Auf den Stelzen spürt man den Wind: die Neumayer-Station III in der Antarktis nahe dem Suedpol.
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Auf den Stelzen spürt man den Wind: die Neumayer-Station III in der Antarktis nahe dem Südpol.

Antarktis

Unter Pinguinen

Keine Sonne, feindselige Temperaturen – aber immerhin Fenster. Wie die Forscher auf der Neumayer-Station beim Südpol durch die kalten Monate kommen.

Rund zwei Monate lang kein Sonnenlicht, acht Monate isoliert in einer Umgebung aus Schnee und Eis, die mit Durchschnittstemperaturen unter minus 30 Grad zu Recht als „feindselig“ beschrieben werden kann: Was die neun Mitglieder des Antarktis-Überwinterungsteams in der deutschen Forschungsstation Neumayer aushalten, wirkt von außen betrachtet wie ein mentaler und körperlicher Kraftakt. „Und doch ist es der schönste Platz zum Arbeiten“, sagt Klaus Guba, Arzt und Leiter der Station, am Telefon.

Der 53-Jährige hat sich wie die anderen Mitglieder des Teams bewusst für dieses Abenteuer entschieden – und gegen seine bisherige Arbeit im Krankenhaus. „Das betriebswirtschaftliche Denken war da schon manchmal deprimierend“, sagt der gebürtige Münchner. Jetzt arbeitet er stattdessen im Dienste der Erforschung des Klimawandels an den Polen. Die Station ist die Basis der deutschen Antarktisforschung. Zwei Jahre läuft Gubas Vertrag beim Bremerhavener Alfred-Wegener-Institut (AWI), im kommenden März wird er die Antarktis verlassen.

Dass mit ihm ein Chirurg den Posten des Arztes besetzt, habe pragmatische Gründe, sagt er. „Ich muss im Zweifel einen Blinddarm operieren oder eine Sprunggelenksverletzung.“ Im antarktischen Winter kann niemand ausgeflogen werden. Stattdessen steht ihm ein kompletter OP zur Verfügung. Guba hat sich vor dem Einsatz am Pol außerdem in Zahnmedizin fortbilden lassen. Im Notfall assistiert ihm Wanderson Almeida aus Brasilien – eigentlich der Koch auf der Station.

Im Alltag spielt die Gruppendynamik auf engem Raum eine große Rolle: Die Überwinterer haben vor ihrem Einsatz Konfliktmanagement und Kommunikation genauso trainiert wie das Zelten auf dem Gletscher. „Ironie vermeiden, das birgt Konfliktpotenzial“, ist aus Sicht von Guba schon mal ein guter Tipp. Ganz wichtig sei zudem: Struktur in der selbst gewählten Isolation. Der Wochenrhythmus gehe sonst schnell verloren, sagt der Arzt.

Konkrete Pläne für den jeweils nächsten Tag und feste Aktivitäten helfen, die Einförmigkeit der Tage zu überbrücken. Montags ist „Sneak Movie night“, Dienstag Basketball, Samstag Spieleabend, am Mittwoch probt die Stations-Band. Guba sitzt zu „Rockin‘ all over the world“ oder „What a wonderful world“ am Klavier.

Wer will, kann im Gewächshaus nach Tomaten, Salat, Radieschen und Kohlrabi sehen, die dort unter künstlichem Sonnenlicht wachsen. Nächstes Jahr soll ein Nasa-Mitarbeiter mit einziehen, erzählt Guba. Das hier erworbene Wissen sei auch wichtig für Missionen im All.

Geforscht wird in den Bereichen Luftchemie, Meteorologie und Geophysik. Zudem betreuen die Stationsbewohner eine der Infraschall-Messanlagen, die zur Überwachung des Kernwaffenteststoppvertrages dienen sollen, und beobachten die Pinguinkolonie in der Atka-Bucht.

Während jeder meistens alleine frühstückt und zu Mittag isst, kommt das Team in der Regel zum Abendessen zusammen, „wie eine Familie“, sagt Guba, Vater von zwei Töchtern. Dann wird über das gesprochen, was alle bewegt. Der Kontakt nach Hause läuft via Satellitenleitung zum Alfred-Wegener-Institut nach Bremerhaven und von dort per Telefonleitung, die Verbindung ist glasklar.

Was dem Team gut tut, sind die Fenster, die die ins Eis gebauten Vorgängerstationen Neumayer I und II noch nicht hatten, wie Guba erzählt: „Das war dann eher U-Boot-Feeling.“ Die jetzige Station steht auf Stelzen, um nicht eingeschneit zu werden. „Nachteil ist, du spürst die Stürme“, sagt der Stationsleiter. Orkanböen seien keine Seltenheit.

Dafür sei die Polarnacht keineswegs so dunkel, wie er anfangs geglaubt habe: „Die mehrstündigen Dämmerungsphasen machen das Aushalten der fehlenden Sonne wesentlich leichter.“ Wenn die sich dem Horizont nähere, müsse er lediglich zum Lesen Licht anmachen, so hell sei es – liegt doch die Station auf 70 Grad südlicher Breite noch relativ weit weg vom Südpol.

Die Folge der kurzen Sonnengastspiele vor Beginn der Polarnacht: „Ich habe so viele Sonnenauf- und Untergänge bewusst erlebt wie sonst nie in Deutschland.“ Und dann sei da noch die unberührte Wildnis, die bei gutem Wetter mit dem Motorschlitten erkundet wird: Weddell-Robben, Raubmöwen und die Kaiserpinguin-Kolonie, deren Tiere sich in der Mauser bis zur Station verirren.

„Was wir alle gemeinsam haben, ist wahnsinniger Respekt vor der Natur“, sagt Guba. Dass sie auf dem letzten coronafreien Kontinent weltweit eine Sonderrolle spielten, sei allen im Team bewusst, „wir erkundigen uns natürlich, wie es unseren Familien geht.“

Daneben laufen länderübergreifend beim Alfred-Wegener-Institut Planspiele zu einer möglichen Covid-19-Infektion auf der Station. Schließlich wird ab Oktober, zu Beginn des antarktischen Sommers, das Team wieder vergrößert. Zumindest könnten aber dann von den präparierten Eis-Pisten aus Flugzeuge Patienten notfalls ausfliegen.

Ganz allein in der Antarktis ist das Team der Neumayer-Station nicht: Die Südafrikaner forschen 220 Kilometer entfernt, 250 Kilometer weit weg liegt die norwegische Troll-Station. Zum weltweiten Earth-Day im April teilten die Wissenschaftler im Netz Fotos, um auf die Folgen des Klimawandels aufmerksam zu machen – in der Antarktis sind die Temperaturen in den vergangenen Jahrzehnten stark gestiegen.

An den Ostergrüßen wiederum beteiligten sich unter anderem die polnische, argentinische und indische Station. „Das macht auch Antarktika aus“, sagt Guba, „ein friedliches Zusammenleben aller möglichen Nationen auf einem staatenlosen Kontinent, auf dem man sich gegenseitig bei Bedarf unterstützt und schätzt.“ (Florian Riesterer, epd)

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