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Der Zyklon Idai hat diesen Frauen alles genommen. Nun müssen sie in einem Lager nahe der Hafenstadt Beira für Lebensmittel anstehen.

Mosambik

Die Unruhe nach dem Sturm

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Mitte März verwüstete Zyklon Idai weite Teile Mosambiks.Während die Menschen versuchen, ihre Häuser wieder aufzubauen, rüsten sich Ärzte und Helfer für den Kampf gegen die Cholera.      

Julia Assane wachte auf, als das Dach ihrer Hütte wegflog. Danach gaben die aus Holz und Lehm gebauten Wände nach. Mit ihrem Großvater, ihrem Onkel und ihrem Bruder flüchtete sie nach draußen und suchte Schutz hinter einem mächtigen Baum am Rand ihres Dorfs, der dem Orkan wie durch ein Wunder standhielt. Aneinander gekauert verbrachten sie die Nacht in der Deckung des hölzernen Riesen: Als der Wind am nächsten Tag etwas nachließ, gingen sie zum Haus ihres Onkels, von dem immerhin noch die Mauern standen.

Zwei Tage später kam die Flut. Morgens trat das Wasser über das Ufer des Busi-Flusses, mittags hatte es bereits das 500 Meter vom Strom entfernte Dorf Mutchenessa erreicht. Wieder blieb Julia und ihrer Familie nichts anderes übrig, als die Flucht zu ergreifen. Die 23-Jährige musste von ihrem Bruder gestützt werden, weil ihr linkes Bein von einer unbekannten Krankheit geschwächt ist.

„Mein Herz tut weh, wenn ich das sehe.“ – Luis Inacio in der Stadt Busi, wo er einen kleinen Laden betrieben hat.

Drei Tage lang stieg die Flut unaufhaltsam an. Zuweilen reichte Julia das Wasser bis über die Brust. Die Nächte verbrachten sie auf kleinen Anhöhen sitzend im Schlamm, tagsüber hielten sie nach besseren Rückzugsgebieten Ausschau. Zu Essen hatten sie nichts: Erst am dritten Tag tauchte ein Helikopter auf, der mit Proteinen, Kohlehydraten und Vitaminen angereicherte Kekse abwarf. Sie habe nicht gedacht, dass sie das überleben werde, sagt Julia, während sich in ihren Augen Tränen sammeln. Soldaten aus einem fremden Land brachten sie schließlich mit einem Motorboot nach Beira: Seitdem sitzt die junge Frau in einem Zeltlager in der Nähe des Flughafens der Hafenstadt. Nie wieder werde sie nach Mutchenessa zurückkehren, sagt sie leise: „Wer kann sagen, dass das nicht wieder passiert?“

Mit über 170 Stundenkilometern fegte Zyklon Idai am 14. März über die mosambikanische Küste. In Beira, vor allem aber im südwestlich angrenzenden Busi-Distrikt blieb kaum ein Haus und schon gar keine Hütte verschont. Drei Tage später kamen aus der anderen Richtung die Fluten, um den Distrikt in einen einzigen See von der Größe Luxemburgs zu verwandeln. Mehr als 500 Mosambikaner starben in den Wassermassen, in den Nachbarstaaten Simbabwe und Malawi weitere 250 Menschen. Fast zwei Millionen Mosambikaner wurden von dem Orkan um Haus und Hof gebracht: Rund 100 000 Häuser und Hütten wurden zerstört oder beschädigt, fast 700 000 Hektar Ackerland ruiniert. „Etwas Ähnliches hat nicht einmal meine Mutter erlebt“, sagt Luis Inacio: Und die ist über 90 Jahre alt.

Wer sein Haus nicht an Wind oder Wasser verloren hat, stellt zum Trocknen raus, was noch zu retten scheint.

Inzwischen herrscht auf dem Busi-Fluss die Ruhe nach dem Sturm. Sanft kräuselt sich sein braunes Wasser in der Morgensonne, ein Schwarm Kormorane fliegt Formationen, von einem zerfetzten Baum am Ufer aus verfolgt ein Affe mit seinem Blick das Motorboot, das seine Morgenruhe stört.

„Dort drüben wurde ich geboren.“ Luis Inacio zeigt nach links. „Das Dorf hieß Mutchenessa: Übrig geblieben ist nichts von ihm.“ Wenig später taucht am rechten Uferrand das Städtchen Busi auf. Seinen dortigen Laden konnte der Geschäftsmann bisher von Beira aus mit dem Wagen erreichen, doch seit die Flut die Straße und ihre Brücken zerstört hat, ist der 64-Jährige auf den Flussweg angewiesen. Es ist das zweite Mal nach dem Sturm, dass Inacio nach Busi kommt. Das erste Mal stand das Städtchen noch knietief im Wasser, der Geschäftsmann musste unverrichteter Dinge nach Hause zurück kehren.

Heute wären Busis ungeteerte Straßen schon wieder befahrbar – wenn es noch funktionierende Fahrzeuge gäbe. Das Städtchen sei nicht wiederzuerkennen, seufzt Inacio beim Rundgang durch die Trümmer: „Mein Herz tut weh, wenn ich das sehe.“ Kaum ein Haus hat noch ein Dach, viele Hütten sind wie weggefegt, ein Hunderte von Jahren alter Baobab-Baum ist auf mehrere Behausungen gestürzt. An den Hauswänden zeigen braune Streifen, wie hoch das Wasser noch vor wenigen Tagen stand: In den meisten Fällen befinden sie sich auf Fensterhöhe. Busis Bewohner haben ihre Matratzen, Möbel und Kleider ins Freie geschleift, um sie in der Sonne zu trocknen, manche sind bereits dabei, ihre zerstörten Hütten wiederaufzubauen.

„Inzwischen können sich die Leute hier nichts mehr leisten.“ – Luis Inacio in seinem Laden.

Nichts blieb vom Sturm verschont. Orkan Idai faltete eine Satellitenschüssel wie ein Taco in der Mitte, die Räder eines Rollstuhls ragen aus dem Matsch, das Schwimmbad des örtlichen Hotels sieht aus, als wäre es mit Gülle gefüllt worden. Fließendes Wasser gibt es nicht, genauso wenig wie Strom, ein Mobilfunksignal oder funktionierende Elektro- und Dieselmotoren. Ob Inacios Tiefkühltruhen zerstört sind oder nach dem Trocknen wieder in Gang gebracht werden können, wird sich erst herausstellen, wenn es in Busi wieder Strom gibt. Doch wann das sein wird, weiß keiner.

Inacios Managerin Muanausane Aly war am Abend der Heimsuchung mit ihren drei Enkeln zu Hause. Als der Zyklon das Städtchen erreichte, sah sie als erstes das Blechdach des Nachbarhauses durch ihren Vorgarten fliegen, dann kam ihr eigenes Zinkdach dran. Ihr jüngster, neunjähriger Enkel fing an zu schreien – er sollte sich die ganze Nacht nicht wieder beruhigen. Als drei Tage später die Flut kam, suchte die Familie Zuflucht auf dem Betondach der nahegelegenen Moschee: Dort harrten sie gemeinsam mit mehreren Dutzend anderer Stadtbewohner vier Tage lang aus. Ihre Notdurft mussten sie im Wasser verrichten, einer ihrer Enkel ist inzwischen erkrankt.

Auch Busis Krankenhaus blieb nicht verschont: Manches Dach fehlt ganz, andere sind notdürftig repariert. Unter den zwanzig Patienten befinden sich auch welche, die unter wässrigem Durchfall leiden. Aus dem mosambikanischen Katastrophengebiet wurden bereits 270 Fälle von Cholera bekannt. Der Cholera-Bazillus ist hier ohnehin endemisch, also heimisch: Fachleute rechneten fest damit, dass es nach dem Desaster wegen der Vermischung des Grund- und Abwassers zu Cholera- oder Typhus-Epidemien kommen wird. Schon sind Logistiker der „Ärzte ohne Grenzen“ in Busi eingetroffen, um neben dem Krankenhaus eine Seuchen-Station aufzubauen. Insgesamt will die Hilfsorganisation mindestens sechs solcher Stationen im Katastrophengebiet errichten.

Das „Gute“ an Cholera sei, dass es so einfach zu kurieren sei, sagt eine „Ärztin ohne Grenzen“, die anonym bleiben will: „Kranke kommen oft morgens auf allen Vieren in die Klinik gekrochen und gehen schon abends wieder aufrecht nach Hause.“ Doch wer nicht rechtzeitig Hilfe bekommt, kann innerhalb von wenigen Stunden sterben.

In Zeltlagern und Schulen sind derzeit insgesamt rund 140 000 Mosambikaner untergebracht.

Beira, zwei Wochen nach dem Sturm. In den Schulen sind Tausende von Flüchtlingen einquartiert, nachts schlafen Hunderte Heimatlose auf den Trottoirs der Hafenstadt. Tagsüber schaffen Arbeitskolonnen Berge von Ästen und ganze Bäume aus den Straßen: Wenigstens müssen sich die Stadtbewohner in den kommenden Wochen keine Sorgen mehr um Brennholz machen. Auf dem Flughafen herrscht unterdessen Hochbetrieb: Von internationalen Hilfsorganisationen gecharterte Maschinen fliegen tonnenweise Nahrungsmittel und Zelte, Anlagen zur Wasserreinigung und Medikamente ein. Nach den Wassermassen hat sich über die Stadt eine Flut an Hilfskräften ergossen. Außer zur Linderung der Not tragen sie zu massiven Preissteigerungen bei. „Wenn sich die Lage der Leute nicht bald verbessert, könnte die Stimmung schnell umschlagen“, sagt ein Mosambikaner.

Präsident Filipe Nyusi zeigt sich optimistisch. Beim ersten Besuch im Katastrophengebiet habe er nur Wasser gesehen, jetzt schaue er schon wieder in lachende Gesichter, sagt der Staatschef in Beiras schickstem Hotel, wo er von einer Phalanx ausländischer Hilfsmanager und Militärs empfangen wird. Zumindest habe der Zyklon nicht auch die legendäre Garnelen der Stadt ausradiert, tröstet der Präsident die ausländischen Helfer – und wird von UN-Nothilfekoordinator Sebastian Rhodes Stampa mit den Worten getröstet: „Kein Staatschef dieser Welt kann mit einer derartigen Herausforderung alleine fertig werden. Wir bleiben solange hier, wie sie das wünschen.“

Nach der Rettungs-Phase sei nun die Etappe des Wiederaufbaus gekommen, fährt Präsident Nyusi fort: Die internationale Solidarität zeige, dass es „weltweit ein Bewusstsein von den Folgen des Klimawandels“ gebe. Die Frage, was getan werden müsse, um derartige Katastrophen in Zukunft zu verhindern, beantwortet der Präsident indessen nicht. Er bekommt die Frage auch gar nicht gestellt, weil er zur Pressekonferenz lediglich ein Statement verliest.

Er habe in den Fluten mindestens 10 000 US-Dollar verloren, rechnet Geschäftsmann Inacio vor: So viel setzt er mit seinem Laden in Busi in einem halben Jahr nicht um. Managerin Aly hat das Geschäft bereits wieder auf Vordermann gebracht: Ordentlich stehen die von der Flut verschonten Waren auf dem Regal, an den Wänden ist nicht einmal die braune Wasserstandslinie mehr zu sehen. Größere Sorgen als um seinen unmittelbaren Verlust macht sich Inacio jedoch um die Zukunft des Ladens: „Inzwischen können sich die Leute hier überhaupt nichts mehr leisten.“ Viele Bewohner des Bezirks würden gar nicht erst wieder zurückkommen, meint der Geschäftsmann: Was angesichts der in den vergangenen zwei Jahrzehnten dramatisch gewachsenden Zahl und Stärke der Zyklone auch kein Wunder wäre. Experten machen für den besorgniserregenden Trend die Klima-Erwärmung verantwortlich.

Nein, zornig sei er nicht, sagt Luis Inacio: Schließlich könne man auf die Natur nicht zornig sein. Auch Gott sei für das Unheil nicht verantwortlich zu machen, sinniert der gläubige Katholik. Vielmehr müsse es sich um das Werk von hinter Gottes Rücken agierenden Dämonen handeln. Dazu könne man durchaus auch die Bewohner der Industrienationen zählen, fährt der Geschäftsmann nach kurzem Nachdenken fort: Sie hätten mit ihrem Lebensstil die ganze Welt durcheinander gebracht, während die Afrikaner jetzt zum zweiten Mal nach dem Kolonialismus die Zeche für ihren Wohlstand zahlen müssten. Noch immer nicht genug Gründe zum Zornigsein? Jetzt hüllt sich Inacio in Schweigen.

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