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Menschenleer: am Ende des Sees liegt der Röthbachfall im Berchtesgadener Land.

Bodensee, Breitachklamm, Röthbachfall

Corona und Urlaub in Deutschland: Überraschende Ziele der Superlative

  • Simon Michaelis
    vonSimon Michaelis
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  • Laura Engels
    Laura Engels
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Viele Deutsche verbringen ihren Urlaub an der heimischen Küste. Doch hierzulande gibt es viele Wege, sich dem Element Wasser zu nähern: von der tiefsten Schlucht zum höchsten Wasserfall.

  • Wegen der Corona-Pandemie bleibt der Urlaub in der Ferne vorerst aus.
  • Das Meer an den deutschen Küsten wird deshalb zum alternativen Reiseziel für deutsche Urlauber*innen.
  • Deutschland bietet aber auch jede Menge andere sehenswerte Attraktionen am und im Wasser – mit Superlativen, die überraschen.

Frankfurt – Unten donnert das Wasser. Von oben gnadenloser Regen. Aus allen Richtungen peitscht die Gischt ins Gesicht und gegen die längst durchnässte, funktionslose Outdoor-Kleidung. Wer dem Wasser hinterherreist, sollte sich eigentlich nicht wundern, wenn die Naturgewalt zurückschlägt. Da es so viele Deutsche in Zeiten der Pandemie zum Urlaub ans landeseigene Meer zieht, wollen wir Alternativen suchen und uns dem Wasser auf andere Weise nähern – zum höchsten Wasserfall, größten See und zur tiefsten Schlucht. Was anfangs nach einer guten Idee klingt, fühlt sich spätestens im Dunstkreis der Breitachklamm bei Oberstdorf wie eine viel zu kalte Dusche an – im Freien, bei 13 Grad.

Urlaub in Deutschland: Die Breitach ist die tiefste Schlucht Mitteleuropas

Seit mehr als 10.000 Jahren gräbt sich die Breitach hier ihren Weg durch die tiefste Schlucht Mitteleuropas. Auf Anregung des Pfarrers Johannes Schiebel wurde das Naturdenkmal 1905 zugänglich und zieht inzwischen jährlich mehr als 300.000 Besucher an. Auch an Regentagen wie diesen, denn je mehr Wasser fließt, desto imposanter wirkt die 150 Meter tiefe Klamm. „Oft kommen bei Regen sogar noch mehr“, erzählt Betriebsleiter Dominik Fritz. Wir hätten heute gerne verzichtet. Fritz vermeldet wegen Corona leicht rückläufige Gästezahlen. Aufgrund der Abstandsregelungen ist der etwa zwei Kilometer lange Wanderweg derzeit nur in eine Richtung begehbar. Grundsätzlich kann die Klamm jeder mit festem Schuhwerk besuchen. Die Wege sind gut ausgebaut und gesichert. Etwas Trittsicherheit ist aber schon erforderlich.

Es ist eng in der Klamm. Der Weg führt stetig bergauf, durch einen Tunnel, in dem nicht nur Zwei-Meter-Riesen den Kopf einziehen müssen. Weiter geht es über Brücken, an Wasserfällen entlang des Flusslaufs vorbei und durch enge Passagen, in denen sich auch Ausdauerwanderer schmal machen müssen. Moose und Farne lieben die Feuchte und klammern sich an Felswände, die wohl noch nie die Sonne gesehen haben. Je tiefer wir in die Schlucht stapfen, umso lauter rauscht das Wasser durch die enger werdende Felsspalte.

Malerisch: die Breitachklamm bei Oberstdorf.

Wasserglück in Deutschland finden: Der Bodensee gilt als „schwäbisches Meer“

Dabei fing unsere Suche nach dem Wasserglück so beschaulich an. Das beruhigende Plätschern der Boote, die auf dem See am kleinen Hafen schaukeln, Möwen, die sich um den Platz auf dem Pfahl streiten, Segelboote, die übers Wasser gleiten. Hinter uns die längste Promenade des Bodensees mit historischen Baudenkmälern und Cafés, blühenden Blumenbeeten und Palmen. In Überlingen von mediterranem Flair zu sprechen, ist keinesfalls so übertrieben wie beim Bodensee vom „schwäbischen Meer“. Eigentlich sollte dieses Jahr in der Innenstadt die Landesgartenschau stattfinden: auf rund elf Hektar, direkt am Wasser, mit schwimmenden Gärten. Nun ist sie verschoben auf 2021.

Obwohl Teile des Sees in Österreich und der Schweiz liegen, gilt der Bodensee mit seinen 536 Quadratkilometern als der größte und zugleich tiefste See (bis 254 Meter) Deutschlands. Der Vollständigkeit halber: Der größte komplett im Land liegende See ist die Müritz.

„Der größte Irrtum ist jedoch, dass es ein See ist“, erklärt Stadtführer Helmut Fidler von der Regio Konstanz-Bodensee-Hegau. Eigentlich seien es nämlich drei Seen und ein Fluss: Obersee, Untersee, Überlingersee und der Rhein. Er läuft mit uns zur alten Rheinbrücke in Konstanz, wo der Fluss aus dem Obersee in den Seerhein fließt und seit 1939 der Rheinkilometer Null beginnt. „Es ist paradox, denn normalerweise beginnt die Zählung dort, wo ein Fluss schiffbar ist.“ Doch 26 Kilometer vom See entfernt liegt noch ein kleiner „Problem-Fall“, der Rheinfall.

Urlaub in Deutschland: Am Bodensee das Alpenpanorama genießen

Bei der Entscheidung, das größte Strandbad des Sees einige Kilometer weiter an die Südspitze der Halbinsel Bodanrück zu setzen, hat sich hingegen jemand etwas gedacht. Im Horn, von den Einheimischen liebevoll „Hörnle“ genannt, vereinigt sich der Überlinger See mit dem Hauptteil des Bodensees – wir sind hier von fast allen Seiten von Wasser umgeben. Gut, der Kies nervt auf dem Weg ins Wasser und es fehlt ein wenig der Sog, der einem den Untergrund unter den Füßen wieder wegzieht, doch hier können wir uns tatsächlich einbilden, wir wären am Meer. Vorbeifahrende Motorboote sorgen für sanften Wellengang und einen Hauch von Meeresrauschen – dazu das Alpenpanorama auf der anderen Seite. Alles kostenlos. Vielleicht liegen die Schwaben mit ihrem Meeresvergleich ja doch nicht so falsch?

Mediterran: die Überlinger Uferpromenade.

Irene und Felix Lorenz, beide Anfang 30, haben nicht so viel Glück, lassen sich die Urlaubslaune aber auch nach dem Wetterumschwung am nächsten Tag vom Regen nicht vermiesen. Statt im See, waren sie in der Überlinger Therme schwimmen. „Es ist ein anderer Urlaub, aber die Kulisse hier ist trotzdem schön“, findet das Paar aus Bruchsal. Eigentlich wollten sie nach Kroatien, die komplette Küste entlangfahren. „Das war uns aber aufgrund der Beschränkungen zu riskant, da haben wir gedacht, wir gucken mal, was es hier in der Nähe gibt.“

Steigende Nachfrage aus Deutschland: Besonders Sportler zieht es für Urlaub an den Bodensee

Tatsächlich scheint 2020 eine andere, jüngere Klientel Urlaub am See zu machen: „Subjektiv haben Outdoor-Aktivitäten zugenommen, es war bisher ein deutlich aktiveres Publikum vor Ort“, berichtet Ann-Kathrin Scheidig von der Internationalen Bodensee Tourismus GmbH. Besonders beliebt sei die Region dieses Jahr bei Radsportlern. Offizielle Zahlen liegen derzeit bis einschließlich Juli vor. Laut amtlichen Statistiken übernachteten dort in den ersten sieben Monaten insgesamt 37 Prozent weniger Gäste als 2019. Immerhin: Der Juli zeigte sich laut Scheidig bei der Nachfrage aus Deutschland leicht positiv zum Vorjahr.

Katja Seeberger, Marketing-Leiterin von Bodensee-Vorarlberg Tourismus, bestätigt, dass dieses Jahr sportlichere Urlauber kommen. „Unser Bodenseeufer ist eher die Kulturseite. Doch ohne die Festspiele in Bregenz rückt das Wasser dieses Jahr auch hier weiter in den Vordergrund.“ Die Übernachtungsmöglichkeiten am See seien noch stärker nachgefragt. Kurioserweise gebe es ungewöhnlich viele Anfragen für Urlaub mit Hund, sagt Seeberger. Ein völlig neues Terrain: „Wir haben hier ein paar hundefreundliche Unterkünfte, aber wenn die Nachfrage steigt, fehlt uns das Angebot dafür.“ Für sie gibt es eine logische Erklärung: „Viele verreisen dieses Jahr nicht so weit weg und da nimmt man seinen Hund vermutlich eher mit als nach Mallorca.“

Die tiefste, der größte und der höchste

Die Breitachklamm ist die tiefste Felsenschlucht Mitteleuropas und erstreckt sich von Oberstdorf-Tiefenbach bis ins benachbarte Kleinwalsertal im Allgäu. Aufgrund der Corona-Beschränkungen ist das Naturdenkmal derzeit nur vom Eingang in Tiefenbach in eine Richtung begehbar.

Der Bodensee liegt im Alpenvorland und ist der drittgrößte Binnensee Europas. Die Uferlänge beträgt 273 Kilometer, davon liegen 173 in Deutschland. Mit 536 Quadratkilometern gilt er als der größte See Deutschlands. Der ausgezeichnete Premiumwanderweg „Seegang“ verbindet als einziger Streckenwanderweg Konstanz und Überlingen miteinander. Auf dem Weg liegt auch das größte Strandbad des Sees – das Hörnle.

Eine Fallhöhe von insgesamt 470 Metern macht den Röthbachfall zum höchsten Wasserfall Deutschlands. Wer ihn erreichen will, muss mit dem Schiff über den Königssee im Berchtesgadener Land bis zur Saletalm (nur während des Sommerfahrplans der Königssee-Schifffahrt Mitte April bis Mitte Oktober erreichbar) und von dort zu Fuß um den Obersee weiter. Es führen keine Straßen oder Fußwege entlang des Sees nach Salet.

Urlaub in Deutschland: Chiemsee, Königssee und Röthbachfall bieten einen kleinen Meerersatz

Carola Jasper und Tim Kestermann, Mitte 20, wollten eigentlich an die Côte d’Azur. Jetzt stehen sie im strömenden Regen in Bayern – vor Wassermassen, die imposant 470 Meter beinahe senkrecht in die Tiefe stürzen. Das Paar aus Coesfeld hat sich eine Ferienwohnung am Chiemsee gemietet –„ein kleiner Meerersatz“. „Eigentlich wollten wir auf dem Weg nach Frankreich noch ein paar Tage in der Schweiz wandern, das haben wir jetzt halt einfach hier gemacht“, sagt Jasper.

Der Röthbachfall ist Deutschlands höchster Wasserfall am Südende des beliebten und im Sommer meist überlaufenen Königssees im Berchtesgadener Land. Für den Ausblick im Talkessel unter der Röthwand müssen Besucher erst mit dem Schiff über den Königsee zur Saletalm fahren. Wer mehr Wetterglück hat, kann auf dem Weg hinter der Wallfahrtskirche St. Bartholomä sogar noch die spektakuläre Watzmann-Ostwand sehen und fotografieren – eines der süddeutschen Postkartenmotive schlechthin.

Von der Saletalm startet die recht leichte Wanderung auf anfänglich breitem Weg und späterem Bergpfad am Ufer des eindrucksvollen Obersees. In einem felsigen Bereich, der als gesicherter Steig verläuft, ist besonders bei Regen Trittsicherheit erforderlich. Das Ziel sehen wir in der Ferne schon bei der Ankunft am Obersee, der dem Höhenrekord fast die Schau stiehlt. Obwohl es kein sichtbarer Sonnenstrahl durch die dicke Wolkendecke schafft, strahlt das glasklare Wasser türkisblau. Im Gegensatz zum großen Bruder Königsee verkehren hier keine Boote, die Wasseroberfläche ist vollkommen ruhig und spiegelt den Röthbachfall unverschwommen. Der Weg lohnt sich trotzdem - denn wie am Strand gilt die Regel: Je länger man läuft, desto einsamer wird es. (Von Laura Engels und Simon Michaelis)

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