Des Mordes verdächtigt

Proteste in den USA: Trump über erschossenen Verdächtigen: „Sie wollten ihn nicht festnehmen“

  • Lukas Rogalla
    vonLukas Rogalla
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Auf der Flucht vor der Polizei wird Michael R. nördlich von Portland ausfindig gemacht. Die Beamten sollen ihn augenblicklich getötet haben. Nun hat Donald Trump den Fall in einer Wahlkampfveranstaltung aufgenommen.

  • Am Rande von Protesten in Portland wird ein Anhänger einer rechten Gruppierung erschossen.
  • Der Verdächtige wird Tage später gefunden und von der Polizei nach mehr als 30 Schüssen getötet.
  • Augenzeugen haben den Vorfall ganz anders gesehen als die Polizei. Nun nahm Trump in einer Wahlkampfveranstaltung Stellung zu dem Fall.

Update vom Samstag, 17.10.2020, 12.15 Uhr: Knapp drei Wochen vor der US-Präsidentschaftswahl hat sich US-Präsident Donald Trump auf einer Wahlkampfveranstaltung zu dem Fall des getöteten Michael R. aus Portland geäußert. Während Protesten gegen Polizeigewalt und Rassismus wurde in Portland ein Anhänger der rechtsextremen Patriot Prayer tödlich getroffen.

Donald Trump über Erschießung eines Verdächtigen in Portland

In Verdacht geriet der angebliche Antifa-Aktivist Michael R., der wenige Tage unter noch ungeklärten Umständen von einer Spezialeinheit der Polizei getötet worden ist. Offenbar war R., der zuvor angegeben hatte, aus Selbstverteidigung den Rechtsextremen erschossen zu haben, auf der Flucht, als zwei SUVs des US-Sonderkommandos des Justizministeriums, der sogenannte U.S. Marshals Service, Michael R. angehalten haben und einen Kugelhagel entfesselt haben sollen. Der Verdächtige wurde mit 37 Schüssen getötet.

US-Wahl: Donald Trump zu Erschießung eines Verdächtigen – „Sie wollten ihn nicht festnehmen“

Nun hat Donald Trump auf einer Wahlveranstaltung erneut Stellung bezogen und dabei das Vorgehen der Polizei vor seinen Anhängern gelobt. „,Was ist passiert?‘, sagte ich“, so Trump in seiner Rede. Und: „Wir hatten ihn noch nicht geschnappt. Zwei, drei Tage vergingen. Wir sendeten die U.S. Marshals. Es dauerte 15 Minuten, dann war es vorbei. 15 Minuten und es war vorbei. Wir hatten ihn.“ „Sie wussten, wer er war“, sagte Trump außerdem. „Sie wollten ihn nicht festnehmen, nach 15 Minuten war es vorbei.“

Der U.S. Marshals Service wollte dazu keine Stellung beziehen, da der Fall noch untersucht werde. Zuvor hatte die Behörde bereits bestritten, dass das Vorgehen gegen Michael R. vom Weißen Haus angeordnet wurde, wie auch das US-Medium OPB berichtet.

Verdächtiger von Portland ohne Vorwarnung und mit 37 Schüssen getötet

Erstmeldung von Donnerstag, 15.10.2020: Portland - Infolge der Proteste nach dem gewaltsamen Tod von George Floyd kam es insbesondere in Portland zu Unruhen. Seit dem 28. Mai dauern die Demonstrationen gegen rassistische Polizeigewalt in der Stadt im Nordwesten der USA an. Regelmäßig kommt es zu gewaltsamen Auseinandersetzungen mit der Polizei.

Bei den amerikanischen Konservativen stoßen die Proteste auf Unmut. Etwa 2.500 Anhänger rechter Gruppen und Unterstützer von US-Präsident Donald Trump reisten Ende August nach Portland an - die Lage eskalierte völlig. Am Rande einer Kundgebung wurde ein Anhänger der rechtsextremen „Patriot Prayer“ offenbar von einem Antifa-Aktivisten tödlich erschossen. Wenige Tage später tötete die Polizei den Tatverdächtigen. Berichte von Zeugen zeichnen ein detailliertes Bild vom Tod von Michael R. am 3. September - und eins, das der Geschichte der Beamten widerspricht.

Lacey, Washington: Der in Portland wegen Mordes verdächtigte Michael R. wurde von einem Sonderkommando der US-Marshals erschossen.

Verdächtiger von Portland von der Polizei getötet: Zeugen haben den Vorfall anders gesehen

In einem Interview mit „Vice“ behauptete der mutmaßliche Täter Michael R., aus Selbstverteidigung gehandelt zu haben. Nach der Tat begab er sich auf die Flucht vor rechten Bürgerwehrgruppen und der Polizei. Einem Bericht der „New York Times“ zufolge befand sich R. in der Stadt Lacey (Bundesstaat Washington), etwa 190 Kilometer nördlich von Portland. Als er in sein Auto stieg, sollen zwei nicht gekennzeichnete SUVs durch die ruhigen Straßen gerast und direkt vor ihm zum Halt gekommen sein. Ein Sonderkommando der US-Marshals, einer Behörde des Justizministeriums, stieg aus und „entfesselte einen Kugelhagel“, der auch Fenster zerstörte und an unbeteiligten Zivilisten vorbeischwirrte.

Michael R. starb. Die Polizei teilte nach dem Einsatz mit, dass der 48-Jährige eine Waffe bei sich trug und versuchte, vor einer Verhaftung zu fliehen. Die Operation sei ein „signifikanter Erfolg“ gewesen, die einen „gewaltsamen Unruhestifter“ beseitigen konnte, so auch US-Justizminister William Barr. Doch die Zeugenberichte der Passanten vermitteln ein ganz anderes Bild des Vorfalls. Es soll nämlich keinen ernsthaften Versuch gegeben haben, Michael R. zu verhaften.

Verdächtiger von Portland: Beamte machen Michael R. in Lacey ausfindig

Ein Bewohner des Hauses, vor dem sich der tödliche Einsatz ereignete, teilte der „New York Times“ mit, dass die Beamten aus den Fahrzeugen sprangen und sofort schossen - noch bevor es zu Anweisungen kam. Alle Passanten in der Nähe erzählen Ähnliches. „Es gab kein: ‚Steigen Sie aus dem Auto‘. Es gab kein ‚Stop‘. Es gab kein gar nichts. Sie sind einfach aus dem Auto gestiegen und haben geschossen“, wird einer der Zeugen zitiert. Ein weiterer behauptet, dass es weder Schreie, noch eine Auseinandersetzung gab. „Es kam einfach sofort zu Schüssen“. Michael R. soll einen Gummiwurm gegessen, sowie eine Tasche und ein Handy in den Händen gehabt haben, als das Sonderkommando eintraf, teilte ein Augenzeuge mit. Lediglich eine von 22 interviewten Personen will gehört haben, wie sich die Polizei kenntlich machte und Kommandos gab.

Die Beamten gaben alle an, sich gegenüber Michael R. als solche kenntlich gemacht zu haben. Weshalb es zu den Schüssen kam, ist nach den Statements jedoch nicht geklärt. Zwei von ihnen behaupten, etwas gesehen zu haben, das sie als Waffe wahrnahmen. Die anderen zwei sagen, dass R. „verdächtige“ Bewegungen in Richtung Konsole gemacht haben soll. Die Schüsse trafen ihn, als er sich im Auto befand. Obwohl er schwer verwundet war, soll R. versucht haben, sich zu Fuß von den Beamten zu entfernen und ging auf die Straße. Dabei griff er nach Angaben der Polizei an seinen Hosenbund, um eine Waffe zu ziehen.

Verdächtiger von Portland mit 37 Schüssen getötet.

Bei den finalen Schüssen auf Michael R. widersprechen sich die Beamten. Einer behauptet, dass R. eine Waffe auf sie gerichtet hätte, ein anderer meint, R. habe versucht, eine Waffe aus seiner Hosentasche zu holen. In einer Neufassung des Statements heißt es nun, dass die Beamten eine Waffe in der Hosentasche von R. gefunden haben. Seine Hand soll auf ihr gelegen haben, als er zu Boden fiel.

Insgesamt wurden 37 Schüsse abgegeben, heißt es in der offiziellen Stellungnahme. Mindestens acht Kugeln wurden auf dem Gelände von Anwohnern gefunden. Ein Anwohner berichtet, dass ein Schuss seinen Bruder knapp verfehlt hätte. Klar ist, dass Michael R. seine Waffe nicht abgefeuert hat, da man keine zugehörigen Patronenhülsen finden konnte. Die „New York Times“ berichtet zudem von einem Augenzeugenvideo, das zeigen soll, wie die Beamten versuchten, R. nach seinem Tod mit einer lustlosen Herzdruckmassage wiederzubeleben. Auch Donald Trump äußerte sich zu den tödlichen Schüssen in Lacey. Bei dem 15-minütigen Einsatz ging es den US-Marshals überhaupt nicht um eine Verhaftung, teilte der Präsident mit. (Lukas Rogalla)

Rubriklistenbild: © Nathan Howard/AFP

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