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Eine stolze Stadt – doch selbst der Titel eines Unesco-Weltkulturerbes ist durch den Kreuzfahrttourismus in Gefahr.

Venedig

Jeder Fellini-Film muss einmal enden

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Wie sich die schwimmenden Kolosse durch die Abendsonne gen Hafen schieben, mag romantisch sein. Doch selbst ehemalige Liebhaber der Kreuzfahrtschiffe wollen sie nach dem jüngsten Unfall in Venedig nicht mehr in der Lagunenstadt sehen.

Arrigo Cipriani ist einer der bekanntesten Venezianer. Der 87-jährige Betreiber von „Harry’s Bar“, der legendären Stammkneipe von Ernest Hemingway, wo der Bellini-Cocktail und das Carpaccio erfunden wurden, hat Kreuzfahrtschiffe bisher nicht als Gefahr gesehen. Im Gegenteil. Die Kolosse, die sich wie schwimmende Hochhäuser durch die zerbrechliche Lagunenstadt schieben, gefielen ihm. „Die Bilder erinnern mich an Fellini-Filme“, pflegte er zu sagen.

Dabei warnen Umweltschützer und Bürgerinitiativen schon seit vielen Jahren davor, dass es wegen der Schiffsriesen zu einer Katastrophe im Unesco-Weltkulturerbe Venedig kommen könnte. Erst recht seit dem Costa-Concordia-Unglück 2012, als vor der Insel Giglio 32 Menschen starben. Nach dem Unfall vom Sonntag hat auch Cipriani seine Meinung geändert – wie wohl die meisten bisherigen Befürworter des Kreuzfahrttourismus in Venedig. Die Schiffsriesen müssten aus seiner Heimatstadt verbannt werden, fordert der Barbesitzer jetzt. „Das war ein Unfall, der viel schlimmer hätte enden können.“

Tatsächlich scheint es beim Betrachten der im Netz veröffentlichten Handy-Videos wie ein Wunder, dass es nur fünf Leichtverletzte gab. Die 275 Meter lange, 54 Meter hohe und 66 000 Tonnen schwere „MSC Opera“ hatte am Sonntagmorgen den Markusplatz passiert, als sie im Giudecca-Kanal wegen eines Motorschadens plötzlich außer Kontrolle geriet. Mit gellendem Sirenenalarm lief das Riesenschiff ungebremst auf die Anlegestelle San Basilio zu. Dort schrammte es an der Kaimauer entlang – und rammte schließlich das kleine Ausflugsboot „River Countess“.

Dessen 130 Passagiere, die eine Tour der venezianischen Villen entlang des Po gebucht hatten, flohen panisch. Mehrere ältere Touristen und ein Besatzungsmitglied kamen dabei zu Schaden. Zwei Australierinnen, eine Neuseeländerin und eine Amerikanerin wurden im Krankenhaus behandelt. Anwohner berichteten, beim Aufprall des Schiffes habe der Boden gezittert wie bei einem Erdbeben.

Der Unfall hat die seit Jahren geführte Kontroverse über den Kreuzfahrttourismus in Venedig wieder voll entfacht. „Man kann nicht warten, bis diese Monster von Toten gestoppt werden“, schrieb die Bürgerinitiative „Comitato No grandi navi“ auf Facebook und protestierte mit einem Sit-in vor dem Ordnungsamt. Dort hatte Bürgermeister Luigi Brugnaro am Sonntag eine Krisensitzung einberufen. Er verlangte ein sofortiges Durchfahrtverbot im Giudecca-Kanal.

Ein glimpflicher Ausgang – aber trotzdem hat der Unfall viele Venezianer aufgewühlt.

Das von einer Mitte-Rechts-Mehrheit gestützte Stadtoberhaupt, der zur rechten Lega gehörende Gouverneur der Region Venetien sowie Italiens Innenminister, Lega-Chef Matteo Salvini, sie alle wollen den Schuldigen am Unglück ausgemacht haben: Salvinis Regierungspartner, die Protestbewegung Fünf Sterne, und insbesondere deren Verkehrsminister Danilo Tonninelli, der den Bau eines Kreuzfahrt-Terminals im Industriehafen von Marghera blockiert habe. „Ohne das Nein der Fünf Sterne hätte der Unfall verhindert werden können“, erklärte Salvini.

Noch unter der Vorgängerregierung war Ende 2017 mit der Stadt und der Region vereinbart worden, dass Kreuzfahrtschiffe ab 2021 nicht mehr durch den Giudecca-Kanal bis in den Hafen von Venedig, sondern südlich durch die Lagune nach Marghera ans Festland fahren sollen. Umweltschützer, aber auch die Fünf Sterne lehnten das ab. Große Schiffe dürften gar nicht mehr in die ökologisch stark gefährdete Lagune einlaufen, fordern sie. „Venedig rettet sich nur, wenn die Lagune gerettet wird“, mahnt etwa die Präsidentin des Umweltverbands Italia Nostra, Lidia Fersuoch.

Als mögliche Alternativen gelten vorgelagerte Kreuzfahrt-Terminals, etwa in Chioggia oder auf dem Lido. Tonninelli versprach am Montag, in Kürze werde der Altstadtkanal für große Schiffe gesperrt und bis Ende Juni die Entscheidung für ein Alternativprojekt gefällt. Er vergaß aber nicht zu betonen, man müsse zwar die Umwelt, aber auch die Arbeitsplätze schützen. Denn dass die Kreuzfahrt für Venedig ein Wirtschaftsfaktor ist, kompliziert die Sache. 2018 passierten knapp 600 Riesenschiffe den Giudecca-Kanal, im Schnitt zwei pro Tag, sie brachten mehr als 1,5 Millionen Touristen. Die Reisenden, die Reedereien und die Besatzungen lassen täglich mehr als 400 000 Euro in der Stadt, rund 150 Millionen jährlich.

Kritiker werfen Bürgermeister Brugnaro vor, dass er noch vor wenigen Jahren als Befürworter der Kreuzfahrtriesen auftrat. Er machte Schlagzeilen, weil er eine Ausstellung des Fotografen Berengo Gardin verhinderte, den den grotesken und bedrohlichen Größenunterschied zwischen den jahrhundertealten venezianischen Palazzi und den schwimmenden Giganten zeigte. Aber auch der Bürgermeister hat inzwischen seine Meinung korrigiert - ein bisschen zumindest.

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