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Der Markusplatz, Venedigs tiefster Punkt, war besonders betroffen.

Überschwemmung

Venedig unter Wasser

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Die Flut steht in den Straßen, der Markusdom gleicht einem Schwimmbad. In den Fokus der Debatte rückt ein Schutzdamm, der den Schaden womöglich hätte begrenzen können.

Drei Mal schrillten am Dienstagabend die Sirenen, das Alarmsignal für nahendes Acqua Alta. Wenig später drängte das Hochwasser aus der Lagune in die vielleicht schönste Stadt der Welt. In nur zwei Stunden stieg die Flut auf 1,87 Meter über Normalpegel, den höchsten Stand seit mehr als einem halben Jahrhundert. Es waren fast 40 Zentimeter mehr als von der Stadtverwaltung Venedigs vorhergesagt. „Das Wasser kam mit einer Geschwindigkeit, wie wir sie noch nie erlebt haben“, sagt Marco Gasparinetti am Telefon. Der venezianische Anwalt lebt mit seiner Familie an einem der vielen kleinen Kanäle. Die salzhaltige Flut überschwemmte die Gasse, drang durch die Fenster, aus Abflüssen und der Toilette und breitete sich rasant im Erdgeschoss aus.

Zusätzlich tobte ein Sturm mit Windgeschwindigkeiten bis 100 Stundenkilometern und Starkregen. Er drückte das Wasser aus der Adria in die Lagune. Am Canale Grande schleuderten die Wellen Gondeln gegen Hauswände, drei Wasserbusse sanken. Gegen 22.50 Uhr standen 80 Prozent der Stadt mit ihren jahrhundertealten Palazzi unter Wasser, Venezianer und Touristen kämpften sich durch hüfthohe Fluten. Auf der überschwemmten Laguneninsel Pellestrina starb ein 78 Jahre alter Rentner an einem Stromschlag, als er die Motorpumpe zur Entwässerung in Gang bringen wollte.

Besonders schlimm traf es die Piazza San Marco, einen der tiefsten Punkte Venedigs. Der Markusdom glich mit einem Wasserstand von 1,10 Meter einem Schwimmbad. Die Krypta versank ebenso wie die kostbaren marmornen Fußbodenmosaike. Auch ein Teil der goldenen Wandmosaike, täglich von Tausenden Besuchern aus aller Welt bestaunt, wurde beschädigt. Im Laufe der Nacht sank der Pegel. „Das Wasser geht zurück und verdampft, aber das Salz bleibt drinnen“, sagte der Ingenieur des Doms, Pierpaolo Campostrini. Es zersetzt langsam die Mosaike und Mauern. Das letzte Acqua Alta vom Oktober 2018, „nur“ 1,58 Meter hoch, richtete Schäden von drei Millionen Euro in der Basilika an. Es könne nicht mehr so weitergehen, warnten die Dom-Verantwortlichen jetzt. Aber am Mittwochvormittag folgte schon das nächste Hochwasser, wenn auch weniger stark als in der Nacht.

Ein Ladenbesitzer betrachtet den Schaden.

Der Präsident der Region Venetien, Luca Zaia, spricht von apokalyptischen Zerstörungen. „Venedig wurde in die Knie gezwungen“, klagt Bürgermeister Luigi Brugnaro. Er wollte den Notstand ausrufen und entschuldigte sich bei den Bürgern, dass die Vorhersagen so falsch gelegen hatten.

Nur ein einziges Mal war das Hochwasser mit 1,94 Meter noch höher als am Dienstag. Das war 1966. „Aber damals stieg das Wasser ganz langsam, innerhalb von 24 Stunden“, sagt Marco Gasparinetti. Außerdem gebe es jetzt immer häufiger Alarm. Im Herbst und Winter stehen viele der „Calle“ genannten Gassen bis zu zehn Mal unter Wasser. Vergangenes Jahr wurde der Markusplatz dem Hochwasser-Zentrum der Stadt zufolge sogar 56 Mal überflutet.

Bürgermeister Brugnaro macht den Klimawandel verantwortlich. Aber Gasparinetti, Sprecher der Bürgerinitiative „Gruppo 25 Aprile“, die für die Interessen der 60 000 Venezianer kämpft, hält die Ursachen für menschengemacht. Die drei Zugänge zur Adria seien so vergrößert worden, dass die einst geschützte Lagune inzwischen fast ein Meeresarm sei. „Die Öffnung am Lido di Venezia wurde von 80 Zentimeter auf zwölf Meter Tiefe ausgebaggert, damit Kreuzfahrtriesen passieren können“, sagt Gasparinetti. In Malamocco habe man die Zufahrt für Öltanker vergrößert. „Zusammen mit dem Klimawandel und dem Anstieg der Meere bedeutet das, Venedig und seine Kunstschätze werden 2050 verschwunden sein“, fürchtet er.

Die Rettung sollte eigentlich der umstrittene Schutzdamm Mose bringen. An den Eingängen der Lagune sind unter Wasser riesige bewegliche Metallkästen installiert worden, die bei drohendem Hochwasser aus der Adria zu einer Barriere hochgefahren werden könnten – theoretisch. Den Startschuss für das auf 2,5 Milliarden Euro angelegte Projekt gab der damalige Premier Silvio Berlusconi 2003. Inzwischen sind die Kosten auf sechs Milliarden gestiegen, auch weil 2014 ein Korruptionsskandal aufflog, in den führende Regionalpolitiker verwickelt waren. Mose steht seither unter staatlicher kommissarischer Verwaltung. Und auch nach 16 Jahren ist der künstliche Damm nicht in Betrieb. Die Metallkästen sind bereits von Rost und Muscheln angefressen.

Die Frage, wieso Mose angesichts der Rekordfllut nicht trotzdem hochgefahren wurde, wird in Venedig jetzt hitzig debattiert. Der Bürgermeister sagt, er sei eben nicht fertig. Giovanni Cecconi, Ex-Verantwortlicher des Mose-Kontrollzentrums, hält dagegen: „Auch wenn Mose nicht vollständig ist, hätte der Schaden begrenzt werden können.“ Die staatliche Bürokratie habe das verhindert.

Bürgermeister Brugnaro versichert, er werde jetzt bei der Regierung in Rom darauf drängen, den Damm so rasch wie möglich in Betrieb zu nehmen. Dass er Venedig jedoch auf Dauer vor dem Untergang retten kann, bezweifeln die meisten Experten.

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