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Wie sehr ein Vater sich einbringt, hängt auch davon ab, wie sehr die Frau ihn lässt.

Väterzentrum

"Väter, packt an, Mütter, lasst los!"

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Der Gründer des Väterzentrums Berlin, Eberhard Schäfer, über Latte-macchiato-Daddys, Rollenklischees und die Macht der Frauen.

Ein Ladengeschäft im Prenzlauer Berg. In der Ecke hängt ein Sandsack, an der Wand eine Rennbahn, der Tisch ist mit Bierdeckeln dekoriert. Man könnte fast denken, man sei in eine Fußballkneipe geraten, nicht in ein Informationszentrum für Väter. Man spielt hier gern mit Klischees von Männlichkeit. Seit zehn 10 Jahren existiert das Väterzentrum, eine bundesweit einzigartige Einrichtung. Gründer Eberhard Schäfer macht auf dem Sofa Platz und räumt ein paar Kuscheltiere beiseite.

In Berlin gibt es viele Latte-macchiato-Daddys: Junge Väter sind in der Stadt präsent, mit Babys im Tragetuch, auf dem Spielplatz, beim Elternabend. Sind die Berliner Männer moderner als der Rest des Landes?
Latte macchiato oder Feierabendbier – in Berlin sind die modernen Väter vielleicht sichtbarer und sie wirken vielleicht cooler als anderswo. Aber es kann auch sein, dass ein Vater sich gut kümmert, ohne dass das auffällig ist. Das meiste davon findet ja zu Hause statt. Die Stadt mit dem höchsten Anteil an Vätern, die Elternzeit nehmen, ist zum Beispiel Jena. Über fünfzig Prozent aller Männer, die Vater werden, gehen da in Elternzeit. In Berlin liegt der Wert zwischen 35 und 40 Prozent.

Das Väterzentrum wurde vor zehn Jahren gegründet, zur gleichen Zeit, als in Deutschland das Elterngeld und die Vätermonate eingeführt wurden. Zufall?
Es war eine Zeit, in der man anfing, anders auf Väter zu schauen. Damals wurde viel über „aktive Vaterschaft“ gesprochen. Alle wollten, dass Väter sich mehr engagieren. Aktive Vaterschaft wurde aber nirgendwo gefördert. In die Familienzentren gingen nur die Mütter – und das schreckt Väter ab. Die Themen, die Sprache, die Ästhetik spricht Männer nicht an. Man rechnete dort auch gar nicht mit ihnen. Falls sich doch mal einer dorthin verirrte, wurden Männer oft herablassend oder wie Exoten behandelt. Mein Mitstreiter Marc Schulte und ich wollten das anders machen und Vätern eine Anlaufstelle bieten.

 Standen die Papas Schlange, als Sie den Laden aufgemacht haben?
Es gab ein verhaltenes Interesse. Viele rätselten, was sich hinter dem Namen verbirgt. Manche vermuteten, es sei etwas für Alleinerziehende oder etwas für Väter, die von ihren Partnerinnen geschlagen wurden. Mütter waren oft aufgeschlossener, die nahmen unsere Broschüre mit, die sie ihren Männern geben wollten. Manchmal stehen hier auch Touristen vor der Tür, die sich amüsieren, ein Väterzentrum – typisch Prenzlauer Berg. Mittlerweile werden wir als selbstverständlicher angesehen. Wer einmal hier war, der kommt fast immer wieder.

Was läuft hier anders als bei der Krabbelgruppe mit Müttern?
Hier finden Väter männliche Ansprechpartner, und es sieht anders aus. Wir haben einen Tisch mit Bierdeckeln, es gibt einen Boxsack, Fußbälle, eine Carrera-Rennbahn, so Jungsspielzeug halt. Das mag nach einem stereotypen Männerbild klingen. Ist es auch, es zieht aber. Die Väter werden hier nicht in den Himmel gehoben, aber auch nicht schief angeguckt. In Krabbelgruppen, die überwiegend von Frauen besucht werden, fühlen sich Männer oft unwohl, beobachtet, als Außenseiter – das sagen sie hier.

Sind Männer netter zueinander?
Die Atmosphäre ist entspannt, die Männer tauschen sich aus, wie sie ihre Kinder trösten, was sie ihnen zu essen machen, wenn sie schon feste Nahrung zu sich nehmen. Man sucht nicht nach Fehlern bei anderen, sondern man sucht Anregungen, unterhält sich über den Alltag mit Kindern. Wenn Mütter Einblick in unser Papa-Café haben, sagen sie oft: Wow, hier ist es ja total relaxt. Sie sagen: Wir Mütter sind viel mehr hinter unseren Kindern her, haben ständig Angst, dass was passiert. Väter können offenbar die Leine etwas länger lassen. Das sagen die Mütter.

Haben sich seit der Einführung des Elterngeldes die Geschlechterstereotypen gewandelt?
In diesem Bereich ist vieles in Bewegung. Elternzeit zu nehmen gehört bei Vätern inzwischen zum guten Ton. Es ist viel leichter, das in den Betrieben anzumelden. Väter in Berlin nehmen überdurchschnittlich lang Elternzeit. Oft drei Monate und manche auch ein ganzes Jahr.

Oft nehmen die Männer aber nur zwei Monate, und zwar mit der Partnerin zusammen, so dass sie sich weiterhin hauptsächlich ums Kind kümmert.
Es gibt selbstbewusste Väter, denen es wichtig ist, eine eigenständige Beziehung zum Kind zu entwickeln. Aber es gibt auch andere, die sehen sich eher als Assistenten, als Zuarbeiter. Wie das in den Familien gestaltet wird, hängt nicht nur von den Vätern, sondern sehr stark von den Partnerinnen ab. Wir hören immer wieder Geschichten von Männern, die gern länger Elternzeit genommen hätten, denen die Mütter aber gesagt haben: Das Babyjahr gehört mir. Dann bleiben nur noch zwei Monate. Die Mütter sind enorm wichtig. Es macht einen Unterschied, ob sie es unterstützen, wenn der Vater sich engagiert, oder eher das Gefühl haben, dass ihnen etwas weggenommen wird. Oft gibt es hier auch Ambivalenzen: Toll, dass er sich ums Kind kümmert – aber macht er das so, wie ich es will?

Manche argumentieren, dass der Vater im ersten Lebensjahr sowieso nichts machen kann.
Diesen furchtbaren Satz höre ich auch häufig, von den Männern, die in unsere Geburtsvorbereitungskurse kommen. Sie können sich oft gar nicht vorstellen, dass sie eine existenzielle Beziehung mit dem Baby haben können. Dabei ist es seit Jahren wissenschaftlich erwiesen, dass Väter frühzeitig eine genauso enge Beziehung zum Kind aufbauen können wie die Mütter. Wenn ein Baby auf der nackten Haut des Vaters liegt, passiert im Körper das Gleiche wie bei der Mutter, es werden dieselben Bindungshormone ausgeschüttet. Da gibt es viele Studien dazu, es ist alles nachgewiesen. Trotzdem fühlt man sich manchmal im Gespräch mit den Paaren so, als sei man in die 50er Jahre zurückkatapultiert.

Wenn sich am Anfang vorrangig die Mutter ums Baby kümmert, ist die Aufgabenverteilung damit zementiert, oder kann man das später wieder aufbrechen?
Wenn die Frau sich dauernd einmischt und sagt, lass mich mal, ich wickele schneller als du, ich ziehe das Kind besser an, dann wird der Mann schnell das Interesse verlieren – und sich auf das konzentrieren, was er gut kann: Geld verdienen, Versorger sein. Es ist vielleicht traurig, aber viele Väter wachen erst auf, wenn die Paare sich trennen. Sie stellen dann fest, dass sie mehr sein wollen als nur der Zahlvater. Viele wenden sich dann an uns.

 Mit welchen Problemen kommen die Väter zu Ihnen?
Viele wollen nach Trennungen für ihre Kinder im Alltag präsent bleiben. Oft waren sie das jahrelang – und verstehen nicht, warum sie plötzlich nur noch Wochenendväter sein sollen. Es geht um die Suche nach einer guten Betreuungslösung. Dahinter steht der Wunsch nach einer guten Beziehung zwischen Vater und Kind. Von dieser Grundfrage gibt es viele Varianten. Etwa will die Expartnerin plötzlich, dass der Vater die Kinder seltener sieht. Oder ein Kind kommt zur Welt, ohne dass die Eltern vorher eine Partnerschaft hatten, und der Vater möchte Verantwortung für sein Kind übernehmen. Hinter all diesen Fragen kann man den allgemeinen Trend sehen, dass Väter ihren Kindern nahe sein und sie im Alltag begleiten und erziehen wollen. Wie auch Mütter dies selbstverständlich tun.

Obwohl die Väter sich mehr einbringen wollen, ist die Erledigung von Hausarbeit weiterhin zu 70 Prozent Frauensache. Warum?
Zu Hause haben Frauen meist die Lufthoheit, sie entscheiden, was dort passiert, sie wissen, wie das mit dem Waschen und mit dem Kochen funktioniert. Sie bestimmen die Spielregeln. Das Heim ist – immer noch oft – die Domäne der Frauen. Dass Väter sich da zurückhalten, kann ich nachvollziehen. Wenn sich etwas ändern soll, sind beide gefordert.

80 Prozent der Väter wollen Teilzeit arbeiten. Nur 10 Prozent machen das. Sind daran auch die Frauen schuld?
Ich spreche lieber von Verantwortung. Teilzeit zu arbeiten ist für Männer etwas sehr Ungewöhnliches. Wer das machen will, wird sofort vom Chef schief angeguckt, mit Fragen konfrontiert: Willst du hier nicht mehr arbeiten, gefällt es dir nicht mehr? Hinzu kommt, dass Männer oft mehr verdienen, Paare nicht auf Einkommen verzichten wollen.

Was muss sich ändern, um traditionelle Rollenbilder zu modernisieren?
Ich wäre für eine verpflichtende Elternzeit von drei Monaten, fürchte aber, dass das politisch nicht durchsetzbar ist. Abgesehen davon: Man müsste werdende Eltern viel besser beraten, dass sie früher darüber reden, wer was macht. Man müsste viel stärker darauf eingehen, wie sich Väter engagieren können, und wie gut das für die Kinder ist. Das Thema spielt bisher zum Beispiel in Geburtsvorbereitungskursen kaum eine Rolle, aber auch professionelle Beratungen, etwa der Jugendämter, sehen den Stellenwert der Väter noch viel zu wenig. Die Familienpolitik behandelt Väter nach wie vor stiefmütterlich. Viele Paare schlittern in die Rollen hinein, weil sie sie so kennen, von ihren eigenen Eltern etwa, und weil sie zu wenig miteinander reden. Mein Credo ist: Sprecht miteinander – und: Väter, packt an! Mütter, lasst los!

Eine Bekannte erzählte neulich, dass ihr Mann mit dem drei Jahre alten Sohn immer nur ins Café ginge. Er wisse sonst nicht, was er mit dem Kind unternehmen solle. Müssen Sie Vätern Freizeittipps geben?
Viele Väter und auch Mütter meinen, sie müssten ihrem Nachwuchs immer etwas Besonderes bieten – so, dass das Kind von dem vereinnahmt wird, was geboten wird, und die Eltern bleiben im Hintergrund. Diese Eventkultur greift um sich. Neulich rief mich ein Vater an und wollte wissen, ob ich für ihn und seinen Sohn ein Familienhotel mit Kinderbetreuung an der Ostsee empfehlen kann. Das konnte ich nicht, wollte es aber auch nicht. Ich empfahl ihm, er solle lieber mit seinem Sohn etwas gemeinsam erleben, Muscheln suchen am Strand, Steine sammeln, Sandburgen bauen. Etwas, was für beide schön ist, und was Verbindung schafft und hält. Das muss überhaupt nicht spektakulär sein.
 
Interview: Sabine Rennefanz

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