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Ihr Feind Harvey: Demonstrantinnen singen ein Lied vor dem Gerichtsgebäude in New York.

Der Fall Weinstein

23 Jahre für Weinstein - Ein Erfolg für #MeToo

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Es war unklar, ob Harvey Weinstein überhaupt vor Gericht kommt. Zu Prozessbeginn fürchteten viele, er könnte straffrei davonkommen. Über ein Urteil, das Hoffnung macht.

Die knapp fünf Wochen des Prozesses gegen Harvey Weinstein in New York waren eine schlimme Zeit für Chiemi Karasawa, „ich konnte kaum schlafen“, erzählt die 50 Jahre alte Filmproduzentin. Wie besessen, erinnert sie sich, habe sie jeden Medienbericht über das Verfahren aufgesogen, jeden Tag habe sie sich die Zeugenaussagen und Kreuzverhöre durchgelesen. Als dann endlich, endlich das Urteil fiel, nachdem die Geschworenen fünf Tage hinter verschlossenen Türen beraten hatten, verspürte Chiemi Karasawa eine tiefe Erleichterung. „Erleichterung, keine Genugtuung“, betont sie.

Harvey Weinstein muss hinter Gitter

Wie bei vielen Frauen in den USA – und ganz besonders Frauen aus der Filmbranche –, hatte sich bei Chiemi Karasawa im Verlauf des Prozesses eine Depression eingeschlichen, die zunehmend in Verzweiflung umschlug. Je häufiger es Weinsteins Verteidigerin Donna Rotunno gelungen war, Zeuginnen einzuschüchtern und zu diskreditieren, desto wahrscheinlicher schien es, dass er freigesprochen werden würde. Dass die Geschworenen ihn am Ende dann doch zumindest in drei der fünf Anklagepunkten für schuldig befanden; dass sie den beiden Frauen, die gegen ihn aussagten, glaubten, obwohl diese vor und nach der Tat Kontakt mit Weinstein hatten; dass das Gericht ein komplexeres Verständnis sexueller Übergriffe zeigte als die gängigen Klischees über Vergewaltigungen, die von der Verteidigung genüsslich ausgebreitet wurden – all das erfüllte Chiemi Karasawa schließlich doch mit Genugtuung.

Jetzt also: 23 Jahre Haft. Kein Sieg auf ganzer Linie, kein wirklicher Triumph der Gerechtigkeit. Dafür hatten die Zeuginnen zu sehr leiden müssen, dafür fiel das Urteil doch zu milde aus. Abgesehen davon, wie schwer es gewesen war, Weinstein überhaupt vor Gericht zu bringen – es hätte eben auch viel schlimmer kommen können.

Harvey Weinstein - Opfer freuen sich über das Urteil

Die Hängepartie bis zum Urteil hatte bei Chiemi Karasawa Gefühle und Erinnerungen wachgerufen, die sie tief vergraben hatte. Seit vielen Jahren hatte sie nicht mehr daran gedacht, wie es ist, zu verstummen, weil einem ohnehin niemand glaubt; wie es ist, bloß eine Figur in einem perfiden Spiel zu sein, weil man sich hilflos fühlt; wie es ist, zu wissen, dass schweigen besser ist als sprechen, weil das Sprechen alles nur noch schlimmer macht.

Chiemi Karasawa arbeitet in der Filmbranche, seit sie Anfang 20 war. Heute ist sie eine etablierte Produzentin, Drehbuchautorin und Regisseurin und, wie sie sagt, „mit 50 sowieso keine Zielscheibe mehr“. Aber damals, als sie dankbar war, als Drehbuchassistentin überhaupt auf dem Set dabei sein zu dürfen, war das anders. Sie kann sich noch genau erinnern, wie es sich anfühlte, als ein berühmter Regisseur, dessen Namen sie nicht nennen will, sie gebeten hat, sich doch zu einer Besprechung auf seinen Schoß zu setzen. Sie kann sich erinnern, wie es war, als ebendieser Regisseur jeden Tag seine Hand um ihre Hüfte legte und sie immer neue Ausreden erfinden musste, um nicht mit ihm ausgehen zu müssen.

Harvey Weinstein zu Zeiten von #MeToo

Chiemi Karasawa war verwirrt: Einerseits schmeichelte ihr diese Aufmerksamkeit. Sie war noch immer aufgeregt, überhaupt bei einem Filmdreh dabei sein zu dürfen, und hat sich eingeredet, das gehöre im Filmbusiness wohl einfach dazu. Sie hat freundlich gelächelt und mitgemacht – und so gut es ging versucht, „eine Grenze zu ziehen, ohne ihn zornig zu machen“.

Chiemi Karasawa empfindet „Erleichterung, keine Genugtuung.“ 

Damals, als Neuling in der Branche, hat sie geschwiegen, wohl auch, weil ja nichts „Schlimmes“ passiert war. Sie war ja nicht, anders als Weinsteins mutmaßliche Opfer, im engeren Sinne vergewaltigt worden. Als sie beinahe 20 Jahre später ein anderer Regisseur gefragt hat, ob sie sich zu einer Besprechung nicht auf seinen Schoss setzen wolle, habe sie ihn hingegen nur noch ausgelacht.

Auch das hatte Chiemi Karasawa wieder verdrängt, als die ersten Presseberichte über Harvey Weinstein im Herbst 2017 an die Öffentlichkeit kamen. Als immer mehr Frauen begannen, ihre Geschichten zu erzählen. Aber in den zwei Jahren danach – jener Zeit, die heute als #Metoo-Ära im kollektiven Bewusstsein verankert ist – kam all das wieder in ihr hoch. „Wir haben das einfach immer irgendwie akzeptiert, dass die Dinge eben so laufen“, sagt sie heute. „Ich hatte das auch von Harvey gehört, ich kannte Frauen, die mit ihm zu tun hatten.“ Erst die Enthüllungsgeschichten im „New Yorker“ und in der „New York Times“ sowie der Mut der 90 „Silence Breakers“, wie die Frauen genannt werden, die ihre Geschichten öffentlich machten, habe in ihr die Erkenntnis reifen lassen, dass die Dinge so eben nicht sein müssen.

Um so schlimmer war es für Chiemi Karasawa, als es während des Prozesses so schien, als würde Weinstein doch nicht zur Rechenschaft gezogen. War es möglich, dass die Rechtsprechung doch nicht so weit ist? Dass das Strafrecht hinter dem gesellschaftlichen Wandel herhinkt? War es möglich, dass veraltete Gesetze vielleicht all das Erreichte wieder rückgängig machten, weil sich die Täter am Ende dann doch sicher fühlen können?

Urteil zu Harvey Weinstein nur ein Anfang

Die Antwort bleibt für Chiemi Karasawa und Millionen von Frauen in den USA auch nach dem Schuldspruch uneindeutig. Erleichterung bleibt die richtige Beschreibung für das Empfinden im Land. Es hätte schlimmer kommen können. Und die Tatsache, dass die Geschworenen offenbar die Lage begriffen haben, in der sich die Frauen befanden; dass sie akzeptiert haben, dass Vergewaltigung nicht nur von finsteren Gestalten in dunklen Nebenstraßen begangen wird, sondern auch in alltäglichen, beruflichen und privaten Beziehungen, ist ein enormer Fortschritt. Aber es ist eben nur ein Anfang.

Was Frauen wie Chiemi Karasawa am Weinstein Prozess noch immer stört, ist die Art und Weise, wie Zeuginnen von der Verteidigung in die Zange genommen wurden. Als Jessica Mann, eine der beiden Hauptklägerinnen, von Weinsteins Verteidigerin Donna Rotunno so unter Druck gesetzt wurde, dass sie im Zeugenstand zusammen brach, hätte Chiemi Karasawa vor Wut heulen können. So werden Frauen nicht dazu ermutigt, auszusagen. Die alte Taktik, Anklägerinnen in Fällen sexuellen Missbrauchs zu beschämen und zu diskreditieren, ist wohlauf und lebendig.

Harvey Weinstein hatte Einigung erzielt

Und dann ist da das Urteil selbst. Weinstein wurde des schwersten Anklagepunktes, des „räuberischen sexuellen Angriffs“, frei gesprochen. Der Schuldspruch hätte ihm mit Sicherheit lebenslängliche Haft eingebracht. Der im Deutschen mit „räuberisch“ (oder auch „raubtierhaft“) etwas seltsam klingende Straftatbestand beschreibt ein systematisches Verhalten des gezielten sexuellen Missbrauchs. Es bezeichnet die bewusste Jagd eines mächtigen Mannes auf gezielt ausgewählte Opfer. Wer den Fall Weinstein verfolgt hat, weiß, dass genau dies auf ihn zutraf. Doch er konnte nur in zwei Fällen angeklagt werden, viele andere Fälle waren verjährt. Und die eine Frau, die ihn eines solchen Vergehens beschuldigte, Annabella Sciorra, konnte vor Gericht diskreditiert werden.

Und dann ist da noch die außergerichtliche Einigung, die Weinstein schon im Dezember 2019 mit Dutzenden von Opfern erzielt hatte: Jene, die den Vergleich akzeptierten, erhielten jeweils rund 500 000 Dollar, die Gesamtentschädigung hatte Weinsteins Versicherung übernommen. Wie Gerechtigkeit hatte sich das nicht angefühlt.

Harvey Weinstein im Januar vor Gericht. 

Nun blickt man bange nach Los Angeles, wo schon in den nächsten Wochen das zweite Verfahren gegen Weinstein eröffnet werden soll: Wird es wieder eine Zitterpartie? Werden wieder Zeuginnen eingeschüchtert? Und steht am Ende dort zumindest ein Urteil, das sich nach Gerechtigkeit anfühlt? Es hängt viel ab von dem Verfahren in Los Angeles – auch, wenn Weinstein schon im Gefängnis sitzt. Im besten Fall wird es den Wandel in der Rechtsprechung, der in New York stattgefunden hat, bestätigen. Im besten Fall wird man Frauen wieder glauben – im schlimmsten Fall wird das nicht so sein. Dann erschiene das New Yorker Urteil wie eine Ausnahme, wie ein Betriebsunfall der Justiz.

Rebecca Cohen sieht wie Chiemi Karasawa dem Verfahren in Los Angeles eher nervös entgegen. Sie arbeitet als PR-Beraterin und hat in ihrer Karriere die Vermischung des Sexuellen und des Professionellen hinreichend erlebt. „Ich kann mich gar nicht mehr daran erinnern, wie oft ich gelächelt und mitgespielt habe, wenn das von mir erwartet wurde. So getan habe, als fände ich das amüsant.“ Mehr als einmal hat sie Aufdringlichkeiten freundlich hinnehmen müssen, um ihre Stellung und ihre Zukunft nicht zu gefährden.

Harvey Weinstein - Netzwerk bekommt Risse

Doch Rebecca Cohen sorgt sich gar nicht so sehr um Frauen ihres eigenen Stands. „Ich glaube, dass in gut bezahlten Branchen, in den Büros von Manhattan und Los Angeles, die Dinge tatsächlich besser geworden sind.“ Längst gibt es in den Firmen eine gesteigerte Aufmerksamkeit für das Thema, Frauen müssen meistens keine Angst mehr haben, sich zu wehren.

Das weitaus größere Problem liege bei Frauen, die in Fabriken, als Kassiererinnen oder als Putzhilfen arbeiten: „Die sind weiterhin völlig macht- und wehrlos.“ Diesen Frauen, sagt Rebecca Cohen, bringe das Weinstein-Urteil gar nichts. „Bei Weinstein hat sich die ganze Branche aufgelehnt und die gesamte Öffentlichkeit. Und trotzdem hat es nur einen sehr begrenzten Schuldspruch gegeben.“

Die Zahlen stützen diese Befürchtung. Denn die meisten Klagen, die vor die staatliche „Kommission für Gleichberechtigung“ gebracht werden, werden bis heute im Sinne der Arbeitgeber und nicht im Sinne der Klägerinnen entschieden. Wenn ein Fall tatsächlich im Sinne der Klagerin beschieden wird, bekommen diese für gewöhnlich eine Abfindung von 30 000 Dollar. Ihren Job hingegen sind sie meist los. „Damit sich wirklich was verändert“, da ist Rebecca Cohen sicher, „braucht es noch viel mehr Urteile wie das im Weinstein-Prozess.“

Chiemi Karasawas Hoffnungen für einen tiefgreifenden Wandel in der Unterhaltungsbranche sind unterdessen ebenfalls eher begrenzt. „Ich bin mir sicher, dass junge Frauen, die in Hollywood weiterkommen wollen, sich nach wie vor mit Männern wie Weinstein herumschlagen müssen.“ Und die Hemmungen, sich zu wehren, seien noch immer groß. Und doch gibt es da etwas, das Chiemi Karasawa Hoffnung macht: „Weinstein könnte das heute nicht mehr so offen über so viele Jahre treiben.“ Denn das Netzwerk, das ihn gedeckt und gestützt hat, bekommt Risse, wird instabil.

Es ist noch lange nicht überstanden. Aber es ist ein Anfang.

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