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In diesem Haus in der Nähe des Flusses Milicia ertranken neun Mitglieder einer Familie.

Italien

Unwetter in Italien fordert Dutzende Tote

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Überschwemmungen, Erdrutsche und umstürzende Bäume haben in Italien seit Beginn vergangener Woche mindestens 30 Todesopfer gefordert. Wieder stellt sich die Frage: Welchen Einfluss hat der Mensch?

Als Giuseppe G. die Tür öffnete, kam ihm ein Schwall schlammiges Wasser entgegen. Er wurde nach draußen geschleudert, konnte sich auf einen Baum retten, während die Flut im Ferienhaus rasch bis zur Decke stieg und seine Familie ertrank. Neun seiner Verwandten kamen ums Leben.

Das nahe gelegene Flüsschen Milicia war wegen des heftigen Regens zu einem reißenden Strom geworden. Während Taucher im Dunkel der Nacht die Toten bargen, war bereits ein Fernsehteam des Senders Rainews vor Ort. „Ich habe meine ganze Familie verloren, ich habe alles verloren“, rief der Mann schluchzend in die Kamera. 

Die 13-köpfige Großfamilie aus Palermo hatte sich am Samstag zu einem fröhlichen Abendessen versammelt, in dem Landhaus in Casteldaccia bei Palermo. Sie feierten nach alter sizilianischer Tradition das Fest der Toten, zu dem es Geschenke und Zuckerpuppen für die Kinder gibt. Außer Giuseppe G. überlebten nur seine 13-jährige Tochter, sein Bruder und seine Nichte den Abend. Sie waren im Dorf, um Süßigkeiten zu kaufen. Unter den Toten sind die Großeltern und drei Kinder im Alter von einem, drei und 15 Jahren.

Insgesamt sind auf Sizilien durch starke Regenfälle und Unwetter am Samstag zwölf Menschen ums Leben gekommen. In Vicari ertrank ein 44 Jahre alter Tankstellenbetreiber, nahe Agrigent ein Paar, dessen Auto in den Fluten feststeckte. Es handele sich um in Deutschland lebende Italiener, sagte ein Polizeisprecher.

Überschwemmungen, Erdrutsche und umstürzende Bäume haben damit in ganz Italien seit Beginn vergangener Woche mindestens 30 Todesopfer gefordert. Die Italiener sind Starkregen und Unwetter alljährlich im November durchaus gewöhnt. Regelmäßig sind dabei auch Tote zu beklagen. Doch jetzt sind die Regenfälle und Stürme nicht nur außergewöhnlich heftig. Es ist auch erstmals das ganze Land betroffen, von Nord bis Süd, von den Alpen bis Sizilien. Venedig erlebte eines der schlimmsten Hochwasser seit Jahrzehnten, in Ligurien schleuderte das Meer Boote an Land, in Rom wurden Straßen überflutet und Autos unter Bäumen begraben. Auf Sardinien wurde eine deutsche Touristin bei einer Trekking-Tour vom Blitz getroffen.

Von einer „apokalyptischen Lage“ sprach am Sonntag der Regionalpräsident von Venetien, Luca Zaia. Die Region, die vom Wintersportort Cortina d’Ampezzo bis Venedig und Verona reicht, war in den vergangenen Tagen von Stürmen mit Windstärken bis 180 Stundenkilometern sowie von Schlamm- und Gerölllawinen heimgesucht worden. Im gesamten Nordosten Italiens knickten 14 Millionen Bäume wie Streichhölzer um oder wurden entwurzelt. Mehr als hundert Kilometer Straßen sind blockiert oder zerstört, einige Orte von der Außenwelt abgeschnitten. Wie durch ein Wunder fast unversehrt blieb der „Wald der Violinen“, wie am Sonntag bekannt wurde. Aus dem Forstgebiet Fleimstal im Trentino stammt das wertvolle Holz jahrhunderteralter Fichten, das die Geigenbauer aus Cremona verwendeten, auch der legendäre Stradivari. 

Zaia überflog am Sonntag zusammen mit Innenminister Matteo Salvini die norditalienischen Katastrophengebiete. Die Schlucht Serrai di Sottoguda am Fuß des Marmolada-Massivs, eine Touristenattraktion der Dolomiten, sei völlig verwüstet, berichtete Zaia anschließend. Einst kristallklare Seen seien voller Baumstämme. Vielerorts seien Häuser zerstört worden. In der Alpen-Provinz Belluno sind 5000 Haushalte seit Tagen ohne Strom, Wasser, Telefon. Zaia sagte, die Bergregionen Venetiens brauchten dringend einen „Marshall-Plan“. Er schätzte die Schäden allein in diesem Teil Italiens auf mehr als eine Milliarde Euro. Der Chef des regionalen Zivilschutzes sagte, es werde Jahrzehnte dauern, den Baumbestand zu erneuern. Und noch ist vielerorts unklar, ob der Skibetrieb mit Beginn der Wintersaison eröffnet werden kann. „Die Skipisten in den Dolomiten erinnern an bombardierte Schlachtfelder“, schreibt die Zeitung La Repubblica.

Rom stelle als Soforthilfe für alle betroffenen Regionen 250 Millionen Euro bereit, versprach Salvini. Nach weiteren Mitteln suche man – wenn nicht wieder ein Brief aus Brüssel komme, wie er spitz hinzufügte. Die Regierung der rechten Lega und der Anti-Establishment-Bewegung Fünf Sterne steht wegen ihrer Schuldenpläne und einem drohenden EU-Defizitverfahren stark unter Druck. Salvini zufolge wären 40 Milliarden Euro nötig, um das gesamte italienische Territorium vor den Folgen von Naturkatastrophen zu schützen. Das Ausmaß der Verwüstungen sei jahrelanger Vernachlässigung und den „Salon-Umweltschützern“ geschuldet, wie er sich ausdrückte. „Die verhindern immer wieder, dass Bäume oder Flussläufe angerührt werden, statt die Pflege den Fachleuten zu überlassen.“ 

Tatsächlich jedoch besteht zumindest bei der Tragödie in Sizilien ein ganz anderer Verdacht: Der, dass illegal gebaut wurde. In Casteldaccia stünden die Häuser zu nah am Flusslauf des Milicia, teilte die Staatsanwaltschaft von Termini Imerese mit. Sie hat Ermittlungen eingeleitet. 
Studien zufolge sind 91 Prozent aller italienischen Gemeinden von Erdrutschen, Überschwemmungen und Erdbeben bedroht. Dennoch werden nach wie vor Häuser und Hotels in Risikogebieten errichtet und Bauauflagen missachtet. Opferzahlen und Schäden sind deshalb oft unverhältnismäßig hoch. Statt dagegen vorzugehen, hat die Regierung gerade eine Amnestie für Bausünder auf der Ferieninsel Ischia beschlossen. Dort waren bei einem relativ schwachen Erdbeben im August 2017 zwei Menschen ums Leben gekommen und Teile der Insel verwüstet worden – auch, weil illegal gebaut und aufgestockt wird. 

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