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Mit Instrumenten oder ohne, „Musik ist Musik“, so der Komponist.

Alex Christensen

„Uns ist die Sorglosigkeit abhandengekommen“

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Musikproduzent Alex Christensen wurde in den 90ern bekannt, als alles noch so einfach schien. Die Musik dieser Zeit holt er nun zurück – und lässt sie live von einem Orchester einspielen.

Als Produzent und DJ mischt Alex Christensen seit mehr als 30 Jahren im Geschäft mit. Mit dem U96-Titel „Das Boot“ stürmte er 1991 erstmals auf Platz Eins der Charts – viele Erfolge sollten folgen. Vor wenigen Wochen ist nun Christensens dritte Ausgabe von „Classical 90s Dance“ erschienen – die Vertonung von Hits des Jahrzehnts mit dem Berlin Orchestra. In den kalten Wintermonaten versucht der in Hamburg lebende Künstler zwar die meiste Zeit in seinem Landhaus im spanischen Andalusien zu verbringen, dennoch führte ihn sein Weg jüngst nach Frankfurt. Dabei blieb auch Zeit für ein Gespräch mit der FR, im gemütlichen Ambiente einer Hotelbar.

Herr Christensen, Aufnahmen mit einem Orchester waren ein Jugendtraum von Ihnen. Warum hat es solange gedauert?
Als ich naiverweise 1991 die Idee hatte, „das Boot“ mit einem Orchester aufzunehmen, war mir gar nicht bewusst, wie teuer das ist. Mein Budget war damals äußerst beschränkt – ging genauer gesagt gegen Null. Umso schöner ist es, wenn man sich Träume später verwirklichen kann. Ich habe es aus Leidenschaft gemacht.

Ist es nicht etwas widersprüchlich, 90er-Musik aus der Dose und den handgemachten Sound eines Orchesters zu kombinieren?
Musik ist Musik. Und wenn Musik gut ist, funktioniert sie auf der Gitarre und ebenso mit einem Orchester. Dabei gibt es immer wieder Songs, die herausfordernd sind: „Cotton Eye Joe“ von Rednex zum Beispiel. Der ist sehr fröhlich, aber schwierig mit einem Orchester umzusetzen. Es gibt auch überraschende Nummern. „Barbie Girl“ in der Version, die ich jetzt gemacht habe, klingt anders und ich finde es so gut als Ballade, dass man merkt, dieser Song ist nicht nur ein Joke, sondern da steckt eine gute Komposition dahinter.

„Das muss in meiner Hand bleiben“, sagt Christensen, die Beats kommen weiter von ihm.

Kann man mit 90er-Dance auch heute ein junges Publikum ansprechen?
Freunde und Fans, die zu meinen Konzerten kommen, sind mittlerweile eher Familien. Musik ist immer infizierend, Eltern infizieren ihre Kinder – in unserer Generation mit den Beatles oder den Rolling Stones. Die Elterngeneration der 90er infiziert natürlich ihre Kids mit der Musik. Die spielen es ihnen vor und sagen „oh, die Backstreet Boys, das war so toll und hör mal hier: U96, Techno, das war richtig wilde Musik“ – und die Kids sind irgendwann auch infiziert. Und wenn du dann auf irgendwelchen Abi-Partys bist, ist der Höhepunkt, wenn die Backstreet Boys laufen.

Nicht totzukriegen …
Sensationell, dass sich das immer noch durchsetzt. Das ist im Prinzip der Elvis-Rock’n’Roll der 90er.

Wie setzen Sie die Songs live um?
Wir sind mit fast 30 Leuten auf der Bühne und spielen im Prinzip alles live bis auf die elektronischen Beats und die Bässe. Ich denke, das muss in meiner Hand bleiben. Ich möchte das nicht zu orchestral haben, sondern in einem gesunden Mix, wie auf dem Album. Und natürlich wird alles live gesungen.

Ich habe einen Satz von Ihnen gelesen: „Routine geht gar nicht.“ Sind die Classic-Alben für Sie nicht auch schon Routine?
Die Frage ist, wann Routine anfängt. Mir ist vor drei, vier Jahren aufgefallen, dass ich etwas dazuhaben möchte. Das ich mit Musikern agieren und eine Interaktion haben möchte. Mit dem Orchester ist das nun etwas größenwahnsinnig geworden, das sind sehr viele Interaktionen. Aber es ist so herausfordernd, das ich mir nicht vorstellen kann, dass es schnell langweilig wird. Und gerade weil ich nun drei Alben und mehr als 45 Songs aufgenommen habe, ist auch mein Repertoire groß genug, um es live zu präsentieren. Beim ersten Album hatte mir jeder geraten: „Du musst sofort auf Tour gehen.“ Ich fand das ein bisschen wenig. Jetzt denke ich, das Repertoire ist so groß, jetzt traue ich mir auch zu, auf Tour zu gehen.

Ist ein viertes Album in Planung?
Mal schauen. Ich bin auch bei Filmen ein großer Fan von Trilogien. „Star Wars“ war perfekt, bevor sie es verlängert haben. (lacht)

Gibt es denn noch Hits aus den 90ern, die Ihnen in der Klassik-Sammlung fehlen? Oder an deren Urheberrechte Sie noch nicht gekommen sind?
Natürlich gibt es Sachen, die schwierig sind, da muss man auch mal mit den Autoren direkt sprechen und sie überzeugen, dass es eine gute Sache ist. Eine Coverversion ist auch eine Verneigung vor dem Werk. Aber mir würde spontan kein Titel einfallen. Ich glaube, meine Auswahl ist mit diesen Titeln so gut, dass ich nicht viel ausgelassen habe. Meistens sagt ja jemand: „Nirvana …“

… die andere Seite der 90er.
Genau, das ist die andere Seite der 90er. Nirvana habe ich mit Paul Anka aufgenommen, „Smells like teen spirit“ – 2004 für das Album „Rock Swings“. Ein sehr interessantes Album.

Was wollen Sie in Ihrer Karriere noch erreichen?
Zukunftspläne macht man mit 25 oder 30. Jetzt lerne ich eher „Nein“ zu sagen. Die große Lehre meines Lebens ist, dass es schöner wird, wenn ich „Nein“ sage und Dinge einfach mal nicht mache.

Zum Beispiel?
Man bekommt ein Angebot für irgendeine Fernsehshow. Als 20-Jähriger machst du das natürlich. Aber heute sage ich mir: „Nein, ich möchte mit meinem Hund rausgehen, das ist mir wichtiger.“ Es ist ein großartiger Luxus, aber auch ein Lernprozess, „Nein“ zu sagen.

Man wird also ruhiger im Alter …
Sortierter. Man macht nicht so viele hektische Dinge, nur um dazuzugehören. Ich muss nicht bei irgendeinem Radiosender einen Radiopreis einsammeln. Auch wenn es schön wäre, das ist nicht mehr mein Ziel und das finde ich angenehm. Das war früher anders. Wenn ich in den 90ern einen MTV-Award gesehen habe und nicht dabei war, dachte ich: „Jetzt gehörst du nicht mehr dazu – was ist passiert?“ (lacht). Heute ist mir das nicht mehr so wichtig.

Sie sind also zufrieden mit Ihrer Karriere.
Ich bin damit generell zufrieden. Es ist immer entscheidend, welche Werte man im Leben als wichtig erachtet. So wie ich erzogen wurde sind das Benehmen, Intellekt, und mein soziales Umfeld. Ich bin nicht so erzogen worden, dass die Gucci-Jacke oder das Konto beeindruckend sind. Ich finde es beeindruckender, einen gemischten Freundeskreis zu haben, in dem Menschen sind, die tolle Geschichten erzählen. Solche Abende sind mehr Wert, als bei Leuten mitzufahren, die ein neues Cabrio haben. Daher kann ich auch über die Abgrenzungen der Jugend nur lächeln. Für mich sind das alles Opfer, die irgendwelchen Brands hinterherlaufen. Von großen Firmen etwas zu glorifizieren und zu sagen, diese Modemarke ist das Größte, das finde ich lächerlich.

Die 90er haben Sie mal eine Zeit mit einem fröhlichen Lebensgefühl beschrieben, die Gegenwart als abscheulich-ernst. Was ist schiefgelaufen?
Uns ist ein bisschen die Sorglosigkeit abhandengekommen. Ich kann mich erinnern, als ich zur Loveparade gegangen bin, da gab es keine Lkw-Sperren. Es standen Lkw in der Menge, aber niemand kam auf die Idee, die könnten auf einmal losfahren. Es sind Ängste entstanden, die wir vorher nicht kannten. Dass ein Weihnachtsmarkt ein Ziel für eine Attacke ist, finde ich immer noch absurd. Aber es ist eben allgegenwärtig. Das empfinde ich schon als Verlust von Lebensqualität. Und es hat unsere Gedankenwelt verändert. Das finde ich sehr schade.

Ist Musik eine Möglichkeit, Menschen an vermeintlich bessere Zeiten zu erinnern?
Genau. Ich höre meine Alben ja auch (lacht). Wenn ich diese Musik im Auto einschalte, ist es für mich auch immer ein Zurücklehnen und ein Sich-von-Sorgen-befreien. Ich glaube, deswegen ist Musik auch so beliebt, weil du das Lebensgefühl zurückbekommst. Wir hatten damals alle eine große Aufbruchstimmung und sind relativ sorgenfrei durchs Leben gelaufen, das will man ein bisschen konservieren. Dabei hilft solche Musik.

Thematisieren Sie das auch live?
Das ist glaube ich zu ernst. Ich möchte ja die Menschen unterhalten und nicht belehren. Aber wie Udo Jürgens einmal gesagt hat, wenn man Unterhaltung macht, braucht man auch eine Haltung. Ich habe eine Haltung dazu, aber die würde ich nicht ungefragt jedem präsentieren. Aber wenn ich gefragt werde, positioniere ich mich auch. Es gibt viele Sachen in unserem Land, die ich erschreckend finde. Dass es hier nach unserer monströsen Geschichte Antisemitismus gibt, fällt für mich unter eine Null-Toleranz-Grenze. Da ist auch unsere Politik ein bisschen lasch, das müsste viel härter verfolgt werden. Es passieren Dinge, die dürften hier nicht passieren. Das finde ich erschreckend.

Interview: Andreas Sieler

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