+
Nicht alle Abschnitte der Via Appia sind so idyllisch: Paolo Rumiz sagt, seine 29-tägige Wanderung entlang der 2300 Jahre alten Route sei „bis auf wenige Ausnahmen ein Kampf“ gewesen.

Via Appia

Die vergessene Straße

  • schließen

Wie alle Wege führte einst auch die Via Appia nach Rom. Heute ist von der 2300 Jahre alten Straße nicht mehr viel übrig. Der Autor Paolo Rumiz ist die 600 Kilometer lange Route abgelaufen – auch, um seinen Landsleuten ihre Geschichte näherzubringen.

Als Paolo Rumiz und seine Gefährten das Hotel in Albano Laziale betraten, wo sie ihre Zimmer für die Nacht gebucht hatten, rief der Rezeptionist erschrocken: „Ihr Armen, wer hat euch das bloß angetan?“ Der Mann meinte das nicht abschätzig, er konnte sich nur nicht vorstellen, dass jemand freiwillig 600 Kilometer quer durch den Süden Italiens läuft, von Rom bis nach Apulien. „Zu Fuß gehen, das ist in Italien eine Abweichung von der Norm“, sagt Paolo Rumiz. Das gilt ebenso für die Beschäftigung mit der eigenen Geschichte. Rumiz dagegen ist zu Fuß unterwegs gewesen, um die berühmteste aller Straßen der Antike wieder zu entdecken. Direkt hinter dem Hotel in Albano Laziale konnte man noch sehen, wo sie einst verlief. Aber der Rezeptionist war ahnungslos.

Geschichte spüren: die Via Appia könnte ein Freiluftmuseum sein.

Der 71 Jahre alte Rumiz berichtete früher für die Zeitung „La Repubblica“ über die Kriege in Jugoslawien und Afghanistan. Dann begann er vor einigen Jahren, literarisch angehauchte Reisereportagen und Reisebücher zu schreiben, die ihn in Italien einem großen Publikum bekanntmachten. Mal radelte er dafür bis nach Istanbul, mal war er mit dem Ballon unterwegs, mal mit dem Kanu oder einem alten Fiat 500. Zu Fuß, das fehlte noch. Außerdem hatte er den antiken Dichter Horaz gelesen und dessen Beschreibung einer Reise auf der Via Appia. So war die Idee geboren, die „Regina Viarum“ wandernd zu erkunden, die „Königin der Straßen“, wie die Römer sie nannten. Am Ende ist für Rumiz eine Mission daraus geworden: Die Via Appia zu neuem Leben zu erwecken, seinen Landsleuten den Respekt für das historische Erbe in Erinnerung zu rufen und ausländische Touristen dafür zu begeistern.

All dies erläutert Rumiz, ein hagerer und eher wortkarger Norditaliener, an einem sonnigen Frühlingstag auf einem Rastplatz des Nationalparks der Monti Aurunci auf halber Strecke zwischen Rom und Neapel. Deutschsprachige Journalisten sind auf Initiative des Folio-Verlags angereist, um in Begleitung von Rumiz ein kleines Stück der Via Appia zu begehen. Denn kürzlich ist dessen Buch über die 29-tägige Wanderung auf Deutsch herausgekommen, unter dem Titel „Via Appia. Suche nach einer verlorenen Straße“. In Italien war es schon 2015 erschienen. „Dieses Buch liefert zum ersten Mal die komplette Vermessung der Appia“, sagt Rumiz. Wenn es um seine Mission geht, wird er fast redselig.

Die Appia war die erste Straße Europas, 312 vor Christus begann der Bau, vor 2300 Jahren. Namensgeber war Konsul Appius Claudius Caecus. Von Rom führte sie Richtung Südosten bis zum Hafen von Brindisi, dem Tor zum östlichen Mittelmeerraum, zum Orient. Längs der Strecke reihten sich Mausoleen, Villen, Theater, Aquädukte, Verteidigungsanlagen. Legionäre und Händler zogen auf der Appia Richtung Meer, umgekehrt kamen Waren, Sklaven und das Christentum aus dem Nahen Osten nach Europa. Es war die erste eines sternförmigen Straßennetzes, das später von Rom aus in alle Richtungen kreuz und quer durch das Römische Reich und den Kontinent führte. Alle Wege nahmen damals in Rom ihren Anfang – und alle führten dorthin.

Heute ist von der Appia nicht viel geblieben, erzählt Rumiz, bevor die kurze Wanderung beginnt. „Sie ist unter Asphalt und Beton verschwunden, unter Schnell- und Umgehungsstraßen, unter Parkplätzen, Supermärkten, Steinbrüchen und Weizenfeldern.“ Zubetoniert, überwuchert und vergessen ist sie. „Und das Absurde ist, dass es nicht die Barbaren waren, die sie zerstört haben, sondern wir, die Italiener selbst“, schimpft er, „in den schrecklichen Sechziger- und Siebzigerjahren mit ihrem Bauboom.“ Im Buch schreibt er, damals seien alle Hemmschwellen des guten Geschmacks und des Respekts vor der Vergangenheit gefallen.

Im Vorfeld haben ihm alle von der Wanderung abgeraten, erzählt der Autor. „Die Appia, das seien Camorra, Asphalt, Schmutz und streunende Hunde, warnten sie.“ Aber er habe beschlossen, dass es seine Bürgerpflicht ist, die berühmte Straße dem Vergessen zu entreißen – „als Geschenk an die Italiener“, wie er sagt. Und nicht nur an die.

Paolo Rumiz will nicht nur die Italiener für die alte Straße begeistern.

Um den Verlauf der Römer-Straße aufzuspüren, hat Rumiz das GPS mit allen auffindbaren Daten aus antiken Karten und italienischen Militärkarten gefüttert, mit Informationen von Archäologen und Satellitenbildern des Umweltministeriums. Es stellte sich heraus, dass die mit Kies und mächtigen Steinquadern gebaute Appia eine schnurgerade Linie gewesen war.

Die Strecke von Rom nach Brindisi führte den Wanderer, der von mehreren Freunden begleitet wurde, durch vier Regionen – Latium, Kampanien, Basilikata und Apulien. Gegenden, die den Norditalienern als rückständig gelten, die von Mafia, Arbeitslosigkeit und Armut geplagt sind. „In der Antike war das das Zentrum des Mittelmeerraums, jetzt ist es eine vergessene Peripherie Europas“, sagt Rumiz. Seine Reisebeschreibung schwankt zwischen Begeisterung, Faszination, Ärger und Empörung. Sie ist gleichermaßen eine Invektive auf „italienische Zustände“ und die Ignoranz seiner Landsleute wie auch eine Liebeserklärung an Italien.

Mit der Journalistengruppe schlendert der Autor über einen der idyllischsten Abschnitte der Strecke. In der Sant’Andrea-Schlucht zwischen Fondi und Itri ist die jahrtausendealte Appia noch perfekt erhalten, sie verläuft parallel zur modernen Strada Statale 7. Die großen Steinquader sind von antiken Mauerresten gesäumt, von Ginsterbüschen, Olivenbäumen und wildem Thymian. Hummeln surren, der Verkehrslärm bleibt im Hintergrund. „Unglaublich, dass dieses Stück Appia sich nur retten konnte, weil es jahrzehntelang eine Müllkippe war“, sagt Rumiz.

Der größte Teil seiner Reise war weniger idyllisch. „Sie war bis auf wenige Ausnahmen ein Kampf“, gesteht Rumiz. Kilometerweit waren er und seine Weggefährten am Rande von Schnellstraßen unterwegs, wo der Luftsog vorbeidonnernder Lastwagen an ihnen zerrte. Auf den Spuren der Römer mussten sie über Leitplanken und Zäune klettern, durch Wassergräben waten und sich den Weg durch dorniges Gestrüpp bahnen. Oft war der Weg durch Tore und Zäune versperrt, hinter denen scharfe Mastinos bellten. Streckenweise blieb nur der Bus als Rettung.

Als Fußgänger hat man sie misstrauisch beäugt, als arme Schlucker oder Spinner betrachtet. „Während anderswo in Europa Autos aus der Mode kommen, sind sie in Italien immer noch Prestigeobjekt“, sagt Rumiz. Auch die schöne Wanderstrecke in der Sant’Andrea-Schlucht ist nach wenigen Kilometern beendet. Den restlichen Weg geht es im Gänsemarsch auf der Staatsstraße weiter.

Seine Wanderung konfrontierte Rumiz ständig mit dem „Italien der Schlitzohren“, wie er es nennt. Das sei eines, das Staat, Gesetze und Archäologen mehr fürchte als die Pest, sagt er. Schon gleich am südlichen Rand der Hauptstadt Rom ist der Frevel wahrzunehmen. „Luxusvillen, Locations für vulgäre Partys und illegale Autoverschrotter sind auf antike Ruinen und Grabmäler gebaut.“ Die vielen Kulturdenkmäler längs der Via Appia könnten eigentlich ein riesiges Freiluftmuseum sein, sagt Rumiz. Aber vier von fünf der Monumente sind in privater Hand, sind geplündert, verwahrlost, sind vergessen und Spekulation zum Opfer gefallen. In Terracina etwa hat man den antiken Trajans-Hafen in den 70ern zugeschüttet, um darauf Sozialbauten zu errichten. Heute wächst dort Gestrüpp.

Klargeworden sei ihm auch, dass der Süden Italiens heute wilder ist als noch vor Jahrhunderten, erzählt Rumiz. Rom habe völlig die Oberaufsicht verloren. Eine von drei der 90 Gemeinden, durch die er kam, steht wegen Mafiaverstrickungen unter kommissarischer Aufsicht. Oder wegen Bankrotts.

„Was heute noch von der Schönheit Italiens übrig ist, ist das Resultat des Kampfes einiger weniger gegen Staat, Bürokratie, Vergessen“, sagt der Autor bitter. Nur Utopisten und Visionäre könnten das historische Erbe vor Gleichgültigkeit und Zynismus retten.

Rumiz hat mit seiner Reise einiges bewirkt. Nachdem die Zeitungsreportagen, das Buch, mehrere Fernsehfilme sowie eine Wanderausstellung über die „Wiedergefundene Appia“ öffentlich waren, erwachte in den Dörfern und Städtchen entlang der Römer-Straße das Geschichtsinteresse. Tausende kamen zu Veranstaltungen und Lesungen mit dem Autor. Jetzt beschäftigen sich vielerorts in Süditalien Vereine und Initiativen mit der Appia und arbeiten an Konzepten zu ihrer Erschließung. „Eine Bürgerbewegung von unten wurde geboren“, erzählt in Itri der neapolitanische Schauspieler und Regisseur Pasquale Valentino, der Rumiz’ Projekt von Anfang an unterstützte.

2016 hatte auch die damalige sozialdemokratische Regierung Interesse gezeigt und 20 Millionen Euro für die Instandsetzung wichtiger Abschnitte angekündigt. Geld haben die Kommunen und Regionen längs der Strecke aber bisher nicht bekommen. Und die neue Regierung von Lega und Fünf Sternen hat andere Prioritäten. Rumiz fürchtet deshalb, alle Initiativen könnten nach und nach wieder im Sande verlaufen, die Appia erneut in Vergessenheit geraten. Dabei glaubt er fest daran, dass ein Wanderweg von Rom nach Brindisi so etwas wie ein Jakobsweg durch Süditalien werden könnte. Auf dem spanischen Pilgerweg sind inzwischen pro Jahr mehr als 300 000 Menschen unterwegs. „Man braucht nur einen guten Rasenmäher, ein paar Stege, eine durchgehende Beschilderung und eine Koordination durch die Regierung in Rom“, sagt Rumiz.

Er hofft jetzt darauf, dass Scharen ausländischer Wanderer – und besonders deutsche Italien-Liebhaber – die legendäre antike Straße für sich entdecken. Das würde die Italiener restlos überzeugen, da ist er sich sicher. Nur, warum bloß sollten deutsche Touristen diesen immer noch so schwierigen Weg mit all seinen Widrigkeiten wählen? „Wer heute die Appia entlangwandert, durchquert die authentischsten und am wenigsten touristischen Gegenden Italiens“, sagt Rumiz. „Er erlebt eine Gastfreundschaft, die es anderswo nicht mehr gibt.“ Und außerdem sei diese Straße mit ihrer Geschichte schlicht einzigartig.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion