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In der Anfangszeit flimmerte Eduard Zimmermann noch in schwarz-weiß über die Bildschirme.

50 Jahre "Aktenzeichen XY ... ungelöst"

Verbrecherjagd im Wohnzimmer

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"Ganoven-Ede" und die Bösewichter: Die ZDF-Sendung "Aktenzeichen XY ... ungelöst" feiert den 50. Geburtstag.

Es ist ein dunkler Herbsttag, jener 20. Oktober 1967. Im ZDF-Sendezentrum „Unter den Eichen“ in Wiesbaden haben sich ein paar Journalisten zur Premiere eines neuen Fernsehformats versammelt. Sie wollen dabei sein, wenn einer ihrer Kollegen zur Hatz auf Bösewichter bläst.

Eduard Zimmermann, der bereits in der Vorabend-Serie „Vorsicht Falle“ vor Betrügern, Trickdieben und Schwindelfirmen warnt, startet mit „Aktenzeichen XY ... ungelöst“ eine Sendereihe, die – inzwischen von Rudi Cerne moderiert – den Mainzern noch immer gute Quoten beschert. Und was im Sinne des Gründervaters sein dürfte: Fast die Hälfte der vorgestellten Fälle werden gelöst, die Täter gefasst und rechtmäßig verurteilt.

Zimmermann sitzt an seinem Pult und kündigt ein paar Filmschnipsel an, in denen Schauspieler Ganoven und Opfer mimen. Danach treten echte Polizisten auf, die im Gespräch mit dem Moderator um Mithilfe bei der Aufklärung der vorgestellten Fälle bitten. „Eduard Zimmermann schaut dabei so sauertöpfisch drein, als sei er selbst bestohlen worden“, wird ein Kollege später schreiben. Und er verleiht dem Mann auf dem Bildschirm auch gleich einen Spitznamen: „Ganoven-Ede“. 

An diesem Abend weiß Zimmermann noch nichts von diesem Etikett. Gespannt warten wir mit ihm zusammen auf erste Rückmeldungen, die von einem Experten-Team entgegengenommen werden. Spät am Abend kann er in einem Nachschlag auf dem Bildschirm einen ersten Erfolg melden: In einer Pension wird ein lang gesuchter Betrüger festgenommen. Die Wirtin hat die Sendung gesehen und den Mann als einen ihrer Gäste identifiziert.

Im Studio knallen keine Sektkorken, dazu ist Zimmermann zu sparsam. Dafür klopft ihm sein Redakteur Harald Müller aufmunternd auf die Schulter. Für Müller ist es der erste Einsatz für das ZDF, nachdem er gerade bei einem Stuttgarter Kabarett ausgestiegen ist. Später wird er Produktionen wie Frankenfelds „Musik ist Trumpf“ und die „Peter-Alexander-Show“ betreuen. 

Auch Eduard Zimmermann macht bei den Mainzelmännchen Karriere. Alle vier Wochen begleiten ihn über 30 Millionen Deutsche, Österreicher und Schweizer auf der Ganovenjagd, die Einspielfilme werden professioneller und immer mehr Kriminalisten vertrauen ihm ungelöste Fälle an. Natürlich gibt es auch Kritik. Zimmermann fordere zum Denunziantentum auf, schreiben Zeitungen. Der „Stern“ moniert: „Er will eine spannende Sendung machen, dazu braucht er Halunken. Er bekämpft, wovon er lebt. Er macht eine Schau mit dem passenden Gesicht dazu.“ Und die „Süddeutsche“ sekundiert: „Zimmermann verfolgt das Verbrechen auf Straßenniveau: Es kann jedem passieren – das macht es so mulmig.“

Zimmermann & Co. ist ein Familienunternehmen. In seinem Haus am Stadtrand von Mainz beschäftigt er einen neunköpfigen Stab von Drehbuchautoren, Redakteuren und ehemaligen Kripoleuten.

Tochter Sabine ist bereits dabei, die später zur Co-Moderatorin aufsteigen und die Produktionsleitung übernehmen wird. Ehefrau Rosmarie sorgt dafür, dass ihr Ede nicht abhebt. Angst vor Racheakten der in der Sendung gesuchten Ganoven hat die Familie keine, wohl auch dank der polizeilich ausgebildeten Schäferhündin „Anka“, die das Anwesen bewacht. „Hunde sind besser als jede Alarmanlage“, hat mir Eduard Zimmermann einmal geraten, den ich im Laufe seiner Dienstjahre privat ein wenig näher gekommen war. 

So sauertöpfisch wie er beschrieben wurde, war er nie. Er konnte ziemlich entspannt sein, besonders bei einem bayerischen Schweinebraten mit Knödeln und einer dazu passenden Maß. Das mag an seinem Geburtsort München liegen. Die Mutter war Kellnerin in einem Gasthaus, als Zehnjähriger hat Eduard dort schon serviert. In der Nachkriegszeit landete der Junge – der eigentlich Vermessungsingenieur werden wollte – in Magdeburg, trieb sich erfolgreich als Schwarzmarkthändler in Hamburg herum, verdingte sich beim Zirkus und wanderte mit falschen Papieren in Schweden ein. Bei der Zeitung „Dagens Nyheter“ heuerte Zimmermann als Reporter an, reiste in die Sowjetunion, wurde prompt verhaftet und wegen Spionage zu 25 Jahren Arbeitslager verurteilt. 

Als politischer Häftling saß Eduard Zimmermann mehrere Jahre in den Zuchthäusern von Bautzen und Brandenburg, bis er amnestiert und in die Bundesrepublik abgeschoben wurde.
„Seitdem beherrsche ich die Sprache der Ganoven“, sagte er einmal. In Hamburg arbeitete er für den NDR, bevor er 1962 vom ZDF fest angestellt wurde, zwei Jahre später jedoch eine Position als freier Mitarbeiter vorzog.

In dieser Zeit entwickelte er „Vorsicht, Falle“ und jene „XY“-TV-Jagd, die ihn berühmt machen sollte. Bis zur 300. Sendung, die er im Oktober 1997 moderierte, führte sein Engagement zur Festnahme von 568 Mördern, 579 Räubern, 459 Betrügern und 142 Einbrechern.
Die Kriminalpolizei schätzte Zimmermanns Wirken, so dass sie ihn als einzigen Journalisten in eine Experten-Kommission berief, die Reformvorschläge für das Bundeskriminalamt ausarbeitete. 1998 erhielt er das Große Bundesverdienstkreuz für die Organisation „Weißer Ring“, die er gemeinsam mit dem Nürnberger Oberstaatsanwalt Hans Sachs gegründet hatte und die Opfer von Verbrechen juristisch berät und finanziell unterstützt.

Eduard Zimmermann starb im Alter von 80 Jahren in einer Münchner Seniorenresidenz. „Mein Vater hat immer selbstbestimmt gelebt und in den letzten Stunden deutlich gezeigt, dass es jetzt gut und der richtige Zeitpunkt gekommen war,“ erklärte seine Tochter Sabine der „Süddeutschen Zeitung“. Bis kurz vor seinem Tod sei er „zu jeder Minute mit seinem Leben zufrieden“ gewesen. 
Gemeinsam mit seiner Frau Rosmarie ist Eduard Zimmermann auf dem Münchner Nordfriedhof begraben. Auf der Stele, die beider Namen trägt, führt eine Treppe hinauf zu einer Tür, die einen Spalt breit geöffnet ist.

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