+
Von Pro Familia, der Deutschen Gesellschaft für Familienplanung, Sexualpädagogik und Sexualberatung, heißt es, dass sich die kritischere Haltung der Frauen in ihren Beratungsgesprächen bemerkbar macht.

Frauentag

Unbeschwert –aber sicher

  • schließen

Die Antibabypille brachte Frauen Freiheit in ihrem Sexualleben. Doch heute hat eine wachsende Zahl keine Lust mehr auf Hormone.

Die Freiheit, die die Antibabypille Frauen vor rund 60 Jahren gebracht hat, gilt auch heute noch als Meilenstein der Emanzipation. Ab diesem Zeitpunkt konnten sich Frauen selbstbestimmt vor ungewollten Schwangerschaften schützen, es gab eine verlässliche Familienplanung; sie waren – und sind es heute noch – nicht auf das „Schicksal“ angewiesen, wenn es darum ging und geht, den Verlauf des eigenen Lebens zu planen.

Zwar gab es schon seit der Markteinführung der „Pille“ immer wieder Kritik an ihrer Wirkungsweise, beziehungsweise an den Nebenwirkungen. Doch bis heute gibt es kein Verhütungsmittel, dass annähernd so sicher vor ungewollten Schwangerschaften schützt wie die Pille. Gemessen am sogenannten Pearl-Index, der „Einheit“ der Verhütungssicherheit steht die Pille weiter an erster Stelle (neben der Sterilisation und dem Hormonimplantat). Auch ist mittlerweile die Dosierung der für die Wirkung notwendigen Östrogene und Gestagene heruntergesetzt worden.

Dennoch häufen sich in den vergangenen Jahren wieder die kritischen Stimmen. Frauen berichten in Foren und sozialen Netzwerken von teils massiven Nebenwirkungen ihrer hormonellen Verhütungsmittel: von starken körperlichen Beschwerden bis hin zu massiven psychischen Belastungen wie Panikattacken oder Depressionen. Immer wieder wird auch der Zusammenhang von Krebs und Thrombose unter Nutzerinnen der Antibabypille diskutiert, teilweise mit massiver Aufmerksamkeit, wie die Klage von Felicitas Rohrer gegen den Chemie- und Arzneimittelkonzern Bayer zeigt.

Von Pro Familia, der Deutschen Gesellschaft für Familienplanung, Sexualpädagogik und Sexualberatung, heißt es, dass sich die kritischere Haltung der Frauen in ihren Beratungsgesprächen bemerkbar macht. Ärztinnen und Beraterinnen berichten, in den Sprechstunden würden immer stärker Informationen über hormonfreie Verhütung nachgefragt. Eine Sprecherin von Pro Familia führt das auch auf die wachsende Zahl von Handy-Apps zur Zykluskontrolle zurück, die den Frauen das Gefühl geben, eine natürliche Familienplanung sei vermeintlich leicht und sicher handelbar. In den kommenden Wochen soll in Hamburg erstmals eine umfassende Studie zur „Hormonmüdigkeit“ von Frauen in Deutschland vorgestellt werden – bislang gibt es kaum verlässliche Zahlen über den Anteil der Frauen, die sich wegen negativer Erfahrung oder aus Überzeugung für eine hormonfreie Verhütung entscheiden.

Die jüngste Erhebung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung zum Verhütungsverhalten Erwachsener aus dem Dezember 2018 zeigt eine eher kritische Einstellung zu hormonellen Verhütungsmethoden: Der Aussage „Verhütung mit der Pille oder Hormonen in anderer Form hat negative Auswirkungen auf Körper und Seele“ stimmten insgesamt 55 Prozent der Frauen zu. Die Studie wird alle sieben Jahre erhoben. Im Vergleich zu 2011 hat die Zahl der Pillennutzerinnen um sechs Prozent abgenommen, im Vergleich zu 2007 um acht Prozent.

Ausgerechnet der so stark in die Kritik geratene Konzern Bayer investiert aktuell in die Forschung eines neuen Verhütungsmittels, das sicher und leicht anzuwenden sei, aber ohne Hormone auskommen soll. „Ovaprene“ ist ein Kunststoffring, der wie andere hormonhaltige Produkte in die Vagina eingesetzt wird und drei Wochen bis zur Menstruationsblutung dort verbleibt.

Doch anders als die momentan verfügbaren Vaginalringe, die nicht als Barriere und ausschließlich durch die Abgabe von Hormonen verhüten, wirkt Ovaprene auf zwei Arten: Der Ring hat kein Loch in der Mitte, sondern ist mit einer hauchdünnen Membran, einer Polymerbarriere, bespannt. Diese soll verhindern, im Prinzip ähnlich wie bei der Portiokappe oder dem Diaphragma, dass Spermien in den Gebärmutterhals eindringen können. Zusätzlich setzt der schmale Kunststoffring eine gleichmäßige Menge lokal wirkender Stoffe – Vitamin C und Eisengluconat – frei. Diese sollen die Beweglichkeit der Spermien einschränken. Die Verhütung soll so komplett lokal und hormonfrei wirken. Beide Wirkstoffe gelten als unbedenklich.

Status Quo - Verhütung

Nach UN-Angaben war die weltweit am weitesten verbreitete Verhütungsmethode im Jahr 2015 die Sterilisation der Frau (30 Prozent), gefolgt von der Spirale (21 Prozent).

Die Pille liegt weltweit auf Platz drei (14 Prozent). Zwölf Prozent setzen auf das Kondom und zehn Prozent auf traditionelle Verhütungsmethoden (Coitus Interruptus oder Zykluskontrolle).

In Entwicklungsländern kann auch heute jede vierte Frau nicht verhüten. Dort werden pro Jahr circa 89 Millionen Mädchen und Frauen ungewollt schwanger.

Dass sich der Pharmariese Bayer Erfolge in der Weiterentwicklung des Medizinproduktes verspricht, zeigt sich daran, dass der Konzern bereit ist, Millionenbeträge an den Entwickler Daré Bioscience zu zahlen, um sich die Vermarktungsrechte zu sichern. Noch gibt es keine Informationen darüber, wann mit einer möglichen Marktreife des Produktes zu rechnen ist, zunächst muss in den USA die Erlaubnis für klinische Tests gegeben werden. Erst dann kann auch der Pearl-Index und damit Verlässlichkeit und Sicherheit ermittelt werden.

Ein Problem bleibt jedoch bestehen, auch wenn die Forschung an der hormonfreien Verhütung weiterkommt: Fast alle Verhütungsmittel sind für Frauen gemacht – als einzige Mittel bleiben den Männern bislang nur das Kondom und die Vasektomie, die (zum Teil reversible) Durchtrennung der Samenleiter.

Eine echte Gleichberechtigung beim Thema Familienplanung kann es aber nur geben, wenn auch Männern ähnliche Möglichkeiten zur Verfügung stünden wie Frauen. Zum einen, um ihre Partnerinnen bei der Verantwortung zu entlasten und zum anderen, um ihrerseits Kontrolle über die Verhütung zu bekommen. Denn unabhängig vom Mittel der Wahl: Die Verantwortung für die korrekte Handhabung liegt quasi alleine beim weiblichen Part.

Die Forschung an einer „Pille für den Mann“ wurde nach mehreren Versuchen wieder eingestellt – die männlichen Probanden klagten über Nebenwirkungen, ähnlich jenen, unter denen auch die Frauen leiden. Im Internet tauchten zuletzt Informationen über den indonesischen Gendarussa-Busch auf. Indonesische Männer sollen die Blätter der Pflanze auskochen und als Tee trinken. Der Wirkstoff der Pflanze wird momentan als mögliche hormonfreie Pille für den Mann erforscht. Sie soll ein Enzym schwächen, das dafür verantwortlich ist, dass ein Spermium in die Eizelle eindringen kann.

Ein Forscher aus der Pharmaindustrie warnt jedoch vor falschen Hoffnungen: „Pflanzlich heißt nicht unbedingt hormonfrei.“ Pflanzen könnten durchaus hormonähnliche Stoffe enthalten – und deshalb ähnliche Nebenwirkungen haben. Im schlechtesten Falle verschöbe sich also die hormonelle „Last“ lediglich von der Frau auf den Mann. Also heißt es weiter warten. Auf die Forschung und auf die Gleichberechtigung bei der Verhütung.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare