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Ein Netz schützt den Innenraum der Kathedrale von Notre-Dame vor herabfallenden Teilen. Das Foto entstand Mitte Mai 2019.

Paris

Notre-Dame: Gewölbe noch immer einsturzgefährdet

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Die ehemalige Kölner Dombaumeisterin Barbara Schock-Werner hat Notre Dame besucht.

In der Pariser Kathedrale Notre-Dame sind die Gewölbe des Mittelschiffs auch zwei Monate nach der Brandkatastrophe vom 15. April akut einsturzgefährdet. Diese Erkenntnis konnte die Koordinatorin der Bundesregierung für die deutsche Wiederaufbauhilfe, Barbara Schock-Werner, von einer der seltenen Besichtigungsgelegenheiten für auswärtige Besucher mitnehmen.

„Chef-Architekt Philippe Villeneuve ist sehr unsicher, ob die Gewölbe des Mittelschiffs zu retten sind“, berichtete die ehemalige Kölner Dombaumeisterin. „Er fürchtet, dass die vom Löschwasser durchnässten Wände bei der Trocknung in der Sommerhitze Schaden nehmen – wenn etwa der aufgequollene Mörtel zu arbeiten beginnt und sich dadurch die Wände verziehen.“ Streben aus Metall, die zurzeit angefertigt werden, sollen verhindern, dass die außen gelegenen Strebebögen die Wände nach innen drücken. „Diese Gefahr besteht, weil nach dem Einsturz der Gewölbe die entgegenwirkende Auflast fehlt.“

Notre-Dame: Mauerwerk wird ständig kontrolliert

Mit Hilfe zahlreicher Messpunkte werde das Mauerwerk ständig kontrolliert und jede Bewegung dokumentiert. In den 28 Stützachsen soll zur weiteren Stabilisierung je eine Leimbinder-Balkenkonstruktion auf die Kirchenmauern gelegt werden. Die mächtigen Bauteile lagern bereits auf der Nordseite vor der Kirche.

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Vier Wochen nach ihrem ersten Besuch zeigte sich Schock-Werner „sehr beeindruckt“ vom Fortschritt der Aufräumarbeiten und der Gebäudesicherung. In der Mitte des Langhauses liege zwar immer noch ein Haufen Schutt, „aber der ist längst nicht mehr so groß“. Auf dem Platz vor der Kirche stehen große Zelte, in denen geborgene Teile gesichtet und für eine mögliche Wiederverwendung deponiert werden.

Belastung durch giftiges Blei nach dem Brand in Notre-Dame

Der gesamte begehbare Bereich des Innenraums – Seitenschiffe, Chorumgang und Kapellenkranz – werde täglich abgesaugt, berichtet Schock-Werner. Die Belastung des Staubs und damit der Atemluft durch das giftige Blei der im Feuer geschmolzenen Dachabdeckung seien erheblich. Auch deshalb wollen die Verantwortlichen nach wie vor möglichst niemanden in die Kirche lassen, der dort nicht zwingend zu tun hat. „Mit bloßem Auge gut erkennbar, habe ich in den nicht gesäuberten Teilen überall kleine Bleitropfen herumliegen sehen.“

Ob der vom Feuer zerstörte Dachstuhl originalgetreu in Holz oder stattdessen – wie etwa im Kölner Dom – als Stahlkonstruktion wiedererrichtet und in welcher Form der eingestürzte Dachreiter ersetzt wird, das ist offiziell die Entscheidung des französischen Präsidenten und des Senats. Architekt Villeneuve präferiert einen hölzernen Dachstuhl und eine Rekonstruktion des Vierungsturms aus dem 19. Jahrhundert, so dass die Silhouette von Notre Dame wieder so aussähe, wie sie den Parisern und Touristen aus aller Welt vertraut war. Bis dahin aber braucht es, so Schock-Werner, vor allem dreierlei: viel Zeit, viel Arbeit – und viel Geld.

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