday Times stelle neulich fest, dass sich das Genre Kriminalfilm eigentlich überlebt hat. Man habe das Gefühl, jede Handlung schon einmal gesehen zu haben. Sind Sie als Kommissar Wallander in den neuen Fernseh-Verfilmungen der Krimis von Henning Mankell genauso langweilig?

Nein. Die Kritik der Sunday Times stimmt zwar, aber ich glaube nicht, dass das für die Zuschauer ein Problem ist. Denn im Grunde erzählt sich die Menschheit seit Urzeiten nur sieben verschiedene Geschichten - sei es am Lagerfeuer, auf einem Höhlengemälde oder eben in Form einer Kriminalgeschichte.

Nur sieben? Welche denn?

Das sind alles sehr klassische Geschichten, zum Beispiel eine Reise und die Rückkehr, das Überwinden großer Widerstände. Dann gibt es das klassische romantische Abenteuer wie die Suche nach dem Heiligen Gral. Ich habe vor einigen Jahren die Komödie "Ein Winternachtstraum" gemacht. Es geht um ein Ensemble, das den Hamlet aufführen will. Der Erzählbogen ist klassisch: Werden sie es schaffen das Stück zu zeigen? Ja, sie schaffen es. Wird es erfolgreich sein? Ja, es wird erfolgreich sein.

Und wie ließe sich dieses Strickmuster auf andere Geschichten übertragen?

Nach dem selben Muster ließe sich auch die Geschichte einer deutschen Fußballmannschaft erzählen, die Meister werden will. Es geht im Grunde nur darum, wie die Geschichte erzählt wird.

Wie erzählen Sie die schwedischen Mordgeschichten, ohne dass man an die Plots aus all den Skandinavien-Krimis denkt?

Zum Teil geschieht das über die schwedische Landschaft. Wir zeigen zum Beispiel einen strahlend blauen Himmel, ein gelbes Rapsfeld - ein Bild, das an die schwedische Nationalflagge erinnert. Wir bringen die Leute dazu, zunächst zu vergessen, dass sie einen Krimi sehen, indem wir ihnen Bilder anbieten, die keine Fernsehbilder sind, sondern eher an einen Kinofilm oder an ein Gemälde erinnern. Und in dieser Idylle zeigen wir eine unglaublich brutale Tat, ein Mädchen, das sich selbst verbrennt.

Haben Sie selbst schon einmal eine Leiche gesehen?

Ja, es ist eine Erfahrung, die einen härter macht. Ich habe meine beiden Eltern sterben sehen. Das ist natürlich etwas sehr Spezielles. Aber bei den Vorbereitungen auf die Wallander-Filme waren wir auch in einem Leichenschauhaus. An diesem Tag war gerade ein Kind eingeliefert worden, sechs oder sieben Jahre alt. Da wurde mir schwindelig und richtig schlecht. Der Anblick einer Leiche erinnert einen an die eigene Vergänglichkeit - in einem Moment sieht man einen Körper voller Gefühle und Gelächter und im nächsten Moment nur noch ein Stück Fleisch. Ich glaube, Ermittler müssen sich abhärten, müssen diese Dinge klar trennen können - Wallander kann das nicht unbedingt.

Wallander scheint oft am Rande des Nervenzusammenbruchs zu stehen. In vielen Krimis sind die Kommissare völlig fertige Typen - noch so ein Klischee. Warum muss das so sein?

Das ist der Preis, den sie für die Empathie mit den Opfern zahlen - zumindest ist das bei Wallander so. Ihr Beruf fordert so viel von ihrem Mitgefühl, dass für die Menschen in ihrem Privatleben nichts mehr übrig bleibt. Familie und Freunde wenden sich ab und werden dann eben durch Alkohol und andere schlechte Angewohnheiten ersetzt.

Anderereits brechen Sie auch mit Klischees: Ihr Wallander wirkt jedes Mal ehrlich schockiert, wenn er an einen Tatort kommt. Kein bisschen Routine, keine coolen Sprüche.

Ich habe zum Regisseur gesagt: Bitte, bitte lass uns nie eine Szene drehen, in der der Kommissar an einen Tatort kommt und fragt: "Was haben wir hier?" Das ist für mich das totale Klischee eines Krimidramas. Mit diesem typischen Polizisten, der seine Krawatte nicht gebunden, seinen Kragen hochgeschlagen hat und schon mal ganz misstrauisch die Augen zusammenkneift.

Eine Masche, die beim Zuschauer immer noch funktioniert.

Sicher, aber ich habe in Wallander nie einen dieser Typen gesehen, der fragt: "Was haben wir hier" - egal ob es sich um eine Leiche oder eine Banane handelt. Ich stelle mir vor, dass ihm jedes Mal, wenn er zu einem Tatort gerufen wird, das Herz in die Hose sinkt. Er weiß ja nie, was ihn erwartet.

Waren die Krimihelden Ihrer Jugend anders?

Ich mochte Hercule Poirot. Und ich mochte Agatha Christies Krimis. Diese Exzentrik und die Farben. "Mord im Orient-Express" habe ich geliebt. Es war so glamourös, die Zugreise ist aufregend. Ich fand es toll, dass alle Reisenden ihre potenziellen Motive für den Mord haben - und ich mag Poirot als das Gegenteil zu Wallander. Er ist ein Dandy, sein ganzes Auftreten ist flamboyant.

Der Wallander-Erfinder Henning Mankell sagte über Poirot und Miss Marple, dass sie ihn unendlich langweilten, weil sie keinerlei Entwicklung durchmachen. Stört Sie das nicht?

Nein. Ich finde sie jetzt natürlich nicht mehr so spannend. Aber als Kind faszinierten mich die Exzentrik, die Vielzahl der Charaktere.

(Interview: Judith Kessler)

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