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Moritz Bleibtreu schaut gern nach vorne.

Moritz Bleibtreu

"Unsere Zeit braucht Philosophen"

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Schauspieler Moritz Bleibtreu spricht im Interview über religiösen Eifer, die guten Seiten des Verdrängens und warum Heimat für ihn noch nie an einen Ort gebunden war.

An die Spitze der deutschen Schauspielerriege katapultierte sich Moritz Bleibtreu, 46, vor zwanzig Jahren mit den beiden Kult-Filmen „Knockin‘ On Heaven’s Door“ (1997) und „Lola rennt“ (1998). Danach spielte er unter der Regie seines guten Freundes Fatih Akin in „Im Juli“ (2000) und „Soul Kitchen“ (2009) mit, außerdem u.v.a. in „Elementarteilchen“ (2006), „Der Baader Meinhof Komplex“ (2008) und „Die dunkle Seite des Mondes“ (2015) sowie in internationalen Produktionen wie „Die Frau in Gold“ (2015). In letzter Zeit auch in ausgewählten TV-Filmen zu sehen, darunter in der Krimi-Reihe „Schuld“ nach Ferdinand von Schirach. Am 25. Januar kommt Moritz Bleibtreu mit dem lupenreinen Rache-Thriller „Nur Gott kann mich richten“ ins Kino. Wir trafen ihn während der Filmfestspiele in Zürich im Hotel Widder, wo er sich zuerst einmal – trotz strengen Rauchverbots – eine Zigarette ansteckt.

Herr Bleibtreu, Sie haben vor gut zehn Jahren in Özgür Yildirims Regiedebüt „Chiko“ mitgespielt – aber Sie kannten sich ja schon lange vorher aus Ihrer Hamburger Zeit.
Ja, und da schließt sich auch wieder der Kreis zu Fatih Akin, denn Özgür war so etwas wie der erste Schützling aus diesem Kreis. Ich habe Özgür immer im Auge behalten. Und als er meinte, dass wir doch mal wieder einen Film zusammen machen sollten, habe ich sofort ja gesagt. Er hat mir dann vor drei Jahren sein Drehbuch zu „Nur Gott kann mich richten“ geschickt, das mir ausgesprochen gut gefiel. Ich hatte auch gleich ein paar Ideen, wie ich da nicht nur als Schauspieler, sondern auch als Co-Produzent nützlich sein könnte. Also haben wir uns an die Arbeit gemacht – und jetzt bin ich sehr stolz auf das, was dabei herausgekommen ist.

Warum haben Sie als Schauplatz von „Nur Gott kann mich richten“ Frankfurt am Main gewählt?
Weil Frankfurt im Kino zu selten vorkommt. Mit all den Hochhäusern und Banken, aber auch dem Bahnhofsviertel und dem Rotlicht-Milieu. Viel Stahl, viel Glas. In Frankfurt kann man sehr gut Großstadt erzählen. Viele der Rapper auf dem Soundtrack für den Film sind auch aus Frankfurt. Leider wird in Deutschland Hip-Hop immer noch nicht richtig verstanden. Aber ich habe das Gefühl, dass sich diese Musik nun langsam auch hierzulande durchsetzt. Hip-Hop ist schließlich der Rock’n’Roll unserer Zeit.

Der Film spielt im Milieu krimineller Immigranten und ist sehr brutal.
Der Film ist kein Sozial-Drama, eher ein Genre-Film, der seine Figuren und ihre Lebensumstände ernst nimmt. Noch vor kurzer Zeit war die Umsetzung solcher Stoffe sehr kompliziert. Ich glaube, dass der von den Streamern ausgehende Wandel, der sich seit einiger Zeit in der Filmindustrie vollzieht, jetzt den Weg für unkonventionelle Erzähl-Strukturen frei gemacht hat, worüber ich sehr froh bin.

„Nur Gott kann mich richten“ ist ein lupenreiner Rache-Film, der ganz offensichtlich keine sozialkritische Studie sein will oder gar die Ausländer-Problematik thematisiert.
Und genau so einen Film wollten wir machen. Einen Rache-Film, in dem es um den Tod geht. Und um Fragen wie: Wann bist du bereit zu töten? Wo kommt deine Schuld her? Wie steht es mit deiner persönlichen Sühne? Es ist ein sehr gradliniger, direkter Genre- Film.

Im Film sagt eine Frau zu dem Gangster Ricky, den Sie darstellen: „Gott richtet uns, um uns zurückzuholen.“ Glauben Sie das? Glauben Sie an Gott?
Ich bin ein sehr gläubiger Mensch. Allerdings verachte ich die Kirche. Und das, was ich glaube, überschneidet sich nur in ganz kleinen Teilbereichen mit dem, was man so Religion nennt.

Sie würden also nicht – wie Ricky im Film – beten?
Nein. Und wenn ich es tue, muss ich mich nicht hinknien und meine Hände falten. Vielleicht bete ich ja auf gewisse Weise, ohne es zu wissen. Aber sicher nicht im üblichen Sinn. Ich habe unlängst mit meinem neunjährigen Sohn über Gott geredet. Und da sagte ich ihm, dass ich es toll fände, wenn jeder für sich seinen eigenen Gott definieren würde. Da wäre doch die Welt viel schöner und bunter. Da könnten wir uns doch alle untereinander austauschen – und zwar unter der Regel: „Seid nett zueinander!“ Wir brauchen nun wirklich keine Dogmatiker oder gar Fanatiker, die uns sagen, was richtig und falsch ist. Was unsere heutige Zeit braucht, sind Philosophen.

Philosophen in welchem Sinne?
Menschen, die gesellschaftliche Entwürfe entwickeln, Fantasien erspinnen und uns erklären, welche weitreichende Bedeutung diese digitale Welt hat. Die Menschheit ist zum ersten Mal an einem Punkt, an dem sie nicht weiß, wie es weitergehen wird. Mittlerweile ist die Wissenschaft so komplex, dass wir als normale Menschen gar keine Vorstellung haben, wie unser Leben mal aussehen wird. Die Menschen leben in einer Welt, in der sie das Gefühl haben, nichts mehr zu verstehen. Das ist ein großes Problem, das es zu lösen gilt.

Aus dieser Ohnmacht entsteht dann meist auch eine große Angst...
... und die führt immer zu reaktionären Verhaltensweisen – auf politischer, sozialer oder privater Ebene.

Aus der fehlenden Identifikation mit der Realität entsteht bei manchen Menschen ein Gefühl der Heimatlosigkeit. Haben Sie eine Heimat?
Meine Heimat ist meine Familie. Immer da, wo ich bin und wo die Menschen sind, die ich liebe – da ist meine Heimat. Heimat war für mich nie ein Ort. Okay, Hamburg ist sicher eine ganz spezielle Stadt für mich. Da gibt es Ecken – zum Beispiel St. Georg, wo ich aufgewachsen bin –, wenn ich da hin gehe, muss ich nur einmal tief durchatmen und weiß genau, hier riecht die Luft so, wie ich es kenne. Aber ich hatte noch nie einen emotionalen Bezug zu einem Stück Land. Nationalismus ist mir völlig fremd.

Im Film gibt es für die meisten Protagonisten Brüche, die ihr Leben drastisch verändern. Gibt es solche schicksalhaften Ereignisse auch in Ihrem Leben?
Ja, viele. Ich bin leider Gottes schon sehr früh in meinem Leben mit dem Tod in Berührung gekommen. Damit, wie es ist, Menschen zu verlieren, die man liebt.

Standen Sie damals, Anfang der 90er Jahre in New York, auch vor so einem Scheideweg? Sie sagten, dass Ihnen dort „der Stecker gezogen wurde“.
Das meinte ich in Bezug auf die Schauspielerei. Ich konnte mit Method-Acting nicht viel anfangen. Okay, ich war damals mit 19 noch sehr jung, aber ich dachte, wenn sich das all die tollen Schauspieler wie Robert de Niro, Al Pacino, Dustin Hoffman und so weiter drauf schaffen konnten und ich nicht – dann bin ich wohl kein richtiger Schauspieler. Ich habe da schwer gelitten.

Und woran?
Dieses Prinzip der Gegensätzlichkeit habe ich einfach nicht umsetzen können. Für mich ist das auch heute noch ein Widerspruch, zu sagen, ich nehme längst verdrängte Situationen, die mir in meinem Leben tatsächlich passiert sind, und koche die dann für eine Filmszene wieder hoch. Ich denke also an meine tote Katze und rede darüber, dass du mich nicht mehr liebst? – Das hat für mich instinktiv und emotional keinen Sinn ergeben.

Warum eigentlich nicht?
Weil ich gar nicht an meine tote Katze denken will. Wenn man mir sagte, dass ich mich an schlimme Dinge in meinem Leben erinnern sollte, dann müsste ich zum Beispiel darüber nachdenken, wie es war als mein bester Freund gestorben ist. Das will ich nicht. Erst viel später habe ich verstanden, dass dieser Verdrängungsmechanismus auch etwas Gutes ist, denn er schützt einen ja auch. Ich kann doch mit diesen schrecklichen Dingen nur umgehen, weil ich es geschafft habe, sie zu verdrängen.

Verdrängen ist ein Weg, aber es geht doch aber auch darum, Situationen zu bewältigen.
Wenn wir den Verdrängungsmechanismus nicht hätten, würden wir doch verrückt werden. Und was ist denn so schlimm daran, wenn man seine großen Schmerzen in eine Schublade legt und die dann abschließt? Ich weiß wirklich nicht, ob es etwas bringt, eine Antwort auf den Schmerz zu finden. Zurückschauen ist jedenfalls nicht so mein Ding. Ich schaue lieber nach vorne. Ganz abgesehen davon: Irgendwann sollte einem doch klarwerden, dass man eben der ist, der man ist. Dass einem das Leben geschenkt wurde. Und man daraus etwas machen sollte.

Das ist die persönliche Ebene. Aber als Schauspieler ist man ja zeitweise jemand anderes – und doch geht die Intensität, mit der Sie den Gangster Ricky spielen, unter die Haut. Wie finden Sie – ohne Method-Acting –   Ihre Figuren?
Ich spiele diese Figuren. Mit all meiner Liebe, mit meinem ganzen Herzen und dem Talent, das mir Gott geben hat. In diesem Moment – und das ist es! Meine Mutter hat immer gesagt, man muss „sich die Hände dreckig machen“ oder „bar zahlen“. Damit meinte sie: Als Schauspieler muss ich ab und zu mal dahin gehen, wo es weh tut. Dorthin, wo ich ungefiltert etwas von meinem Innersten gebe. Wenn ich in einem Film nichts zu geben habe, dann mache ich ihn nicht. Es geht auch bei der Schauspielerei nicht um einen selbst. Sondern um den Kontext. Der weckt unsere Emotionen. Und wenn ich schon eine Emotion aus meinem vergangenen Leben hochholen müsste, warum dann nicht durch einen rührenden Moment? Ich könnte doch, zum Beispiel, an die Geburt meines Sohnes denken. Oder an den Moment, in dem mir meine Freundin in die Augen geschaut hat und zum ersten Mal sagte, dass sie mich liebt.

Interview: Ulrich Lössl

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