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Auch die Unterhaltung sei ein Lebensmittel, so der Musiker.
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Auch die Unterhaltung sei ein Lebensmittel, so der Musiker.

Kunst und Corona

„Und niemand sagt, wo’s langgeht“

  • Andreas Hartmann
    vonAndreas Hartmann
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Die Unsicherheit dieser Zeit zehrt auch an Klaus Hoffmann. Im Interview fordert der Liedermacher nicht nur klare Signale, sondern auch mehr Förderungen für Kunst und Kultur.

Herr Hoffmann, eine Frage zu Beginn, die in diesen Zeiten gar nicht so banal ist: Wie geht’s Ihnen?

Das ist doch eine gute Überschrift für ein Interview, „Wie geht’s Ihnen“. Aber im Ernst, es ging schon besser. Während des ersten sogenannten Lockdowns schnappte ich mir noch mein Auto und versuchte mich im Müßiggang. In dem Moment, wo sich die Ängste nicht mehr nur um die Existenz, sondern auch um die Gesundheit drehten, habe ich mich wie als Kind in den 50er und 60er Jahren empfunden. Das hat mich sehr bewegt.

Haben Sie denn gerade Angst?

An sich nicht, das sind eher Kinderängste. Mein Vater ist jung gestorben, an Diabetes, aber meine Mutter, eine durchtrainierte Arbeiterin, die ist alt geworden. Jetzt stehe ich selber da und weiß nicht, wo es langgeht. Das ist man ja als Künstler gewohnt, aber es macht mir immer noch zu schaffen. Und keiner sagt, wo’s langgeht – das wäre doch auch ein Titel für dieses Interview.

Gerade ist Ihr neues Album erschienen, Ihr 50. bereits. War es schwierig, es unter diesen Bedingungen aufzunehmen?

Meine Musiker saßen alle irgendwo verstreut über die Welt, die Bläser in London zum Beispiel. Aber es ging! Wohl dem, der grade arbeiten darf. Begonnen hatte ich damit aber schon lange vor Corona, im Januar vorletzten Jahres. Das Ding hat mich bewegt, das kann ich nicht leugnen. Ich wollte kein Resümee machen über den Jungen und den Älteren und die Eitelkeit und das gesungene Lied und all so einen Quatsch. Ich wollte mal ein Sängerhandbuch herausgeben, angefangen mit A wie Atmen. Das sollte ein philosophisches Werk werden. Aber ich habe keinen Verlag gefunden. Nun, jetzt habe ich stattdessen dieses Album gemacht, und es ist wahrhaftig mein bestes.

Sie sind Autor, Schauspieler, Poet und Sänger. Fehlen Ihnen bei diesem Repertoire überhaupt noch die Liveauftritte?

Doch! Vor fünf Wochen habe ich noch vor 50 Menschen gespielt, weil ich das wollte. Im ganz Kleinen, als Duo, war ich mit meinem Jacques-Brel-Programm in Städten wie Monheim, Florstadt oder Herdecke. Das war wieder ein bisschen so wie früher. Ich springe immer zwischen den großen heiligen Hallen bis zu den kleinsten, weil ich mich in diesem Auf und Ab auch wiedergefunden habe. Wir haben gerade drüber abgestimmt, dass wir die Tournee im nächsten Frühjahr noch nicht absagen. Im Moment ist meine Platte raus und ich kämpfe um Auftritte.

Glauben Sie, dass wir wieder zur Normalität zurückkehren werden, wenn die Pandemie eingedämmt ist?

Die Leute im Kulturbetrieb haben berechtigterweise Angst. Diese Behauptung, es würden schon alle wiederkommen, wenn erst mal wieder offen ist, ist Unsinn. Wir werden uns wieder neu begegnen müssen, es wird lange dauern – insofern ist der Vorverkauf entsprechend. Die Kultur braucht Förderung! Am härtesten ist es für die Clubs, die müssen unterstützt werden, diese kleinen Seelsorger. Da muss Kohle ran, da kann nicht einfach drüber hinweggegangen werden.

Was würde dieser Gesellschaft sonst verloren gehen?

Ich fürchte, dass wir verblöden, wenn alles wichtiger ist als, nennen wir es mal, Kultur. Es wird zwar immer einen oder eine geben, der oder die mit der Gitarre da langschlurft. Dann sitzt da so ein Leonard Cohen und erzählt was von der Traurigkeit der Welt. Das kriegen wir nicht weg. Aber wenn du irgendwann mal nicht mehr weißt, dass es noch was anderes gibt als Mittelmaß, dann wird es schwierig. Von wem willst du den dann noch unterscheiden? Meine Angst ist, dass die Theater zu Tempeln degradiert werden, von denen wir dann nur noch drei oder vier haben. Kinos gibt’s dann auch kaum noch und der Rest sind Festivals und Fachidioten.

Wie schwierig ist es mittlerweile – auch ohne Corona-Pandemie – von der Kunst zu leben, wenn man selbstständig arbeitet?

Ich bin nicht so am Darben wie vielleicht das Mädchen nebenan, das versucht, mit seiner Gitarre gegen die Charts anzusingen. Der Vertrieb ist sehr schwierig geworden. Du bist nur noch bei Amazon vorhanden und nicht mehr mit CDs im Media-Markt. Im Radio werde ich so gut wie nie gespielt. Aber ich habe mir abgewöhnt, darüber zu klagen. Ich hänge eben immer noch an dieser Musik wie an einem Lebensmittel. Heute ist es schwerer, Karriere zu machen, aber das interessiert keinen.

Aber Sie haben sicher ausgesprochen treue Fans.

Gerade bekomme ich wieder viele Zuschriften. Kein Intendant hat so ein beständiges Publikum wie ich. Man weiß das ja gar nicht, aber es ist schon toll, dass die über all die Jahre noch da sind. Ich bin aber ganz froh, dass ich nicht wie Otto Waalkes an jeder Ecke erkannt werde. Ist ja toll, wenn du das mal erlebt hast, aber da muss ich nicht mehr mit anfangen.

Wie viel Trost spendet die Kultur?

Ich war auf Naxos, einer alten Kykladeninsel, in der Situation, entscheiden zu müssen: Singst du weiter oder nicht, völlig unabhängig, ob du einen Vertrag hast? Da bekam ich ein Büchlein von Wolf-Dieter Brinkmann in die Hand, darin ein Gedicht, das hieß: „Ich gehe in ein anderes Blau“. Die Zeile habe ich geklaut und das Lied ist ganz gut geworden. Er hat mich in dieser undefinierbaren Situation geführt, ich konnte mich an diesem wunderbaren Büchner-Typen festhalten. Mit dem ging ich weiter. Wenn dir das fehlt, dann fehlt dir sehr viel. Denn das Lebensmittel Kultur geht uns flöten.

Was inspiriert Sie derzeit?

Meistens muss da eine Zeile sein, die mich bewegt. So wie „Wenn nichts mehr geht, fängt alles an“.

Und wie geht’s weiter? Arbeiten Sie schon an Ihrer nächsten CD?

Ich würde gerne mal ein italienisches Album schreiben, vielleicht ein richtiges Belcanto-Album, wo der ergraute Sänger im Anzug „volare“ singt. Da habe ich sogar schon einen ganz lustigen Titel: „Schnulzen, Lieder und anderes“. Also, ein kindlicher Wunsch, etwas Leichtes, ein unbedarftes Album mit Schnulzen. „Schnulzen, Schlager, Liederliches“, das klänge doch auch gut.

Das wäre auf jeden Fall eine schöne Schlagzeile: „Klaus Hoffmann will jetzt Schnulzen singen“

Ja, da haben Sie recht.

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