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Eine musikalische Familie: die polnische Kapela Maliszow.

Weltmusikmesse

Die universelle Sprache der Musik

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Deutsche organisieren in Polen mit der „Womex“ die größte Messe für Weltmusik – ein Streifzug durch die vertonte Geschichte der Kulturen.

Marta Topferova wirkt ein wenig wie eine Flamencosängerin, als sie sanft lächelnd und beinahe verträumt im Kammersaal des Symphonieorchesters im südpolnischen Katowice ihre selbst komponierten Stücke singt. Topferova verbrachte den Großteil ihres Lebens in New York, nahm dort vor allem Einflüsse der hispanischen Einwanderer der Metropole auf, die sie nach ihrer Rückkehr nach Tschechien vor fünf Jahren mit tschechischen Traditionen vermengte. Ihre Stücke klingen wie slawisch angehauchter Flamenco, ihre Mitspieler an der Violine, dem Cembalo und der Gitarre scheinen gar eine Prise jüdischer Klezmermusik beizumischen. Und Topferovas Stimme klingt sehnsüchtig wie jene von portugiesischen Fado-Sängerinnen.

Die aus dem tschechischen Ostrava stammende Musikerin verkörpert im Spiel mit ihrem Ensemble Milokraj („geliebtes Land“) all das, was „Weltmusik“ oder World Music sein kann, wenn sie klangliche und poetische Traditionen aus verschiedenen Regionen zu etwas Neuem verschmilzt. Die World of Music Exposition, kurz Womex, ist dabei Plattform für Musik wie jene von Topferova. Veranstalter der Womex ist die Berliner Agentur Piranha Arts. Die Messe hat sich in ihrem rund zwanzigjährigen Bestehen zur weltweit größten Fachveranstaltung für Weltmusik gemausert. Mehrere Tausend Fachbesucher aus aller Welt, Bühnen für Nachwuchskünstler, Netzwerktreffen für Verlage und Agenturen sowie Diskussionspanels stehen alljährlich in einer anderen europäischen Stadt auf dem Programm.

„Die Weltmusik-Szene ist keine Schubladenszene, sondern hat das Ziel, zu öffnen und Menschen etwas Neues zu zeigen“, sagt Paul Bräuer von Piranha Arts. Denn Weltmusik ist kein eigenes Genre, vielmehr eine Tür, hinter der sich die über Jahrhunderte in ihrer Vielfalt kaum fassbare und meist oral tradierte Musik von Volksgruppen und ihrer Heimatregionen verbirgt. Eine traditionelle, ethnische Musik, die auch heute und morgen „nicht nur überleben soll, sondern gedeihen kann“, wie Sam Lee, ein britischer „Song-Sammler“, wie er sich selbst bezeichnet, sagt.

Dass die fünftägige Womex als Plattform nicht in erster Linie Messe für ökonomischen Mehrwert ist, sondern ein progressiver Verstärker für die Musikkultur als solche, dies macht nicht nur das Musikprogramm mit gut 60 Einzelkonzerten auf fünf Bühnen deutlich. Ein Streifzug durch die riesige Kongresshalle gleicht einem Spaziergang durch die kulturelle Vielfalt des Globus. Die bunten Plakate und die Tausenden ausliegenden Musikträger in Vinyl- und CD-Form sind nicht nur oberflächliche Farbenpracht, sondern Spiegel der sich dahinter verbergenden Diversität.

Neben Netzwerk- und Branchentreffen diskutieren die Teilnehmer in etlichen Panels jenseits praktischer und ökonomischer Fragen auch Grundsätzliches: die erstarkende Rolle von Frauen in der Musikszene etwa, den musikalischen Widerstand gegen Donald Trumps minderheitenfeindliche Politik oder die Probleme von Künstlern in Ländern wie Ägypten. „Unter den schwierigen Bedingungen versuchen wir eher zu überleben, als zu expandieren“, meint Basem Abuarab, der eine der ersten Buchungsagenturen für Künstler in der arabischen Welt gegründet hat.

Eine palästinensische Musikerin und Managerin macht es konkreter. „Seit dem Arabischen Frühling ist es noch schlimmer geworden, als es unter dem Mubarak-Regime war. Musiker werden auf der Bühne verhaftet, wenn Behörden ihnen Homosexualität unterstellen, denn die ist verboten.“

Dass Macher wie Abuarab – seien es Künstler, Agenten oder Betreiber von Plattenlabels – viel mehr von Leidenschaft und Visionen als von ökonomischen Fragen geleitet werden, dieser Geist ist auf der Womex allenthalben zu spüren. Es geht um Traditionen – wie sie bewahrt werden, sich wandeln, weiterentwickeln. „Die Traditionen, sie ändern sich, sie gleichen einem Ozean, der immer Wellen schlägt, die aber nie die gleichen sind“, sagt Bapi Das Baul. Und der indische Musiker dürfte wissen, wovon er spricht. „Ich bin bereits die achte Generation von Musikern in meiner Familie. Ich spiele auch das, was schon mein Vater, mein Großvater und alle davor gespielt haben – aber anders. So etwas wie reine, pure Tradition gibt es nicht, es geht immer weiter“, sagt Bapi. Dass aber seine Musik, oder auch jene aus anderen, Europa fernen Ländern für das hiesige Publikum teilweise angepasst, geschliffen werden? „Dann gehen zwar die Puristen unter den Musikethnologen auf die Barrikaden“, entgegnet Husniddin Ato, der in Usbekistan eine Plattenfirma betreibt. „Aber nur so und nur in Kooperation mit internationalen Partnern können wir sie in der Welt hörbar machen.“

Als die äthiopische Band Qwanqwa auf der großen Bühne des imposanten Konzertsaals im Symphonieorchester aufspielt, wirkt die Szenerie ein wenig surreal. Wären da nicht die disziplinierende Raumgestaltung und die Sitze – die rund 300 Zuhörer würden wohl allesamt tanzen. „Jetzt kommt ein Stück aus dem Herzen von Somalia, aus Mogadischu“, sagt Violinistin Kaethe Hostetter. Und dann spielen sie und ihre vier Bandkollegen ein lebensbejahendes Lied aus der Hauptstadt jenes Stücks Erde, das heute ein gescheiterter Staat ist, perspektivlos und durch Krieg gefoltert. Ist dies jener Neokolonialismus, der der Weltmusik-Szene mitunter vorgeworfen, die vom satten Westen vereinnahmt sein soll?

Schälen wir uns nicht so das Schöne aus dem Tragischen heraus, dass wir als Europäer mitverursacht haben, während die Somalis leiden und wir sie an der Mittelmeerroute zu Abertausenden zurück ins Elend senden? „Es ist ein Dilemma, aber wenn das Hören dieser Musik dazu führt, über diese tragischen Hintergründe nachzudenken, dann ist dies zumindest ein erster Schritt“, sagt Derek Andrews. Der Kanadier, der bei Womex ein Panel zu „Dekolonialisierung künstlerischer Praxis“ leitete, fördert in seinem Heimatland Musik der indigenen Völker. „Diese Musik soll in der Welt gehört werden.“

Tradition entwickelt sich. Es geht, das zeigt die Womex eindrücklich, um Authentizität. Wenn diese, gepaart mit Könnerschaft und Virtuosität, Hauptkriterium wäre für großen Publikumserfolg, müssten Musiker wie Waldemar Bastos auch jenseits ihrer Heimatländer berühmt sein. Bastos’ angolanisch-portugiesische Musik, getragen von seinem welt-schmerzenden Gesang, gleicht Pfeilen, die in die empfindlichsten Stellen des Innern vordringen und einen angenehmen Schmerz erzeugen. Bastos und seine drei Bandmitglieder sitzen zwar das ganze Konzert über, ihre Musik aber tanzt aber lebhafte Tänze. Als bei einem der Stücke seine fulminanten Musikerkollegen ihre Instrumentalbegleitung eher andeuten denn spielen, fordert Bastos das Publikum zum Mitsummen eines in Moll getränkten Refrains auf. „Peace and love!“ ruft er dann lachend, nachdem das kollektive Flehen im Publikum sanft ausklingt.

Dass Musik nicht den Frieden schaffen, wohl aber kulturell-progressive Impulse zu setzen vermag, dies ist auch an der diesjährigen Womex-Ausrichterstadt Katowice zu sehen. Die 300 000 Einwohner zählende Regionalhauptstadt des oberschlesischen Industriereviers hat sich schon vor Jahren der intensiven Musikförderung verschrieben. Auf das Know-how der hiesigen Musikhochschule aufbauend, unterstützt die Stadt etliche international renommierte Musikfestivals fast aller Genres.

Und seit zwei Jahren kann sich die Stadt mit dem Titel „Unesco City of Music“ schmücken, den weltweit – in Deutschland sind es Hannover und Mannheim – nur ein gutes Dutzend Städte führen. „Es gibt kein universellere Sprache als jene der Musik“, sagt Piotr Zaczkowski, Direktor der Kattowitzer Kulturinstitution „Stadt der Gärten“, lokaler Partner der Womex. „Und das, was wir als Weltmusik bezeichnen, hat dazu noch ein starkes Element des Expressiven und Theatralischen.“

Es ist das dritte oder vierte Stück der polnischen Kapela Maliszow, als die drei Familien- und zugleich Bandmitglieder in die Vollen gehen. Zusammen mit dem polnischen Kammerorchester Aukso im Hintergrund steigern Papa, Sohn und Tochter Malisz eines ihrer Instrumentalstücke auf eine Komplexitätsstufe, die mit jener von vielen klassischen Werken auf Augenhöhe scheint und dabei nicht den Charakter der Musik ihrer Region, der Beskiden-Ebene in den West-Karpaten, zu verlieren. Als die zwei jungen Musiker im Anschluss eines ihrer Stücke ohne orchestrale Begleitung darbieten und dazu um ihren Papa herum tanzen, blicken einige der Orchester-Mitglieder lachend, aber, so wirkt es, auch etwas neidisch drein. Womöglich würden sie auch gerne einmal das klassisch-strenge Korsett abstreifen – das die Welt-Musik nie nötig hatte.

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