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Erich Honecker, ehemaliger Staatsratsvorsitzender und DDR-Politiker.
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Erich Honecker, ehemaliger Staatsratsvorsitzender und DDR-Politiker.

Erich Honecker

Ein unbemerkter Diebstahl

  • Bernhard Honnigfort
    VonBernhard Honnigfort
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Warum Erich Honecker vor 33 Jahren der Stasi befahl, im Erzgebirge ein Holzpferd zu klauen. Es war ein merkwürdiger Kunstraub.

Es war ein eigenartiger Kunstraub; Niemandem fiel er auf. Das Diebesgut wurde nie vermisst, die Polizei ermittelte nicht. Es gab kein Opfer, das den Verlust meldete, es gab keine Täter, nach denen gesucht wurde. Es gab keine Spuren.

Dennoch gab es vor 33 Jahren in der erzgebirgischen Stadt Schneeberg einen geheimnisvollen Diebstahl auf allerhöchste Anweisung: SED-Chef Erich Honecker hatte in Ostberlin dem Ministerium für Staatssicherheit angeordnet, eine Holzfigur aus Schneeberg zu organisieren. Das ungefähr einen halben Meter lange Kunstwerk zeigt ein kräftiges Kaltblutpferd, das einen Baumstamm hinter sich herzieht, hinter dem ein Waldarbeiter herläuft. Das Verbrechen ist jetzt aufgeklärt: Der „Holzrücker“, so der Name der Schnitzerei, war ein Staatsgeschenk Honeckers an einen alten Bekannten aus dem Westen, den langjährigen SPD-Bundestagsfraktionsvorsitzenden Herbert Wehner.

Das fand Norbert F. Pötzl heraus, der ein Buch über Wolfgang Vogel geschrieben hat, jenen DDR-Anwalt, der seit 1963 Häftlingsfreikäufe von Ost nach West vermittelte und das Vertrauen der Regierungen in Bonn und Ostberlin genoss. Bei Vogel fragte Honecker damals nach, weil er ein passendes Geschenk für Herbert Wehner brauchte.

Ein Geschenk

Wehner feiert am 11. Juli 1981 seinen 75. Geburtstag. Der SED-Chef und der knorrige Sozialdemokrat kannten sich aus den 1930er Jahren: Damals hatte Honecker, 1912 im Saarland geboren, als Jungkommunist gegen den Anschluss seiner Heimat an Hitlers „Drittes Reich" agitiert und Wehner, sechs Jahre älter, hatte ihm dabei geholfen. Beide waren tagelang durch das Saarland gereist, wo eine Volksabstimmung über die Wiedereingliederung ins Deutsche Reich stattfinden sollte.

Danach trennten sich ihre Wege. Wehner war 1942 aus der KPD ausgeschlossen worden, dann in die SPD eingetreten und ein bedeutender Politiker der Bundesrepublik geworden. Der andere, Erich Honecker, sollte 1971 Walter Ulbricht ablösen und mächtigster Mann der DDR werden. 1981 also sucht E. H. nach einem Geschenk für seinen alten Freund im Westen, Anwalt Vogel denkt kurz nach und rät zu einer erzgebirgischen Schnitzerei, immerhin ist Wehner gebürtiger Dresdner und in Schneeberg hatte er auch eine Zeit lang gelebt.

Honecker, so fand es Buchautor Pötzl heraus, folgte Vogels Rat. In alten Stasiunterlagen fand Pötzl den Nachweis, der SED-Generalsekretär habe den Auftrag, eine Holzskulptur zu besorgen, nach unten durchgestellt. Stasi-Chef Erich Mielke und der im MfS für Devisenbeschaffung und Häftlingsfreikauf zuständige Oberst Heinz Volpert leiteten den Wunsch weiter, bis er bei Generalmajor Siegfried Gehlert, dem Stasi-Chef von Karl-Marx-Stadt (heute: Chemnitz), ankam. Der lässt suchen und findet die erhoffte Skulptur. Er macht Fotos von dem Kunstwerk. „Der dargestellte ,Holzschlepper'", notiert der Bezirkschef in seinem Begleitbrief, stamme aus dem Schneeberger Forst und sei eine Schnitzerei, die „auch von Kennern (...) als außerordentlich wertvoll eingeschätzt" werde. Sie sei „aus einem Stück gefertigt" und ein „ein Ausstellungsstück aus dem Schneeberger Heimatmuseum".

Der „Holzrücker“ kehrt heim

Anwalt Vogel übergibt 1981 Honeckers Geburtstagsgeschenk an Wehner, der gerührt gewesen sein soll. Nach dessen Tod und dem Umzug seiner Frau Greta 1996 von Bonn nach Dresden, landete der Holzrücker gut sichtbar auf einem Bord. Dass er auf allerhöchste Anordnung geklaut worden war, ahnten die Wehners nicht.

In Schneeberg wusste man lange nichts über den Verlust: Weder im Rathaus, noch im Museum für Bergmännische Volkskunst. Das Museum hat in den vergangenen Jahren mehrmals Inventur gemacht – eine fehlende Holzskulptur war nie aufgefallen. Die „Sächsische Zeitung“, die sich ebenfalls in die zeit- und heimatgeschichtlichen Ermittlungen einschaltete, fand nun heraus, dass es mehrere „Holzrücker“ gegeben habe und der an Wehner verschenkte nicht aus einem Museum, sondern aus einem Gasthaus gestohlen wurde. So oder so: Nun kehrt der nie vermisste „Holzrücker“ heim. Als Greta Wehner die wahre Geschichte des Geburtstagsgeschenkes erfuhr, war für sie sofort klar: Der wird zurückgegeben.

„Herbert Wehner hätte das Geschenk nie angenommen, wenn er gewusst hätte, dass es offensichtlich gestohlen, und noch dazu von der Stasi beschafft worden war", sagt der Dresdner Historiker Christoph Meyer, nebenbei Vorsitzender der Herbert-und-Greta-Wehner-Stiftung. Greta Wehner habe gesagt, das Kunstwerk gehöre den Schneebergern und die bekämen es nun zurück.

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