Die Familie Gemballa lebt mit Angst und Misstrauen – zwei Mal wurden die Eltern angezeigt, ein erstes Verfahren wurde bereits eingestellt.
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Die Familie Gemballa lebt mit Angst und Misstrauen – zwei Mal wurden die Eltern angezeigt, ein erstes Verfahren wurde bereits eingestellt.

Norwegen

Ärger mit dem Jugendamt: Und plötzlich sind die Kinder weg

  • vonJutta Martha Beiner
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Der Schutz von Jungen und Mädchen muss Priorität haben – gerade für Jugendämter. Norwegische Einrichtungen aber stehen oft in der Kritik, weil Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus Willkür handeln und ihre Kompetenzen überschreiten sollen. Eine betroffene Familie erzählt.

  • Deutsche Familie wandert in ihr Traumland Norwegen aus
  • Ärger mit dem Jugendamt wird zunehmend zum Albtraum
  • Ämter haben in Norwegen weitgehend Narrenfreiheit

Ganz still liegt am ersten Tag der Sommerferien die Schule da. Schulhof und Sportplatz sehen im Mittsommerlicht aus wie einer überbelichteten Fotographie entnommen. Ein zerrissenes Pappschild liegt auf dem Boden, „Barn leker“ steht darauf, „Kinder spielen“. Viele Füße sind seither darüber getrampelt. Es ist Sommer in der idyllischen norwegischen Gemeinde Iveland. Aber von Urlaubsstimmung ist die deutsche Familie Gemballa weit entfernt.

Der 13-jährige Lars, sein achtjähriger Bruder Max und die siebenjährige Schwester Lena haben in Ivelant gerade das Schuljahr absolviert. Ihr Vater Sascha kommt derzeit nicht ohne Antidepressiva durch den Tag. „Jeden Morgen, wenn ich aufwache, ist mein erster Gedanke, dass sie uns auch noch die Kinder wegnehmen“, sagt er.

Jugendamt in Norwegen im Clinch mit Familie Gemballa

Seit Jahren hat sich das „Bygdedyr“ in das Leben der Familie verbissen, das „Dorftier“, wie der norwegische Dichter Tor Jonsson 1949 das Gebräu aus Klatsch und Verleumdung in den ländlichen Gegenden Norwegens nannte. Dörfer und Städte, in denen jeder jeden kennt. So wie in Iveland, wo das „Bygdedyr“ längst die Regie über das Leben der Gemballas übernommen hat.

Die Schule der Kinder der Gemballas in Norwegen reagiert rabiat – mehrere Male alarmiert der Rektor die Polizei.

Die erste Anzeige vom kommunalen Jugendamt wegen Missbrauchs an Tochter Lena erreichte Sascha Gemballa 2017. Die Sache wurde mangels Beweisen nach Monaten fallengelassen. Doch neulich, kurz vor den Sommerferien, kam wieder ein Anruf der Polizei. Erneut mussten die Eltern zum Verhör, „Verdacht auf Kindesmisshandlung“, so der Vorwurf. Diesmal werden Vater und Mutter beschuldigt. Einen Anhalt dafür gibt es laut der beiden nicht.

„Im Setesdal, wo auch Iveland liegt, lebt man sehr abgeschottet und hat wenig Erfahrung mit Fremden“, sagt der Ôkonom Olav Nielsen. „Das Miteinander verläuft nach engen Normen.“ Nielsen hilft ehrenamtlich Familien, die in der Gegend ungerechtfertigt in die Fänge des Jugendamts geraten, nach Anschuldigungen von Nachbarinnen und Nachbarn etwa. In der Provinz sei man es nicht gewohnt, Konflikte ohne Umschweife anzusprechen, da könne eine Familie wie die Gemballas, die als typische Rheinländer kein Blatt vor den Mund nehmen, durchaus anecken, glaubt Nielsen.

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Vor 12 Jahren kamen Sascha und Bianka Gemballa mit ihrem damals einjährigen Sohn Lars aus Duisburg nach Norwegen. Für Sascha Gemballa, der Norwegen von klein auf bereist hatte, ein Traumland. „Nie hätte ich damals gedacht, dass es uns hier so ergehen könnte“, sagt er nun. „Anfangs lief alles wie geschmiert.“ Als Industrie-Mechaniker findet er sofort einen Job, ebenso wie seine Frau, die Krankenschwester ist. Der wirtschaftliche Aufstieg gelang dem ambitionierten Paar rasch und zeigte sich den Nachbarinnen und Nachbarn als Eigenheim mit geräumigem Familienwagen vor der Tür.

Lars war 9 Jahre alt, als er zu Hause das erste Mal erzählte, in der Schule mit „Heil Hitler“-Rufen gegrüßt worden zu sein. Obwohl Anti-Mobbing-Initiativen an Norwegens Schulen hohe Priorität haben, wollte der Rektor den Eltern nicht glauben, dass ihr Sohn immer öfter schikaniert wurde. Lars solle aufhören, soviel zu reden, riet er stattdessen. Keine Spur von dem in Norwegen eigentlich festgeschriebenen Vorgehen, die Ereignisse zu protokollieren und gemeinsam mit den Eltern nach Lösungen zu suchen.

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Auch privat fühlen sich die Gemballas seit Jahren drangsaliert. Nachbarsjungen schmeißen Hundekot gegen ihre Hauswände, davor liegendes Spielzeug der Kinder wird absichtlich überfahren. Kurz nachdem die Gemballas die Mobbingvorfälle an die Schule gemeldet hatten, klingelten sechs Polizeibeamtinnen und Polizeibeamte an der Tür. Sascha Gemballa musste mitkommen, gegen ihn lag eine Anzeige vor. „Worum es geht, wollten sie mir erst auf der Wache berichten“, sagt er.

Nach einer Meldung seitens der Schule hatte ihn das Jugendamt angezeigt – wegen des Verdachts auf Gewalt und sexuellen Missbrauchs an Lena. „Ich stand wirklich unter Schock, so etwas zu hören“, sagt der Vater. „Meine Familie ist mein ein und alles.“ Im Raum nebenan wurde auch Bianka, erst von Polizisten, dann von den zwei Jugendamt-Mitarbeiterinnen befragt, die sie unangemeldet vom Arbeitsplatz abgeholt hatten. „Mein Eindruck war, dass deren Urteil schon fest stand“, sagt sie. „Ich war so außer mir, dass ich mich übergeben musste.“

Auch die drei Kinder waren derweil von Mitarbeiterinnen des Jugendamtes aus der Schule abgeholt und ohne Erklärung ins beinahe eine Stunde entfernte Kinderhaus in Kristiansand gefahren worden. „Ich habe gedacht, meine Eltern wären tot“, erinnert sich Lars, der Älteste. Seither hat er Schwierigkeiten, fremden Erwachsenen, vor allem Lehrerinnen und Lehrern zu vertrauen. „Die lügen so oft“, meint er.

Norwegen: Die Idylle in Iveland trügt – immer wieder werden bestimmte Familien angefeindet.

„Das norwegische Jugendamt geht immer wieder viel zu weit“

Bildungseinrichtungen sind in Norwegen dazu angehalten, einen Verdacht auf Kindesmisshandlung dem kommunalen Jugendamt, dem „Barneverntjeneste“ zu melden. Was sich erstmal gut und richtig anhört, erweist sich in der Praxis als schwierig und verhängnisvoll. Denn die Jugendämter können nach freiem Ermessen agieren, nicht nur mit den Eltern reden oder die Sache zur Anzeige bringen, sondern auch direkt die Kinder mitnehmen. Der „Barneverntjeneste“ in Norwegen wird von nationalen und internationalen Fachleuten regelmäßig kritisiert, auf mangelhafter juristischer Grundlage und Willkür zu handeln.

Der Sender BBC etwa bezeichnete die Tatsache, dass immer wieder Mädchen und Jungen ohne juristisch stichhaltige Indizien ihren Eltern entzogen werden, als „Norwegens versteckten Skandal“. Für Eltern und Kinder ist die Trennung allerdings viel mehr eine Katastrophe. „Wann ein solcher Eingriff des Kindesentzugs zu geschehen hat, wurde von unserem höchsten Gericht nie exakt definiert“, sagt Gemballas Anwalt Erik Bryn Tvedt. „Jeder Sachbearbeiter kann das auf seine Art ausführen.“ So entstünden leicht fatale Handlungsmuster.

„Das norwegische Jugendamt geht immer wieder viel zu weit, in dem Glauben, zu helfen“, sagt auch Bente Berg. Früher arbeitete die Rentnerin in der norwegischen Kriminalprävention. Der „Barneverntjeneste“ habe „viel zu viel Macht, ohne ausreichend Rechenschaft über sein Handeln ablegen zu müssen.“ Mit ihrem Mann Tor hat Bente Berg 25 Jahre lang Pflegekinder vom Jugendamt betreut. „Wenn das Jugendamt von den Schulen eine Klage erhalten hat, überprüft es oft nicht gründlich genug, ob da überhaupt etwas dran ist“, sagt sie. Als Pflegemutter habe sie immer wieder erlebt, dass Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Amtes ihre Kompetenzen überschritten.

Jugendämter in Norwegen: Anzeige hat viele in Aufruhr versetzt

Olav Nielsen sieht das ähnlich. „Das Jugendamt hierzulande ist inzwischen ein totalitäres System“, sagt der Ökonom, der sich ehrenamtlich für betroffene Familien engagiert. Überproportional häufig träfe es zudem ausländische Familien, meint er. Allein in Iveland seien es in den vergangenen Jahren drei Familien aus Deutschland und zwei aus den Niederlanden gewesen, die angeklagt wurden. In allen Fällen wurden die Ermittlungen mangels Beweisen eingestellt. Eine der Familien habe daraufhin das Land verlassen, sagt Nielsen. „Sie wollten mit niemandem in Norwegen mehr sprechen und nur noch weg.“

Unlängst hat ein Bürgermeister erstmals in der Geschichte Norwegens den Leiter seines Jugendamtes wegen Amtsmissbrauchs und eklatanter Mängel in der Behörde angezeigt. „In mehreren Fällen wurden bereits vor Jahren Eltern ohne rechtliche Grundlage ihre Kinder weggenommen“, sagt Knut Harald Frøland, Bürgermeister des Dorfes Samnanger an der West-Küste des Landes. „Ich bin so wütend, dass so etwas bei uns geschehen kann.“ Seine Anzeige hat viele Ämter in Aufruhr versetzt. Sie könnten ihre Arbeit nicht ausführen, wenn sie fürchteten, noch Jahre später für eine Entscheidung angezeigt zu werden, meinen einige. „Es ist unerträglich, dass den betroffenen Mädchen und Jungen ihre Kindheit genommen wird“, hält der Bürgermeister dagegen. Auch die Gemballas leben in Sorge um das Wohl ihrer Kinder. Schlaf-Störungen, Panik-Attacken, Angst und Misstrauen gehören zum Alltag der ganzen Familie.

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Die kleine Lena fürchte sich sogar, ins Auto ihrer Großeltern zu steigen. Am liebsten bleiben mittlerweile alle zu Hause. Von den Festen zum längsten Tag des Jahres, der in ganz Norwegen als „St.Hans aften“ am Strand mit Picknick und Lagerfeuer begangen wird, hielten sich die Gemballas neulich fern. Falls sie mal in der Natur entspannen wollen, fahren sie lieber zig Kilometer an Plätze, wo sie keiner kennt.

„Wir reden viel mit den Kindern, weil wir nichts unter den Teppich kehren wollen“, sagt Bianka Gemballa. Am ersten Ferientag sitzt sie am Gartentisch, versunken in einen großen Stapel Dokumente. „Wir haben endlich auf Drängen unseres Anwalts hin, drei Jahre nach dem ersten Verfahren, vom Jugendamt die Kopien mit den Aufzeichnungen bekommen“, sagt sie. „Das sind rund 500 Seiten. Ich bin so erschrocken, was hier alles über uns steht.“ Ohne Wissen der Eltern waren die Kinder in der Schule von ihren Lehrerinnen befragt worden, alles minutiös festgehalten.

Dass die Kinder Erwachsenen gegenüber misstrauisch geworden seien, werde nun bei der zweiten Anzeige vom Jugendamt als Indiz für elterlichen Missbrauch gedeutet, so die Mutter. Sie selbst könne schon seit der ersten Konfrontation mit dem Amt kaum mehr essen, habe komplett den Appetit verloren. Auf dem T-Shirt von Bianka Gemballa steht in fetten Lettern „Love“ gedruckt, „keep it simple“ darunter. Klarheit – das sei sowieso ganz im Sinne des Eltern-Paares. „Wir haben unseren Kindern beigebracht, sich offen und ehrlich auszudrücken und zu sagen, wenn sie etwas auf dem Herzen haben“, sagt sie.

Umzug innerhalb Norwegens sollte ein Neuanfang werden

Wenn ihnen auch die zermürbende Zeit im Visier des Jugendamts noch in den Knochen steckte, so glaubten Sascha und Bianka Gemballa zumindest bis vor kurzem noch, in Norwegen neu anfangen zu können. Die Akte aus 2017 war geschlossen worden, die Familie wollte wegziehen. Ihre Kinder haben sie bereits in einer weit entfernten Schule bei Oslo angemeldet, der Mietvertrag für ein neues Haus ist unterschrieben. Ein Neuanfang erschien allen als das Beste. Nach der neuen Anzeige aber sind sie wieder in den selben Alptraum hinein geraten – die Kinder könnten ihnen doch noch weggenommen werden.

Ist es bloß ein Zufall, dass sie die neue Anzeige nur wenige Wochen erreichte, nachdem sich die Gemballas noch einmal beim Rektor der Schule ihrer Kinder über das Mobbing gegen Lars beschwert hatten? Sascha und Bianka Gemballa glauben das nicht. Hier kennt doch jeder jeden, sagen sie. Eine verschworene Gemeinschaft, das Dorftier, das Fremden gegenüber leicht in Argwohn verfällt. „Und irgendetwas bleibt von solchen üblen Gerüchten immer an einem hängen“, sagt der Vater.

Von Jutta Martha Beiner

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