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ie Sängerin und Moderatorin Ina Müller.
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ie Sängerin und Moderatorin Ina Müller.

Entertainerin Ina Müller

Verführung auf Plattdeutsch

Bei Entertainerin Ina Müller singt sogar Helmuth Karasek - dafür kommt ihre Show "Inas Nacht" jetzt in die ARD, wenn auch gut versteckt wie alle Perlen. Eine Begegnung. ( mit Video) Von Ute Diefenbach

Von Ute Diefenbach

Ina Müller betritt die Bühne und ist da. Sofort. Sie braucht keine Anlaufzeit, keine Aufwärmphase. Sie hat das Publikum und ihre Band schon mit den ersten Tönen im Griff. "Ick heff al sopen in Kiel, harr in Leck lange wiel" (gesoffen in Kiel, mich gelangweilt in Leck) singt sie.

Plattdeutsch in Mainz. Ihre rauchige Stimme füllt den Raum - an diesem Abend das 3-Sat-Zelt auf dem Lerchenberg. Jetzt nimmt Ina Müller die Männer in der ersten Reihe ins Visier. Blickt ihnen in die Augen und auf den Bauch, während sie ihren Traummann beschreibt: "Keilförmiger Oberkörper, von Natur aus muskulös, nicht antrainiert und eine Handbreit Haare auf der Brust. So!" Dann stöckelt sie energisch an den Bühnenrand, beugt sich abrupt vor und herrscht ins Publikum: "Kann doch nicht so schwer sein!"

"Ich liebe es, wie die Männer dann langsam in ihren Stühlen wegsacken. Ich möchte denen einmal kurz das Gefühl geben, wie diese optische Oberflächlichkeit reinziehen kann", sagt sie am nächsten Morgen.

Ungefähr zehn Zentimeter kleiner als am Vorabend, sie hat die High Heels gegen Flip-Flops getauscht, ist sie in der Hotellobby erschienen. In Jeans und T-Shirt, die silberblonden, strubbeligen Haare zum Zopf gebunden. Eine Kanne Kaffee bringt sie gleich mit, trinkt etliche Tassen und noch zwei Latte Macchiato obendrauf an diesem Vormittag. Geraucht wird erst abends. "Dann aber viel."

Frau Müller lümmelt mit angezogenen Beinen im Stuhl, zieht aus ihrem dicken Kalender eine speckige Postkarte mit Männer-Konterfei und Loch in Nasenhöhe. Sie schiebt ihren kleinen Finger durchs Loch, dann den Daumen. "Die habe ich immer dabei." Ihr Lachen ist zu heiser, um albern zu wirken.

Derb, hemmungslos und unverschämt hübsch

Dieses Lachen kennt man, es erklingt häufig in der kleinen Hamburger Seemannskneipe, aus der "Inas Nacht" gesendet wird. Im "Schellfischposten" ist Platz für zwölf Zuschauer, ein Klavier und eine Band. Hier krabbelt Ina Müller über Tresen und Flügel, trinkt, singt Fußball-Hymnen, ist derb, hemmungslos und sieht dabei unverschämt gut aus. Stoffelige Fußballtrainer beginnen an ihrer Seite zu plaudern, abgebrühte Fernsehprofis werden sentimental, wenn sie den Kopf neigt, eine Haarsträhne um ihren Finger wickelt und fragt: "Kannst du gut allein sein?"

Zoten sind erwünscht, Peinlichkeiten werden ausgelassen zelebriert. Mit ihrem Gast Hellmuth Karasek etwa diskutiert Ina Müller den Zusammenhang zwischen Nasen- und Penislänge, bis der alte Professor, der ja inzwischen Bücher über Sex schreibt, einen hochroten Kopf bekommt. Schließlich singt sie mit Karasek ein Duett. Das macht sie mit jedem Gast und schafft so die intimsten Momente ihrer Sendung.

"Ich war ganz gerührt, als wir zusammen am Klavier standen und "Unforgettable" sangen. Die Musik begann, ich fragte: ,Hellmuth, bist du aufgeregt?´ Er antwortet schon gar nicht mehr, war wie weggetreten. Und der Song war so schön." Beim Schlussakkord umklammert Karasek die Müllersche Hüfte. Er sieht verwirrt aus und ein bisschen verliebt.

Vom Bauernhof im niedersächsischen Köhlen, wo Ina Müller als vierte von fünf Töchtern aufwächst, war es ein weiter Weg auf die Bühne und ins Fernsehen. Bis sie sechs Jahre alt ist, spricht sie ausschließlich Plattdeutsch. An eiskalte Duschen, an harte Arbeit Tag für Tag erinnert sich Müller. Den größten Teil ihrer frühen Kindheit habe sie im Laufstall verbracht, "so dass die Synapsen möglichst wenig in Bewegung gerieten".

Aus der Enge des Dorfes flieht sie über Bremen und Hamburg nach Sylt, wo sie auch ihre ersten plattdeutschen Konzerte gibt, vor Freunden im kleinen Kreis. Mit 28 weiß sie dann, was sie will, schmeißt ihren Job in der Insel-Apotheke, verlässt den Freund, das Reihenhaus und geht nach Hamburg: "Kleinkunst machen".

Inzwischen wollen alle ein Stückchen Ina Müller abhaben. Sie singt in Talkshows, lehrt Plattdeutsch im Frühstücksfernsehen. Hier eine Gala, dort eine Quizshow. "Ich könnte gerade alles mögliche moderieren, Angebote gibt´s genug." Aber sie will sich das Quäntchen Anarchie bewahren, das ihr die Hafenkneipe um Mitternacht gewährt, sagt sie. "Ist mir scheißegal, ich geb´ jetzt einfach mit dir an", hat Schwester Dörte letztens gesagt, weil sie immer häufiger auf Schwester Ina angesprochen wird.

Zu laut - inhaltlich und organisch

Das gefällt Ina Müller. Sie wirft den Kopf in den Nacken, lacht wieder dieses überschwängliche Lachen. Man möchte ihr ein Halsbonbon schenken. "Bin ich zu laut? Ja? Ich weiß, ich bin manchmal viel zu laut. Inhaltlich und organisch."

Sänger Sasha zu Gast bei "Inas Nacht"

Ob bei ihr denn Drogen im Spiel seien, hat der Spiegel sie kürzlich gefragt. "Nein, nur jeden Tag Ginkgo Biloba fürs Gedächtnis und 100 Milligramm Aspirin für die Gefäße. Ansonsten nur Alkohol! Damit bin ich aufgewachsen, damit kann ich umgehen", antwortete Müller.

Womit wir wieder bei ihrer Heimat wären. Heute fühlt sie "so eine Mischung aus Halsenge und Heimweh", wenn sie zurückkommt: "Diese eintönige Landschaft, diese endlosen Straßen, auch die Erinnerungen. Aber sobald ich mir beim Kaufmann auf´m Dorf Schokolade kaufe, geht mir das Herz auf. Weil ich eine Seelenverwandtschaft spüre und weil er diese Sprache spricht, das Plattdeutsche, das so toll ist."

Plattdeutsch geht auch das Konzert im 3-Sat-Zelt zuende: "Lock-, Lock-, Lockiget un vullet Hoor" singt Ina Müller zur Melodie von "Knockin´ on Heaven´s Door". Die Männer in der ersten Reihe sehen inzwischen aus wie Hellmuth Karasek jüngst vorm Klavier. Verwirrt und ein bisschen verliebt.

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