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„Im besten Fall leben Sie so, dass der Urlaub toll ist, aber nicht, weil der Alltag unerträglich ist“, rät der Experte

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Entspannt in den Urlaub - warum die Urlaubszeit so schwierig ist

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Manche sind schon längst zurück, andere packen gerade die Koffer. Fast alle fahren in den Urlaub, aber nicht jeder schwärmt danach davon – und das liegt nicht immer nur am tristen Frühstück im Hotel.

Andreas Kolos ist seit über 25 Jahren als Unternehmer, Speaker und Buchautor tätig. Seit 2008 bietet er Führungskräften, Managern und Unternehmern Seminare und Coachings an, etwa zu „Business meets Metaphysik“.

Herr Kolos, die Urlaubszeit ist – ähnlich wie Weihnachten – die Zeit der hohen Erwartungen.
Oh ja, und da steckt eine Menge Sprengstoff drin! Nicht umsonst verhängen etliche Anwaltskanzleien, die bei Trennung oder Scheidung beraten, für die Wochen nach den Sommerferien und auch kurz nach dem Jahreswechsel regelrechte Urlaubssperren, um den Anfragen noch gerecht werden zu können. Das ist gängige Praxis, weil Paare eben oft im Urlaub feststellen, dass sie sich nichts mehr zu sagen haben.

Warum ist die Urlaubszeit so schwierig?
Wir leben im Alltag ja zwischen zwei Polen. Die meisten arbeiten, manche sogar zu viel, und haben wenig Zeit für sich. Oftmals gilt es, nach Feierabend das Familienleben zu organisieren, sich um die Kinder zu kümmern. Wenn ich auf der Arbeit tendenziell eher unzufrieden bin und das alles als sehr anstrengend empfinde, bin ich natürlich froh, wenn ich da mal rauskomme. Da schwingt auch die große Hoffnung mit, endlich Freizeit zu haben und ein bisschen in den Tag hineinleben zu können …

Wozu ein Urlaub ja auch da ist.

Sicher, aber dann kommt möglicherweise die Partnerin und sagt, toll, jetzt können wir endlich als Familie zusammen sein. Auch die Kinder freuen sich auf den Papa – und der will aber vielleicht erstmal ausspannen. Und wenn es dann noch so ist, dass der Urlaubsort oder das Hotel nicht so toll ist, wie erhofft, dann kommt die große Enttäuschung. Ich bin ja selbst Vater und kenne diesen Anspruch, dass man seinen Kindern etwas bieten möchte. Spektakuläre Aussichten oder auch Musik, Theater, irgendwas, um sie auch kulturell zu begeistern. Aber, egal, wie toll das Programm ist, das man sich ausgedacht hat – es kann immer passieren, dass die Kinder dann keine Lust darauf haben. Oder der Mann will in Ruhe Golf spielen und schon ist ein halber Tag weg. Und die anderen warten. Es ist immer gut, vorher darüber zu sprechen, was jeder einzelne eigentlich will.

Es kommt ja nicht selten schon vor der Abreise zu Konflikten. Stichwort Kofferpacken.

Das ist ein ganz wichtiger Aspekt! Und ich empfehle dringend, dass die Koffer und was sonst so mit muss, mindestens zwölf Stunden vorher gepackt sind. Mit der Zahnbürste im Mund die letzten Hemden in den Koffer zu stopfen und dann loshetzen – das ist Irrsinn! Da geht spätestens am Flughafen oder im Zug der Stress los, weil klar wird, die Taucherflossen liegen noch im Keller.

Ordnung ist also der halbe Urlaub?
Das zum einen. Aber da ist noch etwas anderes, das auch wichtig ist, weil es die reale Welt mit der metaphysischen zusammen-bringt: Wenn wir am Urlaubsort angekommen sind, sollten wir uns so bald wie möglich erden. Das heißt nicht, am Flughafen den Boden zu küssen, aber doch möglichst bald einfach mal mit den Händen den Boden oder den Sand berühren, fühlen, wo bin ich da jetzt? Auch gut ist, etwas aus der Region zu essen, damit wir etwas von der Energie in uns aufnehmen, die dort vorherrscht. Was rieche ich hier, was schmecke ich? Es geht nicht darum, von Statue zu Statue zu rennen, man muss auch spüren, was da an Energien unterwegs ist. Präsent sein, ankommen. Wir können uns ruhig auch von unserer Intuition ein bisschen leiten lassen, wenn es darum geht, die neue Umgebung zu erspüren.

Andreas Kolos.


Das dürfte in einem Pauschalurlaub eher schwierig sein, oder nicht?
Der klassische Pauschalurlauber ist ein anderer Mensch als der Rucksacktourist, der durch Thailand reist. Das ist jetzt völlig ohne Wertung. Den einen entspannt es, versorgt zu sein und sich nicht kümmern zu müssen. So hat er auch eher Zeit, mal eine andere Bucht auszuprobieren. Der andere muss halt sehen, dass er die Ernährung auch noch stemmt, kommt dabei aber auch auf landestypische Märkte und erlebt so etwas ganz anderes. Wenn ich in einer einsamen Bucht in der Türkei schnorcheln will, aber im Prospekt sehe ich in dieser Bucht mehrere Hotels mit Rutschen im Außenbereich, dann darf ich mich nicht wundern, wenn sich das dann als „All-inclusive“-Familienurlaubsort entpuppt – mit Kinderdisco. Wie schon gesagt, ich muss aufpassen, dass ich keine Erwartungen wecke, die sich nicht erfüllen lassen.

Ist man auf der sicheren Seite, wenn man sagt: „Schatz, wir fahren jetzt in einen mittelmäßigen Urlaub“?
Das nun nicht, aber wenn man sich vorher darüber im Klaren ist, dass es vielleicht nur zu 80 Prozent toll wird, haben wir uns schon ein wenig Enttäuschung erspart. Das Pareto-Prinzip kann man ja fast auf alles anwenden. Es reicht oftmals schon, sich bewusst zu machen, dass es eben sein kann, dass auch im Traumurlaub Plastik an den Strand geschwemmt wird oder irgendwo im Ort eine Baustelle ist.

Es gibt Menschen, die fahren jedes Jahr zur selben Zeit an denselben Ort. Ist das die Lösung?
Für Menschen, denen das entspricht, bestimmt. Weil sie im Alltag meist ähnlich leben, immer in denselben Geschäften einkaufen und in dieselben Restaurants gehen. Das soll jeder machen, wie er lustig ist. Meine Schwester und ihr Mann zum Beispiel haben zwei kleine Kinder und fahren jedes Jahr nach Kroatien, immer auf denselben Campingplatz. Weil sie genau wissen, da sind sie drei Wochen, die Location gibt den Kindern alleine soviel Unterhaltungswert, dass sie auch mal Luft haben, um etwas anderes zu machen. Wichtig ist aber auch hier, dass man nicht zu hohe Ansprüche stellt, sich gut vorbereitet und die Zahnbürste schon vorher einpackt.

Und wenn sich die Vorstellungen so gar nicht unter einen Hut bringen lassen?
Dann gehen eben die einen Wandern und die anderen an den Strand. Wenn ich auf meine Kindheit zurückblicke und überlege, was war besonders wertvoll, dann sind es die Erlebnisse, die ich hatte, weil uns unsere Eltern schon mit sechs Jahren alleine auf Jugendfreizeiten geschickt haben. Das Verhältnis war ungefähr drei zu eins, drei Jahre Jugendfreizeit mit einem Kreisjugendring und ein Urlaub mit den Eltern. Vielleicht gibt es ja auch eine Schnittmenge, vielleicht mit einer Städtereise, die man zusammen machen kann. Man muss weg von diesem Anspruch des perfekten Urlaubs, vom Bild der glücklichen Traumfamilie oder dem verliebten Traumpaar, das uns in den Medien oft vorgespielt wird. Ich kann nur empfehlen, zu überlegen, ob man das nicht trennen kann. Meine Lebenspartnerin mag Wassersport nicht, also mach ich das alleine und sie in der Zeit etwas anderes. Und dann treffen wir uns irgendwo auf einen Kaffee oder einen Drink.

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In den 70ern und 80ern war es üblich, dass Eltern ihre Kinder bei den Großeltern untergebracht haben, um alleine zu verreisen – heute gilt man da als Rabeneltern.
Wenn man im Leben gut klarkommen möchte, muss man flexibel und beweglich bleiben. Warum denn nicht die Kinder bei den Großeltern lassen? Wahrscheinlich haben die Großeltern einen Riesenspaß, wenn das gesundheitlich und altersbedingt noch passt, genauso wie die Enkel. Und die Eltern haben auch mal wieder die Möglichkeit, sich wahrzunehmen und als Paar zu leben. Dieses „es muss so sein“-Anspruchsdenken führt nur dazu, dass die Terminkalender der Scheidungsanwälte voll sind.

Ob mit oder ohne Kindern: Wenn man im Urlaub merkt, es ist ganz furchtbar, aber man hat noch sechs Tage vor sich – was tun?
Man sollte sich nicht scheuen, zu packen und zu fahren – vorausgesetzt, das ist logistisch überhaupt möglich. Aber wenn die Hotelanlage wirklich so abturnend ist, wenn der Erholungsfaktor auch bei größter Toleranz nicht gegeben ist …

Das ist ja jetzt das Äußere. Wie ist es beim Zwischenmenschlichen?
Einen Urlaub abzubrechen, weil es persönlich nicht klappt, ist nicht ungefährlich. Zu sagen, „wir haben abgebrochen, weil wir uns gestritten haben“, ist ja wie ein Batzen schlechter Energie, der ist auch fünf Jahre später noch da. Da sollte man schauen, dass man das löst.

Wie?
Vielleicht einen Tag einlegen, an dem jeder etwas anderes macht. Um etwas Distanz zu bekommen. Ich würde aber dennoch empfehlen, zu bleiben und das vor Ort zu klären – damit dann nicht hängen bleibt, wir haben abgebrochen, weil wir uns nicht mehr verstanden haben.

Konflikte im Urlaub entspringen also dem Alltag. Demnach müssten wir den Fokus auf den Alltag legen, nicht auf den Urlaub.
Das ist genau der Punkt. Im besten Fall leben Sie so, dass der Urlaub toll ist, aber nicht, weil der Alltag unerträglich ist. Nicht der Urlaub ist das Leben, sondern jeder Tag.

Wäre Urlaub zu Hause also eine gute Übung für den Alltag?
Ich mache jetzt auch zwei Wochen Urlaub zu Hause und versuche, nicht viel zu machen. Aber eine andere Umgebung hat schon den Effekt, dass eine Art Reset stattfindet. Auch anderes Essen und andere Gerüche – oftmals wird der Urlaub als wertvoller empfunden, wenn man in den Bergen gekraxelt ist, Ski gefahren ist oder irgendwo in der Sonne gelegen hat. Dieser Tapetenwechsel hat durchaus seine Vorteile. Weil man etwas anderes macht und möglicherweise auch für die Arbeit nicht erreichbar ist. Wobei das, wenn man ein Handy dabei hat, schon schwierig wird.

Wir können überall online gehen, sind immer erreichbar – das führt mittlerweile auch oft zu Ärger im Urlaub. Was empfehlen Sie: Handy nur alle paar Tage anschalten – oder einfach ganz zu Hause lassen?
Zu Hause lassen – wenn man sich das von seinem Job her erlauben kann. Falls nicht, dann muss ich eben auch in Singapur die Mail eines wichtigen Kunden bearbeiten.

Und dann sagt der Partner: „So war das aber nicht ausgemacht.“
Womit er auch recht hat. Abschalten ist auch eine Frage der Organisation. Andererseits: Wenn Sie etwa nächste Woche in den Urlaub fahren und wissen, dass da irgendwelche Projekte laufen und sind in Kopie gesetzt, dann werden Sie auch irgendwann schauen, was ist denn mit dem Projekt? Für einen Angestellten ist es einfacher, weil er möglicherweise seine Position ruhen lassen oder Aufgaben delegieren kann.

Dann haben es also alleinlebende Angestellte am Schönsten im Urlaub?
Wenn sie mit dem Status alleinlebend klarkommen, wahrscheinlich schon. Ich habe vor zehn Jahren mal den Führerschein verloren. Da habe ich mir gesagt: Jetzt mache ich mal vier Wochen Urlaub. Damals war ich in keiner Beziehung, die Kinder waren auch schon groß, dann bin ich für drei Wochen nach Asien geflogen. Das war cool. Alleine in Asien, was ich für Menschen kennengelernt habe, das habe ich nie wieder erlebt. Ich lag da und habe irgendwelche Meditationen gemacht, morgens sind die Schiffe vorbeigefahren, dann kam Ebbe, dann Flut, und dann haben wir Muscheln gesammelt. Wenn man noch relativ jung ist und was erleben will, schläft man auch mal unter einer Brücke. Aber je älter man wird, desto mehr hat man schon erlebt, dann lässt auch die Begeisterungsfähigkeit etwas nach. Man reist dann lieber komfortabel und möchte keine Fliegen im Zimmer oder sowas. Da muss jeder seine Mitte finden. Es gibt auch genügend Singles, die nicht wissen, was sie machen sollen.

Für die wäre vielleicht eine Gruppenreise zu empfehlen – obwohl, die bergen ja auch einiges an Konfliktpotenzial …
Das ist eher etwas für Senioren oder Vereine. Man sollte natürlich vermeiden, dass wildfremde Menschen sich ein Zimmer teilen. So unterschiedlich wie die Menschen sind, lässt sich auch da sagen, es soll jeder machen, was er will. Nicht so hohe Ansprüche stellen, auch nicht an sich selbst. Dann diskutiert man vielleicht ob man Pizza isst, ins Steakhaus oder eben doch vegan essen geht. Das kann man alles irgendwie managen. Aber egal ob Gruppenreise oder Individualurlaub zu zweit – man muss immer überlegen, was denn alles schiefgehen kann. Nicht erst Murphy hat ja gezeigt, dass meist schief geht, was schiefgehen kann. Wie gesagt, die Koffer rechtzeitig packen, dann muss nicht improvisiert werden – das gibt nämlich auch oft Ärger.

Dabei hat gute Improvisation schon manchen Urlaub gerettet.
Blöd ist nur, wenn der Koffer nicht da ist und man nichts hat, womit man improvisieren könnte.

Interview: Andreas Sieler und Boris Halva

Ab in den Urlaub: Tipps von FR-Redakteuren

Nie zu redselig

Ich habe eine goldene Regel: Ich rede mit Kollegen nicht groß über den Urlaub. Denn es gibt ja nur zwei Möglichkeiten. War es schön, bröselt mit jeder Wiederholung die Energie der Erinnerung im Angesicht der zurück gebliebenen gestressten Gesichter. War es nicht so gelungen, rede ich mich in jedem Gespräch noch mehr in die Abwärtsspirale des Unwohlseins. Also strahle ich wie immer, murmle „mmh ganz toll, danke“ und gehe zum Alltag über. In mir leuchtet dann das Licht des Urlaubs unverbraucht weiter. (Thomas Kaspar)

Nie zu früh

Damit die Erholung anfängt, bevor der Urlaub richtig loslegt, achte ich penibel darauf, dass Flug oder Zug möglichst nicht vor elf Uhr morgens gehen. Drei Wecker stellen und doch nicht einschlafen können, aus Sorge, zu verpennen? Wie gerädert mitten in der Nacht aufstehen, die letzten Dinge in den Koffer werfen – natürlich die elektrische Zahnbürste vergessen? Zum Flughafen oder Bahnhof hetzen, während nicht mal die erste Drossel kräht? Ich ziehe es vor, entspannt und ausgeschlafen in den reservierten Sitz zu fallen, und bin auch bereit, dafür etwas mehr zu zahlen, denn natürlich kostet der herrgottsfrühe Flug meist deutlich weniger. Dann bin ich eben dekadent, aber augenringfrei. Blöd nur, wenn, wie jetzt geschehen, die Fluggesellschaft wenige Wochen nach der Buchung die Abflugzeit ändert und sich für die nicht näher beschriebenen „Umstände“ entschuldigt. Da kann ich nur sagen: Unter Umständen buche ich das nächste Mal lieber woanders. (Tanja Kokoska)

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Nie zu dritt

Meine Mutter hatte es schon immer gesagt, wenn wir ins Schwimmbad gingen oder auf in Park: Nicht zu dritt, das gibt nur Streit! Aber ich habe nicht auf sie gehört. Ich habe es getan: Zweimal im Leben bin ich mit zwei anderen in den Urlaub gefahren. Mit jeweils zwei Frauen! Nicht, was Sie jetzt denken, aber ich musste erfahren: Meine Mutter hatte recht. Obwohl, um nur kurz das zweite Mal zu erwähnen: Mitten in Mexiko trieb uns der Streit für den Rest der Reise auseinander. Die eine ging allein ihrer Wege, mit der anderen reiste ich weiter. Hinterher waren wir beide ein Paar. Jahrelang. Beim ersten Mal ging es nach Schottland, zu dritt im VW-Bus. Wir waren sehr gut befreundet. Glaubten wir. Aber es gab nur Streit. Mythische Nächte im Moor – und Streit. Magische Blicke von der Steilküste – und Streit. Eine meiner Begleiterinnen hatte einen sehr netten Freund. Er kam uns besuchen, für ein paar wenige Tage. Ich bin mit ihm dann einfach nach Hause gefahren. Eine lange Reise im Auto, fast ohne Unterbrechung. Es waren die schönsten Stunden des Urlaubs. Und ich dachte an meine Mutter. (Stephan Hebel)

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