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Cree-Schülerinnen und -Schüler der „All Saints Indian Residential School“, Lac La Ronge, Saskatchewan, 1945.

Indigene Völker in Kanada

„Unser Stolz wurde gebrochen“

  • vonGerd Braune
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In seinem neuen Buch widmet sich FR-Korrespondent Gerd Braune der indigenen Bevölkerung Kanadas. Ein dunkles Kapitel der Geschichte des Landes sind die „Residential Schools“, in denen die Kinder nicht nur ihrer Kultur beraubt wurden. Ein Auszug.

Alex Greyeyes war Präsident des „Saskatchewan Indian Cultural College“, als meine Frau und ich ihn 1982 in Saskatoon in der kanadischen Prärieprovinz Saskatchewan trafen. Das College, das inzwischen in „Saskatchewan Indigenous Cultural Centre“ umbenannt wurde, war 1972 gegründet worden und war eine der ersten Bildungseinrichtungen unter First-Nations-Kontrolle. Es hatte die „Stärkung von Bildung und kulturellem Bewusstsein“ der First Nations zum Ziel und entwickelte Curricula für die nun entstehenden Schulen unter indigener Führung. Alex Greyeyes kam in unserem Gespräch schnell auf die Residential Schools zu sprechen. Er berichtete von seinen Erfahrungen als Schüler einer dieser Residential Schools, die als Internate betrieben wurden. „Ich habe meine Sprache in der Schule verloren. Wir wurden bestraft, wenn wir eine indianische Sprache sprachen. Ich musste meine Sprache später wieder lernen.“ Von weit entfernten Reservationen wurden Kinder in die Internatsschulen gebracht. „Wir wurden in einem Gefängnis gehalten. Wir durften nicht nach Hause gehen, nicht zu Ostern, nicht zu Weihnachten.“ Dann sagte er: „Unser Stolz wurde gebrochen.“ Aber er war überzeugt, dass sich jetzt die Chance für die indianischen Völker öffne, diesen Stolz wiederzuerlangen.

Ich wusste also einiges über Residential Schools, als ich 15 Jahre später in Ottawa meine Arbeit als Korrespondent aufnahm. Aber erst an dem Tag, an dem die liberale Regierung von Premierminister Jean Chrétien das Dokument „Gathering Strength – Canada’s Aboriginal Action Plan“ veröffentlichte, wurde mir das Ausmaß dieser Katastrophe und das bis in die Gegenwart reichende Trauma voll bewusst, das diese Schulen mit ihrem Mandat der erzwungenen Assimilierung und der Zerstörung indigener Kultur, Sprache und Identität angerichtet hatten. Am 7. Januar 1998 veröffentlichte die Regierung dieses Dokument, zu dem auch ein „Statement of Reconciliation“ gehörte: Erstmals entschuldigte sich die kanadische Regierung für jeden hörbar für das Unrecht, das den indigenen Völkern über Jahrhunderte zugefügt wurde. Zentraler Punkt der Versöhnungserklärung, die Vertretern der First Nations, Inuit und Métis überreicht wurde, war das Eingeständnis, dass Kinder indigener Völker in den vom Staat errichteten, meist von Kirchen betriebenen Residential Schools psychischer und physischer Gewalt bis hin zum sexuellen Missbrauch ausgesetzt waren. Der Kernsatz der Erklärung lautet: „Wir sagen allen, die unter dieser Tragödie gelitten haben: Es tut uns zutiefst leid.“

Ich beobachtete von der Pressetribüne des Parlaments die Zeremonie, die von Gesang, Musik und Gebeten der First Nations, Inuit und Métis begleitet und umrahmt wurde. Es war ein bewegender Moment. Das Dokument enthielt zwar vor allem aus juristischen Gründen nicht das Wort „apology“, Entschuldigung. Aber National Chief Phil Fontaine stand auf und akzeptierte die Erklärung als Entschuldigung und Beginn einer neuen Ära.

Die Geschichte der Residential Schools

Das System der Residential Schools hat seine Wurzeln im 18. Jahrhundert, wurde aber erst mit Beginn des 19. Jahrhunderts in Kanada gezielt aufgebaut. Die ersten, damals als Boarding School bezeichneten Einrichtungen wurden bereits vor Gründung des Staates Kanada 1867 geschaffen. Residential Schools existierten in Kanada etwa 150 Jahre. Die letzten Schulen wurden zwar erst in den 1990er Jahren geschlossen, aber ab Ende der 1960er Jahre setzte ihr schneller Niedergang und eine Abkehr von der dahinterstehenden Ideologie ein. Etwa 150 000 Kinder durchliefen dieses Schulsystem, das etwa 130 Internate umfasste. Schätzungsweise 90 Prozent der Schülerinnen und Schüler kamen aus First Nations, die übrigen waren Inuit und Métis. Wegen des Übergewichts an „indianischen“ Kindern wird das Schulsystem auch als „Indian Residential School System“ bezeichnet.

Residential Schools hatten das Ziel, die Ureinwohnerkinder in den von europäischen Einwanderern und ihren Werten geprägten Staat einzugliedern. Sie sollten in diesem Sinne erzogen und in Handwerk und Landwirtschaft ausgebildet werden. Und sie sollten lesen und schreiben lernen. Die Schulen dienten aber vor allem einem Ziel: die Kinder zu assimilieren und ihre indianische Identität und Kultur zu zerstören. Denn die Kinder wurden ihren Familien entrissen. Für viele war der Morgen des Abschieds grausam. Die „Truth and Reconciliation Commission“ schreibt dazu:

„Es kann mit dem Klopfen an der Tür am frühen Morgen beginnen. Es ist der Indian Agent oder der Priester der Pfarrei oder vielleicht ein Polizist der Mounted Police. Der Bus zur Residential School fährt an diesem Morgen ab. Es ist der Tag, vor dem sich die Eltern so lange gefürchtet haben. […] Die Kinder müssen gehen. Über mehr als ein Jahrhundert lang war dies für Zehntausende indigener Kinder der Beginn ihrer Zeit in Residential Schools. Sie wurden ihren Eltern entrissen, die sie oft nur übergaben, weil ihnen Strafverfolgung angedroht worden war. Sie wurden an einen fremden Ort gebracht, an dem ihre Eltern und ihre Kultur erniedrigt und unterdrückt

werden sollte. […] ‚Ich konnte meinem Vater oder meinem Bruder Allan nicht Lebewohl sagen, ich konnte meine Hunde nicht mehr streicheln.‘“

Autor und Buch

Gerd Braune lebt als Korrespondent in Kanada und hat sich für seine Recherchen über Jahre regelmäßig mit Vertretern der indigenen Bevölkerung getroffen. Er erzählt ihre Geschichte ab der Ankunft der Europäer bis zum heutigen Tag, an dem sie noch immer um ihre Rechte kämpfen müssen. Erst seit wenigen Jahren ist ein Versöhnungsprozess im Gange. In der Vergangenheit war der Umgang Kanadas mit der indigenen Bevölkerung fatal, geprägt von Versuchen einer erzwungenen Assimilierung und dem Auslöschen ihrer kulturellen Identität.

Das McCord-Museum in Montreal zeigte im Frühjahr 2019 eine Ausstellung von Gemälden des Cree-Künstlers Kent Monkman. „Shame and Prejudice: A Story of Resilience“ war ihr Titel, „Scham und Vorurteil“: Eine Geschichte der inneren Widerstandsfähigkeit. Monkmans Gemälde The Scream stellt die Entführung indigener Kinder aus ihren Gemeinden in einem schockierenden Realismus dar.

In den Verträgen mit den First Nations war zwar von Schulen und dem Entsenden von Lehrern die Rede, nicht aber von Residential Schools fern der Reservationen. Über Monate, manchmal über Jahre hinweg sahen die Kinder ihre Familien nicht. Sie verloren ihre Kultur und Identität. Sie durften ihre Muttersprache nicht sprechen und ihre Gebräuche nicht pflegen. Den Kindern wurden die langen Haare abgeschnitten, wenn sie in die Schule kamen. Kanadas erster Premierminister John A. Macdonald war ein großer Verfechter der Residential Schools, der Assimilierung der indigenen Bevölkerung und der Auslöschung ihrer Kultur. Er war überzeugt: Wenn das Kind bei seinen Eltern in der Reservation bliebe, dann würde es vielleicht lesen und schreiben lernen, „ist aber einfach nur ein Wilder, der lesen und schreiben kann“. Fast genauso formulierte es sein Minister Hector Langevin, der 1883 Investitionen in dieses Schulsystem damit begründete, dass man Kinder in der Zeit ihres Heranwachsens von ihren Eltern trennen müsse. „Wenn man sie in der Familie lässt, lernen sie vielleicht lesen und schreiben. Aber sie bleiben dennoch Wilde. Wenn man sie in der vorgeschlagenen Weise von den Eltern trennt, nehmen sie die Sitten und Vorlieben zivilisierter Menschen an.“

Duncan Campbell Scott war zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein angesehener Poet mit verschiedenen Ehrungen, prägte als stellvertretender Minister für „Indian Affairs“ aber auch maßgeblich die Indianerpolitik. Er sprach von der Bedeutung der Erziehung, wenn der Staat das „Indianerproblem“ lösen wolle. 1920 sagte er im Parlament: „Ich möchte das Indianerproblem loswerden.“ Schulbildung wurde als das entscheidende Instrument gesehen, Indianer aus ihrem „Zustand als Wilde“ zu befreien. Man war überzeugt: Solange die Kinder ihre Muttersprache sprechen, bleiben sie Teil ihrer Gemeinde. Es galt, indigene Sprachen in den Schulen „auszumerzen“. Die planenden Politiker und Bürokraten mutmaßten, dass „der Einfluss des Wigwams stärker war als der der Schule“ und die Kinder daher dauernd in einem Umfeld „zivilisierter Bedingungen“ gehalten werden mussten.

Um die Erziehungsideologie durchzusetzen, wurden Kinder körperlich gezüchtigt. Einige begingen Suizid, oder sie flüchteten aus den Residential Schools, manchmal mitten im Winter, und erfroren. Der zwölfjährige Ojibwe-Junge Chanie Wenjack floh im Oktober 1966 aus der Residential School in Kenora und wollte in seine Heimatgemeinde Marten Falls zurückkehren. Auf dem 600 Kilometer langen Weg kam er durch Hunger und Kälte ums Leben. Der kanadische Künstler Gord Downie, Leadsänger der Rockgruppe The Tragically Hip, widmete Chanie 2016 sein letztes Album Secret Path.

Der Beginn der Aufarbeitung

Die dunkelste Seite des Residential-School-Systems wurde erst Anfang der 1990er Jahre bekannt: der sexuelle Missbrauch. In den Jahren zuvor hatte in Kanada die Auseinandersetzung mit Missbrauchsfällen in nichtindigenen Einrichtungen begonnen. Bei den First Nations aber scheuten sich Erwachsene lange, offen darüber zu sprechen, was ihnen in den Residential Schools zugefügt worden war. In den Regierungsdokumenten fanden sich keine Hinweise auf schlimme Taten. Einer der Ersten, die darüber sprachen, war Phil Fontaine. Er war Vorsitzender der Chiefs der Provinz Manitoba, als er 1990 bei einem Treffen mit Kirchenvertretern seine Erfahrungen vortrug. Als er dann die kanadische Öffentlichkeit in einem TV-Gespräch mit der kanadischen öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt CBC mit seinen Erlebnissen konfrontierte, war das Erschrecken groß. Jeder der 20 Jungen in seiner dritten Klasse habe erfahren, was er erfahren habe, „irgendeine Form sexuellen Missbrauchs“. Es hatte schon vorher Berichte über Missbrauch an indigenen Mädchen, Frauen und Jungen gegeben, es gab Studien über das Ausmaß des Missbrauchs. Aber nichts davon drang ins Bewusstsein der Öffentlichkeit. Die Aussagen Fontaines und anderer aber öffneten „Schleusentore der Erinnerungen, die sich nun vor der Öffentlichkeit ergossen“.

Viele Probleme indigener Gemeinden – zerstörte Familien, Alkohol- und Drogenmissbrauch und Gewalt – werden auch auf die Residential Schools zurückgeführt. Denn die Schulen richteten unermesslichen Schaden an, indem sie über mehrere Generationen Familien- und Gesellschaftsstrukturen zerstörten. Die „Royal Commission“ machte deutlich, dass der Schaden von Generation zu Generation weitergegeben wird: Das Leben der Überlebenden des „Indian Residential School System“ wurde durch diese Erfahrungen geprägt. Sie kämpften mit ihrer Identität, nachdem ihnen über Jahre eingebläut worden war, sich und ihre Kultur zu hassen. Sie hatten nicht die Liebe ihrer Eltern erfahren können und waren daher oft nicht in der Lage, später ihren eigenen Kindern Liebe zu geben. Sie hatten gelernt, Macht und Kontrolle durch Missbrauch auszuüben, und viele von ihnen zeigten dieses Verhalten gegenüber ihren Kindern. So beschreibt die Kommission die Weitergabe traumatischer Erfahrungen aus den Residential Schools. Ich las die

Schilderung einer älteren First-Nations-Frau: „Sie hatten Millionen Möglichkeiten, unsere Selbstachtung herabzusetzen.“ Sie habe eine Ausbildung erhalten, vor allem aber habe sie gelernt, sich und ihre Kultur zu hassen. „Alles, was du bist, ist ein großer Behälter für Hass und Wut.“

Die Kirchen – die anglikanische und die presbyterianische Kirche sowie die protestantische United Church of Canada – begannen Anfang der 1990er Jahre, das dunkle Kapitel aufzuarbeiten, und entschuldigten sich. Auch katholische Diözesen und der Orden „Oblaten der Unbefleckten Jungfrau Maria“, der zahlreiche Schulen führte, entschuldigten sich. Allerdings warten Kanadas indigene Völker noch 2020 darauf, dass der Papst offiziell und öffentlich Worte der Entschuldigung findet.

Die öffentliche Debatte in Kanada über die Residential Schools erhöhte den Druck auf die Regierung, eine Entschuldigung auszusprechen und eine Untersuchungskommission einzusetzen. 1998 erfolgte mit dem erwähnten „Statement of Reconciliation“ der erste Schritt. Angesichts der Klagewelle Überlebender, mit der Staat und Kirchen konfrontiert wurden, begannen Gespräche über eine Entschädigung und eine außergerichtliche Beilegung der Verfahren. Die liberale Regierung von Premierminister Paul Martin verständigte sich im Herbst 2005 mit First Nations, Inuit und Métis auf einen knapp zwei Milliarden Dollar umfassenden Entschädigungsfonds. Zugleich sollte durch den „Truth and Reconciliation Process“ die öffentliche Debatte über das diskreditierte Schulsystem und dessen anhaltende Folgen gefördert und die Erinnerung an die Residential Schools wachgehalten werden.

Vor der endgültigen Verabschiedung dieses „Indian Residential Schools Settlement Agreement“ stürzte die liberale Regierung und wurde durch eine konservative unter Stephen Harper ersetzt. Sie hielt an der Vereinbarung fest und stimmte ihr im Mai 2006 zu. „Diese Regierung erkennt das traurige Erbe der Residential Schools an“, sagte der „Minister for Indian Affairs“ Jim Prentice im Parlament. Das Geld sollte den fast 80 000 Überlebenden der Residential Schools zugutekommen. Zwei Jahre später kam der Tag, auf den die indigene Bevölkerung lange gewartet hatte: Offiziell entschuldigte sich die Regierung für das Leid, das Residential Schools und Zwangsassimilierung ihnen zugefügt hatten.

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