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Mit Haut und Haar: Diese Postkarte schickte eine gewisse Johanna an ihren Verlobten Edmund am Ende des ersten Weltkrieges. Liebesbriefarchiv Uni Koblenz/lb_740_004
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Mit Haut und Haar: Diese Postkarte schickte eine gewisse Johanna an ihren Verlobten Edmund am Ende des ersten Weltkrieges.

Was fürs Herz

Valentinstag früher und heute: „Liebesbriefe schreiben alle“

  • Peter Riesbeck
    vonPeter Riesbeck
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Nicht nur am Valentinstag wagen sich die Menschen an die schönsten und mitunter kitschigsten Zeilen heran. Der Alltag ist voll davon, so Sprachwissenschaftlerin Eva Lia Wyss.

Professorin Wyss, wann haben Sie mit Ihrer Forschung begonnen?

Im Winter 1997 hatte ich die Idee, mich stärker mit Liebesbriefen zu befassen. Liebesbriefforschung gab es, aber da ging es eher um deren Bedeutung im Rahmen des Gesamtwerks von Schriftstellerinnen und Schriftstellern. Auch die Ausbildung von Bürgerlichkeit im 19. Jahrhundert war ein großes Thema. Mich hat dann interessiert, wie es mit Liebesbriefen von gewöhnlichen Menschen aussieht. Nach einem ersten Aufruf kamen überraschend rund zweitausend Briefe zusammen. Im Rahmen meiner Habilitation habe ich mich dann darauf konzentriert. Mittlerweile verfügen wir in unserer Sammlung über rund zwanzigtausend Liebesbriefe.

Und welche Tendenzen lassen sich in den Briefen ablesen?

Die Gattung des Liebesbriefs ist eine Gebrauchstextsorte, die sehr weit verbreitet ist, und zwar ohne dass es in der Schule eigens unterrichtet wird.

Valentinstag früher und heute: Ursprung wohl im alten Rom

So viel Liebe

Eva Lia Wyss ist seit 2012 Professorin für Sprachwissenschaft und Sprachdidaktik an der Universität Koblenz-Landau. Sie betreut auch das Liebesbriefarchiv der Uni Koblenz. Das Archiv wird nun mit Mitteln des Bundesforschungsministeriums digitalisiert. Wer sich dort umschauen will, findet es unter: liebesbriefarchiv.wordpress.com

Der Valentinstag mag manchen als kitschige Erfindung der Neuzeit gelten, hat aber tatsächlich eine lange Geschichte. Das Fest am 14. Februar geht vermutlich auf den heiligen Valentin von Rom zurück, der Soldaten traute, denen das Heiraten untersagt war. Im Mittelalter wird es im Zuge der höfischen Liebe romantisiert. Die anglikanische Kirche macht den Tag vom 18. Jahrhundert an als Fest der Liebenden populär.

Ein Blick auf den „Love Index“, den das Unternehmen Mastercard jährlich kurz vor dem 14. Februar vorlegt, zeigt: Im vergangenen Jahr haben die Menschen in Deutschland rund 250 Millionen Euro für Valentinstag-Geschenke ausgegeben, vor zehn Jahren waren es rund 170 Millionen Euro. Vom Boom der Lust, die Liebsten zu beschenken, profitierten seit 2011 vor allem Restaurants, Juwelierläden und Blumengeschäfte. Für den Valentinstag 2021 planen laut Love Index 45 Prozent der Befragten ein romantisches Menü in den eigenen vier Wänden, 29 Prozent wollen zu Hause einen Spa-Tag verbringen. Für den Mastercard Love Index werden Kartentransaktionen in 53 Ländern ausgewertet und jedes Jahr im Januar 19 000 Menschen in 19
Ländern befragt. boh

Wobei „Gebrauchstextsorte“ jetzt so gar nicht romantisch klingt …

Mag sein, aber Liebesbriefe schreiben alle. Das ist das Spannende. Wir beobachten mit der Ausweitung der Schriftlichkeit auch eine Ausweitung des Liebesbriefs. Im 19. Jahrhundert konzentrierte sich das schriftliche Liebesbekenntnis stark auf die bürgerliche Welt. Mit der Durchsetzung der Schulpflicht eroberten sich nach und nach alle Schichten den Liebesbrief. Der Durchbruch kam dann in den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Uns als Sprachwissenschaftlerinnen liefert das einen unverfälschten Eindruck auf die Schriftlichkeit von unten.

In den 1960ern kam auch der Ruf nach freier Liebe auf. Spiegelt sich das in den Briefen wider?

Was wir bisher als Tendenz beobachten können, ist eine Ausdifferenzierung der Liebesbriefe unter anderem entlang unterschiedlicher Schreibanlässe, Altersgruppen, aber auch verschiedener Milieus. So schreiben in den 60er Jahren auch Kinder sogenannte Schülerzettelchen, in den 80er Jahren tauschen sich Jugendliche darüber aus, wie und wann sie Sex haben möchten.

Ab wann kam das Thema Sexualität in den Briefen auf?

Sexualität ist in Liebesbriefen als eine Dimension des Liebens zentral. In den Anfängen des 20. Jahrhunderts geschieht dies noch sehr stereotyp in formelhaften Teilen wie in Anrede und Grußformel. Die „innigst geliebte“ Marthe wird mit „10 000 innigsten Küssen“ verabschiedet. Dies ändert sich bereits im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts. Man erlaubt sich explizite sexuelle Anspielungen und schreibt über das Gefühl des Begehrens, die Leidenschaft. Nach einem Backlash in den 1930ern wird der Faden nach dem Zweiten Weltkrieg wieder aufgenommen. Eine zunehmend deutliche Sprache, ein persönlicher Ausdruck setzt nach und nach ein. Dabei wird je nach Beziehungsstatus und Milieu Sexualität als konkrete sexuelle Praxis, als Begehren oder auch durch eine mehr und mehr offen dargestellte Leidenschaftlichkeit zum Ausdruck gebracht.

Valentinstag: Vom Liebesbrief zum Brautbrief

Im 19. Jahrhundert gab es die sogenannten Brautbriefe. Was verbirgt sich dahinter?

Brautbriefe sind Liebesbriefe, die im 19. Jahrhundert in der Regel als Elemente einer Korrespondenz im Rahmen einer von den Eltern befürworteten Verlobung verfasst werden. Hier kommt dem Mann eine leidenschaftliche Rolle zu. Er bringt durch höchstmögliche Schreibkunst seine Passion zum Ausdruck, während die Frau züchtige Antwortschreiben verfassen sollte. Nach der Hochzeit bricht die Korrespondenz in der Regel ab.

Gibt es Briefe im Archiv, die Sie besonders berühren?

Viele sogar, etwa von einem Mann, der für seine Frau in seinem Nachlass einen Dankesbrief für 50 Ehejahre hinterlässt. Auch der Abschiedsbrief ist ein Liebesbrief.

Mit Herzchen und Schnörkel: Diesen Brief schrieb Karl 1906 an seine Verlobte Grete geschrieben.

Vor vielen Jahren erregte eine Moderatorin Aufsehen, weil sie sich per SMS von ihrem damaligen Lebensgefährten trennte. Was sagt uns das?

Der Schriftsteller Nick Hornby hat der Trennung per SMS ein ganzes Buch gewidmet. „How to be good“ heißt es. Um es kurz zu fassen: Wer in der Beziehung nicht über eine gute Kommunikation verfügt, findet vermutlich auch bei der Trennung nicht den richtigen Ton.

Valentinstag 2021: Digitalisierung sorgt für Aufschwung

Man kann Ihnen mittlerweile gratulieren, Frau Wyss; die Erforschung des Liebesbriefarchivs wird nun vom Bundesministerium für Bildung und Forschung als Citizen-Science-Projekt gefördert. Aber was kann Bürgerwissenschaft für Ihre Arbeit leisten?

Die Förderung verleiht unserer Arbeit neuen Schwung. Wir können die Digitalisierung des Archivs fortsetzen und gemeinsam mit Wissenschaftlerinnen der Technischen Universität und Hochschule Darmstadt sichten und evaluieren. Dabei geht es auch um eine Verstetigung der Kontakte mit den Bürgerinnen und Bürgern, schließlich lebt unser Archiv davon, dass wir von den Menschen Briefe bekommen. Es geht aber auch darum, Einsicht in unsere Arbeit zu vermitteln. Computer sind nicht einfach Rechenmaschinen, die schnell Ergebnisse liefern. Wir müssen die Briefe sichten und kodieren. Es geht auch darum, Einsichten in das wissenschaftliche Arbeiten zu vermitteln. Dabei profitieren wir als Forscherinnen auch davon, von den Bürgerinnen und Bürgern eine Außenperspektive auf unsere Arbeit zu erhalten, beispielsweise interessante neue Blicke auf unsere Materialien und Vorgehensweise.

Mit Schmerz und Wut: Brief eines Teenies von 1997.

Citizen Science setzt auch auf einen Dialog zwischen Wissenschaft und Gesellschaft – wie sieht das in Ihrem Projekt aus?

Wir treten mit den Bürgerinnen und Bürgern in einen Dialog. Wir streben an, neue Formate zu entwickeln wie Science Labs oder Blind-Date-Cafés, in denen wir mit den Bürgerinnen und Bürger nicht nur über unsere Arbeit sprechen, sondern auch Briefe vorlesen und über den Wandel der Liebesbriefe im Lauf der Zeit sprechen, den sprachlichen Kontext erörtern oder auch sprachliche Codes dekodieren. Wir wollen neue Formen finden, sich mit den Briefen auseinanderzusetzen. Ich erlebe das bei Vorträgen immer wieder, dass Bürgerinnen und Bürger einfach andere Fragen stellen als das Fachpublikum. Das ist enorm belebend. (Interview: Peter Riesbeck)

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