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Satte Rabatte und immer alles da – im endlos kreisenden Strudel aus Warenfluss und Kundenstrom irgendwie auch Normalität. 

Utopie - Was wir haben, was wir tun

Leben auf Kosten anderer - aber es gibt Alternativen

Selbst wenn sie sich bemühen: Gerade in reichen Gesellschaften haben die Menschen kaum eine andere Wahl, als auf Kosten anderer zu leben und zu wirtschaften. Ein gutes Leben für alle ist nur möglich, wenn wir die imperiale Lebensweise beenden

Heute ist ein guter Tag. Du hast endlich beschlossen nicht mehr auf Kosten anderer zu leben! Ab heute soll dein Leben frei von Ausbeutung, fair und nachhaltig sein!

Nachdem du dein Auto stehen gelassen hast, fällt dir auf, dass du mit keinem der Busse rechtzeitig bei der Arbeit bist. Und du fragst dich, ob der Bus mit Erneuerbaren Energien betrieben wird. Deine Kinder beschweren sich, dass es keine Kiwis zum Frühstück gibt und du so lange damit beschäftigt bist, Wurmlöcher aus den Äpfeln zu schneiden. Beim Blick auf deinen Pulli stellst du fest, dass er vermutlich unter menschenunwürdigen Bedingungen hergestellt wurde. Du diskutierst eine Stunde mit deinen Kollegen, warum du es besser findest, Fairtrade-Kaffee zu trinken. Dein Chef droht dir mit Kündigung, als du ein Vier-Stunden-Arbeitsmodell vorschlägst. Die Energiegenoss*innenschaft will dich nicht aufnehmen, weil du kein Kapital anlegen kannst. Und als du deiner Mutter vorschlägst, ein Wochenende an der Ostsee zu verbringen, statt nach Portugal zu fliegen, sagt sie: „Die Bahnfahrt ist teurer als der Flug. Ich weiß gar nicht, was mit dir los ist, das ist doch ganz normal. Das machen doch alle so.“

Es ist unmöglich, heutzutage so zu leben, dass weder Menschen noch die Natur dabei ausgebeutet werden. Überall stoßen wir auf Hindernisse. Gerade in reichen Gesellschaften bleibt den Menschen kaum eine andere Wahl, als tagtäglich auf Kosten anderer zu leben – selbst wenn sie sich bemühen, dies nicht zu tun. Zu realisieren und sich einzugestehen, dass man auf Kosten anderer Menschen, zukünftiger Generationen und der Natur lebt, kann schmerzhaft sein.

Die Grenzen dieser Lebensweise werden tagtäglich sichtbarer

Zugleich türmen sich in unseren Gesellschaften Probleme, die etwa durch steigende Mieten, unsichere Arbeitsverhältnisse, Pflegenotstand und zunehmenden Leistungsdruck in einer Ellenbogengesellschaft hervorgerufen werden. Für immer mehr Menschen bleibt das Versprechen eines guten Lebens unerfüllt.

Sich mit der imperialen Lebensweise zu befassen, bedeutet im Kern, sich die Frage zu stellen, warum wir auf Kosten anderer leben.

Die alltägliche Art und Weise, wie die meisten Menschen im globalen Norden wirtschaften und leben, geht auf Kosten anderer: der Natur, zukünftiger Generationen und benachteiligter Menschen in Nord und Süd. Mit dem Auto zur Arbeit und mit dem Flugzeug in den Urlaub, jederzeit eine große Auswahl an exotischem Obst und die tägliche Wurst, monatlich ein neues Outfit, endlich wieder ein neues Möbelstück für die eigenen vier Wände und alle zwei Jahre ein neues Smartphone – all dies ist Alltag und irgendwie Normalität.

So zu leben und zu wirtschaften ist nicht verallgemeinerbar. Bereits heute, da nur ein Teil der Menschheit von dieser Lebensweise profitiert, sind die natürlichen Ressourcen dieser Erde und ihre Senken, die der Mensch zur Entsorgung von Müll und Abgasen nutzt, (wie die Atmosphäre und Meere) überlastet. Die Grenzen dieser Lebensweise werden tagtäglich sichtbarer. Aber auch die Ausbeutung von Menschen ist Grundlage dieser Lebensweise. Nur weil Menschen – vor allem im Globalen Süden – dazu gezwungen sind, unter unwürdigen Bedingungen für die Produktion des globalen Nordens zu arbeiten, kann ein kleiner Teil der Menschheit so viel und so günstig konsumieren. Wir nennen das: Die imperiale Lebensweise.

Und obwohl sich immer mehr Menschen bewusst sind, dass ihr alltägliches Handeln andere Menschen ausbeutet und die Natur in Gegenwart und Zukunft zerstört, ändert sich nichts. Der globale Energie- und Ressourcenverbrauch steigt sogar, wir konsumieren mehr, reisen weiter, wohnen größer. Dabei drängt die Zeit: Die Erderwärmung schreitet voran, immer mehr Menschen fliehen vor Konflikten und wirtschaftlicher Not. Und auch in reichen Gesellschaften sind immer mehr Kinder und Alte von Armut betroffen – all das prägt das Bild der heutigen Zeit.

Vorherrschaft des Autos erscheint alternativlos

Das wirft die Frage auf: Wenn sich immer mehr Menschen der problematischen Konsequenzen unserer Lebens- und Produktionsweise bewusst sind, wenn sich die Krisen nicht länger leugnen lassen – warum ändert sich dennoch nichts? Warum bleibt ein System bestehen, in dem der materielle Überfluss der einen auf der Ausbeutung und Unterdrückung der anderen fußt? Warum ändert sich nichts, auch wenn immer klarer wird, dass diese Lebensweise dabei ist, unsere ökologische Lebensgrundlage zu zerstören?

Die imperiale Lebensweise ist deshalb so stabil, weil sie mit unseren Alltagspraktiken, bestehender Infrastruktur und politischen Institutionen verwoben ist. Für viele ist das eigene Auto Ausdruck von Freiheit. Gleichzeitig bevorzugt die öffentliche Verkehrsinfrastruktur die individuelle Automobilität. Und eine mächtige Autolobby sorgt dafür, dass sich daran so schnell nichts ändert. In dieser Konstellation erscheint die Vorherrschaft des Autos alternativlos.

Neue Formen des Zusammenlebens

Die Autor*innen Nilda Inkermann promoviert an der Uni Kassel zu sozial-ökologischer Transformation und Bildung und ist aktiv in der außerschulischen kritisch-emanzipatorischen Bildungsarbeit.

Simon Walchstudiert Globale Politische Ökonomie an der Universität Kassel. Er ist aktiv in der Klimagerechtigkeitsbewegung und angehender Obst- und Gemüsebauer.

Die beiden sind Teil des I.L.A. Kollektivs(I.L.A. = „Imperiale Lebensweise und solidarische Alternativen“), das aus jungen Wissenschaftler*innen und Aktivist*innen besteht, die Teil diverser emanzipatorischer Projekte und Bewegungen sind und gemeinsam die Bücher „Auf Kosten anderer? Wie die imperiale Lebensweise ein gutes Leben für alle verhindert“ und „Das Gute Leben für Alle – Wege in die solidarische Lebensweise“ geschrieben haben (www.ilawerkstatt.org).

UTOPISCHER RAUM

Am Donnerstag, 19. Dezember 2019,geht es in der Reihe „Der utopische Raum“ um den Weg zu einem gutem Leben für alle. Nilda Inkermann und Simon Walch vom interdisziplinären I.L.A.-Kollektiv junger Wissenschaftler*innen und Aktivist*innen werden über das Konzept einer solidarischen Lebensweise sprechen.

Die Veranstaltungbeginnt um 19 Uhr im Osthafenforum im medico-Haus, Lindleystraße 15 (gegenüber Haus Nummer 11). Der Eintritt ist frei.

„Der utopische Raum“heißt die von der medico-Stiftung initiierte Reihe, die mit diesem Abend fortgesetzt wird. Nach dem Auftakt Ende September unter dem Titel „Es geht auch anders!“ (die FR berichtete) soll nun der „utopische Raum“ in monatlicher Folge anhand einzelner Beispiele vermessen werden.

Die Frankfurter Rundschautritt bei der Veranstaltungsreihe als Kooperationspartnerin der Stiftung medico international auf. FR

Es lohnt sich, die dominanten Erzählungen der Alternativlosigkeit des bestehenden Systems infrage zu stellen. Denn hier und heute, an vielen Orten auf unserer Welt, praktizieren und erproben Menschen solidarischere Formen des Zusammenlebens. Alternativen zeigen sich in verschiedensten gesellschaftlichen Bereichen, dem Wohnen, der Landwirtschaft, der Art und Weise Sorgetätigkeiten zu organisieren, der Mobilität, der Energienutzung oder auch der Nutzung von Gebrauchsgütern.
Solidarische Alternativen sind dabei nicht das richtige Leben im Falschen, vielmehr zeigen sie praktisch, wie Wandel geht – verknüpft mit inneren und äußeren Widersprüchen und Kämpfen. In solidarischen Alternativen zeigen sich Logiken des Zusammenlebens der gesellschaftlichen Organisation, die sich grundlegend von denen der imperialen Lebensweise unterscheiden. Solidarische Praktiken wie regenerative und solidarische Landwirtschaft, das Mietshäusersyndikat, Polikliniken, Energiegenossenschaften und soziale Bewegungen wie La Via Campesina, Ende Gelände, Stadt für Alle, Am Boden Bleiben brechen mit gewohnten Normalvorstellungen und zeigen transformative und emanzipatorische Perspektiven auf. Zentral für die Transformation hin zu einer solidarischen Lebens- und Produktionsweise, die ein gutes Leben für alle ermöglicht, ist die Fähigkeit, sich Alternativen vorstellen zu können, um sie dann Realität werden zu lassen.
Die Sichtbarkeit von Krisen macht deutlich, dass sich etwas ändern muss und sich auch etwas ändern wird – die Frage ist, was und wie?
In der gegenwärtigen Krisenzeit wird die durch Zwang und Zustimmung generierte Hegemonie der imperialen Lebensweise brüchig, das Versprechen eines guten Lebens (auf Kosten anderer) der imperialen Lebensweise ist immer weniger glaubhaft.

Aufbrechen von gesellschaftlichen Zwängen

Hier ergeben sich Ansatzpunkte für sozial-ökologische Transformation. Es geht um die Veränderung von Vorstellungen von Normalität, das Aufbrechen von Zwängen, die uns die imperiale Lebensweise aufdrängt. Es muss darum gehen alltägliche Vorstellungen und Handlungen zu hinterfragen, materielle Infrastrukturen nach solidarischen Prinzipien umzubauen und die institutionellen Zusammenhänge und deren Funktionsweise an solidarischen Prinzipien auszurichten.

Transformationsstrategien müssen an folgenden drei Absichten ausgerichtet werden: Wir müssen solidarische Praktiken ausweiten, in denen Menschen andere Formen des Zusammenlebens und Wirtschaftens erproben. Diese Alternativen müssen wir durch Infrastrukturen und Institutionen absichern, die Pfadabhängigkeiten schaffen und dazu beitragen, dass Alternativen alltäglich gelebt werden und dadurch normal werden. Und wir müssen die imperiale Lebensweise zurückdrängen und ihre Ausweitung stoppen.

Gemeinsame Interessen, gemeinsam etwas verändern?

Die imperiale Lebensweise mutet Menschen viel zu, hier und heute, andernorts, in verschiedensten Lebensbereichen, sowie auch in zeitlicher Dimension – Unsicherheiten, Zukunftsängste, Prekarität, Arbeitsbelastung, Stress, Naturkatastrophen. Es gibt verschiedenste gemeinsame Interessen, etwas zu verändern – nicht nur mit Blick auf steigende Mieten, Arbeitsbelastung, Verkehrssituation oder kaum gewürdigte Sorgetätigkeiten.

Die Betroffenheit von Auswirkungen der imperialen Lebensweise lässt Menschen zusammenkommen, sie politisieren und organisieren sich und zeigen, dass solidarische Alternativen schon heute als konkrete Utopien in den Nischen der imperialen Lebensweise entstehen. Diese Praktiken bilden wichtige Bausteine für sozial-ökologische Transformationsprozesse – zeigen, dass eine andere Art des Zusammenlebens möglich ist, erweitern den Raum des Denk- und Machbaren und können helfen, mentale Infrastrukturen zu verändern und solidarisches Handeln im Alltag zu erlernen. Nischenprojekte können als Experimentier- und Erfahrungsräume im Kleinen verstanden werden. Die Vernetzung und Ausbreitung von solidarischen Initiativen schafft zudem neue Netzwerke und Infrastrukturen für die gegenseitige Unterstützung.

Dialog mit Andersdenkenden

Die negative Betroffenheit von der imperialen Lebensweise ist vielfältig, so wie auch die Kämpfe, die gegen diese geführt werden. Diese Vielfalt stellt auch ein großes Potenzial für Allianzen dar. Das Sichtbarmachen von gemeinsamen Bezugspunkten und der Aufbau gemeinsamer Erzählungen, in denen sich unterschiedliche Themen und Ziele wiederfinden, bildet die Basis für breite, arbeitsteilig organisierte Bündnisse und Allianzen für die sozial-ökologische Transformation.

Die Schwierigkeit, Gemeinsamkeiten von solidarischen Alternativen und Bewegungen zu erkennen, liegt meist darin, dass Probleme häufig isoliert voneinander betrachtet werden und/oder gegeneinander ausgespielt werden. Der Dialog mit Andersdenkenden, der Bezug eigener Kämpfe zu anderen gesellschaftlichen Problemen – auch im globalen Kontext – ermöglicht notwendige Vernetzung und koordinierte Aktionen und trägt zudem dazu bei, eigenes Denken zu hinterfragen.

Soziale, ökologische, ökonomische, kulturelle und globale Fragen zusammendenken – ganz schön viel auf einmal, denkt ihr vielleicht. Aber das schöne ist, Wandel muss überall stattfinden, daher gibt es auch vielfältige Möglichkeiten, sich zu engagieren, die Spaß machen und den eigenen Fähigkeiten entsprechen.

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