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Ines Pohl ist Chefredakteurin der Tageszeitung taz. Bei der Hessisch/Niedersächsischen Allgemeinen volontierte sie und wurde dort später Ressortleiterin Politik.

Neun Frauen im FR-Gespräch

"Umdenken voranbringen - gerade bei uns Muslimen"

100 Jahre Weltfrauentag: Vieles wurde erkämpft. Aber genauso viel fehlt noch. Neun Frauen im Alter von 19 bis 93 erzählen von ihren Wünschen, ihrer Wut und ihrem Widerstand.

Hamideh Mohagheghi, 57 Jahre

Wussten Sie, dass Frauenfußball hier in Deutschland bis 1970 verboten war? Das ist nur ein kleines Beispiel, aber daran sieht man, dass vieles zum Glück heute leichter geworden ist. Aber volle Gleichberechtigung haben wir leider noch lange nicht. Frauen bekommen nicht den gleichen Lohn für gleiche Arbeit, und mich stört vor allem, dass die Familienarbeit so unterbewertet wird.

Warum werden Frauen immer noch schief angesehen, wenn sie sich zu Hause längere Zeit um ihre kleinen Kinder kümmern? Das muss genauso als Arbeit geachtet werden wie jede andere Berufstätigkeit, und es müsste auch so entlohnt werden. Und wenn eine Frau erst nach zwei oder drei Jahren wieder zurückkehrt, ist es mit der Karriere oft vorbei. Das geht nicht! Es müsste mehr flexible Arbeitszeiten geben, Kinderbetreuung am Arbeitsplatz, oder Frauen sollten von zu Hause aus sporadisch arbeiten können. Aber auch in den Familien sind die Lasten ungleich verteilt, wenn beide Eltern arbeiten. Sicher interessieren sich die Väter heute mehr als früher für die Kinder. Aber das meiste, was im Alltag organisiert werden muss, bleibt an den Frauen hängen: Wer ruft denn den Babysitter an, wer steht nach der Arbeit sofort für die Kinder bereit, wer kauft noch was ein? Das alles gilt für uns Muslime genauso, da gibt es überhaupt keinen Unterschied.
In den Moscheegemeinden rücken zum Glück langsam mehr Frauen in die Vorstände auf. Da werden die Debatten oft sachlicher, man kommt schneller voran. Aber wenn es darum geht, nach außen zu sprechen, sind meist die Männer da. Ob eine Frauenquote für Vorstandsposten das Richtige ist, weiß ich nicht. Als Übergangslösung vielleicht, um erst mal einen Anfang zu machen und das Umdenken in den Köpfen voranzubringen, gerade bei uns Muslimen. Denn die Frauen bei uns haben oft weniger Ängste, wenn es um Modernisierung und neue Entwicklungen geht.

Aufgezeichnet von Ursula Rüssmann

Ines Pohl, 43 Jahre

Ich bin 43 und daher in der glücklichen Situation, nicht mehr den Weg freimachen zu müssen. Ich kann in Fußstapfen treten. Andere vor mir haben mit ihrem Kampf dafür gesorgt, dass ich als Frau – und bekennende Homosexuelle noch dazu – einen solchen Job bekleiden kann. Dafür bin ich den Feministinnen, die jetzt 60, 70 Jahre alt sind, dankbar. Auch meiner Vorgängerin bei der taz, Bascha Mika. Ohne ihre Leistung könnte ich jetzt nicht mit dieser Selbstverständlichkeit da sein, wo ich bin.

Frauen in Deutschland haben alle Bürgerrechte, sie können wählen und ihre Sexualität selbst bestimmen. Trotzdem ist noch viel zu tun. Wir sehen das an der leidigen Diskussion über die Besetzung von Chefetagen. Daran, dass Frauen deutlich schlechter als Männer bezahlt werden. Oder daran, wie wenig der Gesetzgeber für alleinerziehende Mütter tut. Die Quote könnte Ungerechtigkeiten in der Arbeitswelt schnell ausräumen. Auch Parteien sollten über Quoten nachdenken. Je mehr Frauen in Entscheidergremien sitzen, desto eher werden die Anliegen von Frauen Gehör finden.
Am heutigen Tag sollten wir auch auf die Unterdrückung von Frauen in anderen Ländern gucken. Wir sollten uns ansehen, wo das Ziel, die Frauen zu befreien, vorgeschoben wird, während es um ganz andere Interessen geht. Der Krieg in Afghanistan ist dafür ein Beispiel.

Aufgezeichnet von Nadja Erb

Noah Sow, 36 Jahre

Natürlich muss der Kampf so lange weitergehen, bis Gleichbehandlung Realität ist. Ich denke, am wichtigsten wäre zuerst, dass wir als Frauen nicht mehr diskriminiert und sexualisiert werden. Wenn wir immer noch in den Medien als Objekte dargestellt werden, ist es kein Wunder, dass wir auch bei der Aufsichtsratspostenverteilung nicht ernsthaft in Erwägung gezogen werden.

An unserer Leistung werden wir noch zu oft erst in zweiter Linie gemessen. Das muss aufhören. Eine wichtige Unterstützung von Männern wäre es, dass diese mal über ihre unendliche Eitelkeit hinweg kommen, ihr Ego für fünf Minuten in den Griff kriegen und vielleicht sogar auf ein paar der Privilegien verzichten, die sie unverdientermaßen innehaben. Unverdient, weil Frauen natürlich mindestens gleich intelligent und qualifiziert sind, aber weniger Wertschätzung und Lohn für ihre Arbeit erfahren und mit anderen Maßstäben gemessen werden. Männer finde ich dann stark, wenn sie solidarisch sind, zum Beispiel Sexismus offensiv bekämpfen. Wer seinen Erfolg auf ein künstliches Kleinhalten von Frauen stützt, ist dagegen nur armselig. Ich finde es schade, dass die starken Begriffe Emanzipation und Feminismus von Männern mit unendlich vielen abwertenden Assoziationen belegt wurden. Hier mein Aufruf an alle jungen Frauen, die diese Begriffe nicht verwenden: Wer euch nur mag, wenn ihr nicht zugebt, dass ihr emanzipiert seid und für Frauenrechte eintretet, ist nicht gut genug. Versprochen!

Aufgezeichnet von Hans-Hermann Kotte

Stefanie Henkel, 19 Jahre

Ich habe keinesfalls das Gefühl, irgendwo benachteiligt zu werden. Daher kommt wahrscheinlich auch meine etwas passive Einstellung zum Kampf für die Emanzipation, weil ich das Gefühl habe, dass wir schon sehr weit sind. Und das ganz ohne künstliche Frauenquote. Wenn eine Frau sich durchsetzen will, dann schafft sie es auch, ohne explizit per Gesetz bevorzugt zu werden.

Der Kampf sollte eher zum Beispiel über die Einrichtung von Kindertagesstätten am Arbeitsplatz laufen, damit Frauen Beruf und Familie vereinbaren können, ansonsten funktioniert das schlichtweg nicht gleichzeitig. Als ehemalige „Jugend forscht“-Teilnehmerin kann ich sagen, dass zumindest im Bereich der Jungforscher – „Jugend forscht“ hat eine Frauenquote von etwa 35 Prozent – Frauen mindestens dasselbe Ansehen genießen wie Männer. Ohne Frage profitiere ich persönlich von den früheren Kämpfen der Frauen. Niemand hat mich schief angesehen, als ich mit meinem Mathematik- und Physikstudium begonnen habe, im Gegenteil, man wird respektiert. Kurzum wird mein ganzes Leben davon bestimmt, dass ich selber entscheiden kann, was ich machen möchte und wie ich mich bilden möchte. Und das weiß ich sehr zu schätzen.

Aufgezeichnet von Sabine Hamacher

Katrin Poleschner, 27 Jahre

Das Frauenwahlrecht und vor allem die Gleichberechtigung in der Ehe waren enorme Fortschritte hin zur Chancengleichheit zwischen den Geschlechtern. Ich habe großen Respekt vor den Frauen, die das in der Vergangenheit für uns erstritten haben – sonst hätten wir vermutlich noch immer nichts mitzureden.

Einiges bleibt noch zu tun: zum Beispiel Rahmenbedingungen in der Arbeitswelt, die die Vereinbarung von Privat- und Berufsleben ermöglichen. Wer mehr Frauen in Führungspositionen will, muss sich um flexiblere Arbeitszeiten, eine Abkehr von der Präsenzkultur und bessere Kinderbetreuung auch in den Ferien bemühen. Hier sind Politik und Unternehmen gleichermaßen gefragt. Auch eine Frauenquote für Führungspositionen in der Wirtschaft kann funktionieren, aber nur auf freiwilliger Basis. Eine gesetzliche Regelung könnte der Unterschiedlichkeit der Unternehmen nicht gerecht werden und würde nur bürokratischen Aufwand verursachen, den keiner will.
Männer können helfen, indem sie ihren Frauen in der Karriere den Rücken stärken. Das geschieht noch zu wenig. Letztlich kann die Gleichberechtigung im öffentlichen Bereich nur gelingen, wenn sie im privaten bereits vollzogen ist. Auch ich will, dass Frauen später von meiner politischen Arbeit heute profitieren können. Mir geht es aber auch darum, Frauen nicht länger als Opfer darzustellen. Wenn wir zupacken und Leistung bringen, steht uns die Welt offen.

Aufgezeichnet von Agnes Krol

Monika Krause-Fuchs, 69 Jahre

Die im Grundgesetz verankerte Gleichberechtigung ist eine große Errungenschaft, doch der Kampf muss weitergehen: Frauen und Männer müssen für gleiche Arbeit gleiche Löhne erhalten, Frauen sollen entsprechend ihrer Ausbildung in allen Positionen eingesetzt werden. Dazu muss es eine Frauenquote geben, denn von allein passiert nichts.

In Skandinavien sind die Frauen – die in vielen Schlüsselpositionen hervorrragende Arbeit leisten – entscheidend vorangekommen. In Deutschland, so mein Eindruck, zeichnet sich dagegen ein Zurück zu antiquierten Auffassungen, Rollenklischees und Verhaltensweisen ab. Vielleicht können junge Frauen heutzutage auch deshalb mit Stichwörtern wie Emanzipation oder Feminismus nicht mehr so viel anfangen. Für mich war die Gleichberechtigung der Frau während der Schulzeit und des Studiums in der DDR kein Thema – ich war gleichberechtigt. Dann habe ich bei meiner fast dreißigjährigen Arbeit auf Kuba als Mitglied der Nationalleitung der Kubanischen Frauenföderation und dann als Direktorin des Nationalen Zentrums für Sexualerziehung jeden Tag von neuem erfahren müssen, wie schwierig es ist, die in Verfassung und Familiengesetz verankerte Gleichberechtigung zu verwirklichen. Wir dürfen nicht nachlassen. Natürlich kann man den wohl weltbekannten kubanischen Machismo nicht mit dem deutschen vergleichen – doch auch die hiesigen Männer müssen ihr Machogehabe ablegen.

Aufgezeichnet von Hans-Hermann Kotte

Frigga Haug, 73 Jahre

Die politische Emanzipation der Frau ist erreicht. Es ist Zeit, auch die menschliche Emanzipation anzupeilen. Deswegen schlage ich die „Vier-in-einem-Perspektive“ vor, eine Politik von Frauen für alle. Es geht darum, Arbeit und damit Zeit neu zu verteilen. Der Arbeitsbegriff erweitert sich, indem alle Tätigkeiten gleichwertig behandelt werden.

Fragen nach der Anzahl von Frauen in Führungspositionen und ihrer Stutenbissigkeit lenken von der männlich determinierten Gesellschaft ab. Man kann Frauen nicht dazu erziehen, sich um Kinder und Kranke zu kümmern, und sie gleichzeitig auf Führungspositionen in der Wirtschaft trimmen. Dass junge Frauen mit dem Begriff Emanzipation nichts anfangen können, verstehe ich, weil die Medien ihn in den Dreck gezogen haben. Nach 1989 wollten sie die Frage, wie es weitergehen soll, nicht den Feministinnen überlassen. Auf der Leerstelle von Befreiungshoffnungen entwickelten sich seitdem drei Richtungen: der konservative Feminismus, vertreten von Ursula von der Leyen, der sich für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie einsetzt, was nur Stress für die Frau bedeutet. Die elitären Thea-Dorn- „Wir können alles-Frauen“. Und die von Eva Herman vertretene Mütterfraktion. Sie haben das Erbe der Frauenbewegung unter sich unschädlich verteilt. Warum sollte man sich dafür begeistern?

Aufgezeichnet von Grete Götze

Uta Ranke-Heinemann, 83 Jahre

Frauen in der katholischen Kirche kommen nur mit dem Staubsauger nach oben. Denn alle Hirten sind Männer, alle Frauen sind Schafe. Und wann immer eine Befreiung der Frauen geschah, dann nicht dank der Kirche, sondern trotz der Kirche und schon gar nicht in der Kirche.

Eigentlich müssten sich Päpste und Päpstinnen abwechseln – und nachdem nun 2000 Jahre Päpste herrschten, müssten jetzt erst einmal 2000 Jahre Päpstinnen folgen. Aber Papst und Bischöfe leben in einem monosexuellen Junggesellenreservat, in das nur die Jungfrau Maria Zutritt hat. Und 2000 Jahre Frauengeringschätzung haben in den Gehirnen vieler katholischer Frauen derartige Schäden hinterlassen, dass sie selbst oft die eifrigsten Vertreter ihrer eigenen Unterdrückung sind. Und so singen sie jede Weihnacht: „Es ist ein Ros entsprungen... hat sie ein Kind geboren, und blieb DOCH reine Magd.“ Und sprechen die Lauretanische Litanei: „Oh mater inviolata“, d.h. alle anderen Mütter sind matres violatae. Violatae kommt nämlich nicht von viola=Veilchen, sondern von vis=Gewalt, also allenfalls von Veilchenauge, und alle Väter sind Vergewaltiger, Beschmutzer. Sinn der Frau ist: Gebärmaschine für eine monosexuelle Kirche zu sein.
Aufgezeichnet von Hanning Voigts

Margarete Mitscherlich, 93 Jahre

Mehr Frauen in Leitungspositionen? Das ist eine berechtigte Forderung. Aber wir sollten darüber nicht das Gros der Frauen vergessen, die jeden Tag ihren Job machen, ja machen müssen, um ihre Familien zu ernähren.

Warum verdienen Männer, nur weil sie Männer sind, heute immer noch mehr als Frauen? Das ist ungerecht und gehört ganz schnell abgeschafft. Und wir brauchen Kinderkrippen und Kindergärten, in die Eltern ihre Kleinen mit einem guten Gefühl bringen können. Dafür brauchen wir gut ausgebildete und gut bezahlte Pädagogen. Wird der Job besser bezahlt, bekommt er mehr soziale Anerkennung in der Gesellschaft und wird auch für Männer interessant.
Außerdem sollten wir das Wort Rabenmutter für Frauen, die arbeiten und Kinder haben, aus unseren Hirnen verbannen. Dass sich das nicht vereinbaren lässt, gehört zu den Rollenvorstellungen aus vergangenen Jahrhunderten und taugt nicht mehr für die moderne Welt.
Frauen müssen sich besser vernetzen. Sie sollten sich nicht in Zickenkriegen gegenseitig fertig machen, sondern gemeinsam kämpfen. Ein Sexstreik, wie ihn Lysistrata in der Antike anwandte, um die kriegerischen Männer zum Frieden zu zwingen, macht heute nicht mehr viel Eindruck. Männer sind ja nicht mehr auf ihre Ehefrauen angewiesen, wenn sie Sex haben wollen. Das ist also kein wirksames Kampfmittel, aber Solidarität unter Frauen schon.

Aufgezeichnet von Katharina Sperber

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