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Panzer statt Regenbogenflaggen? Pazifisten und LGBTIQ-Aktivisten werden widersprechen.

Ukraine

„Der Krieg ist für mich ein Kampf für unsere Rechte“

Der Maidan veränderte auch Viktors Leben. Er zog an die Front – und outete sich als erster Soldat in der Ukraine als schwul. Eine Reportage von Danylo Bilyk.

Es ist kalt in Kiew – die kleine Pizzeria am Rande der Altstadt ist nur halbvoll. Trotzdem möchte Viktor lieber draußen sitzen. Es soll niemand mithören. Der 32-Jährige hat immer noch Angst, seine Geschichte könnte auch heute noch Konsequenzen für ihn haben. Der Maidan ist fünf Jahre her, doch ein schwuler ehemaliger Frontsoldat ist nach wie vor keine Normalität in der Ukraine, auch nicht in Kiew. Doch eines nach dem anderen.

Alles begann Anfang des Jahres 2014. Ende Februar gingen die gewaltsamen Proteste in Kiew und vielen anderen ukrainischen Städten zu Ende. Das Ergebnis: mehr als 100 Tote, überwiegend Protestierende, aber auch Polizisten kamen ums Leben. Der Maidan hat auch Viktors Leben verändert, wie das von so vielen Ukrainern. Er schmiss seinen für ukrainische Verhältnisse gut bezahlten Job in einem Duty-Free-Shop eines Flughafens in den Vereinigten Arabischen Emiraten und kehrte in seine Heimat zurück. Er wollte dabei sein, als die Menschen in Massen für Europa und gegen ihren Präsidenten auf die Straßen gingen. In der Hauptstadt Kiew, aber auch in Lwiw, Charkiw, Odessa und vielen anderen Städten des Landes.

Von seiner Homosexualität wusste kaum jemand

Der damalige Präsident, Viktor Janukowitsch, hatte das Assoziierungsabkommen mit der EU auf Eis gelegt – und sich damit verpokert. Ein halbes Jahr nach den Protesten auf dem Maidan ging der Krieg los. 700 Kilometer entfernt – im ostukrainischen Donbass – unterstützte Russland die Rebellen, die sich für eine unabhängige Ostukraine stark machten, mit Waffen und Geld. Als Kessel von Ilowajsk werden in der neusten ukrainischen Geschichtsschreibung jene Tage im August 2014 bezeichnet, als sich hunderte ukrainische Soldaten von Gegnern eingekesselt wiederfanden. Viele wurden beim Versuch aus diesem Kessel auszubrechen getötet.

Viktor hatte immer wieder die Bilder der getöteten Soldaten von Ilowajsk in den Medien gesehen. Beschossen von ihren Gegnern, trotz der Absprachen. Auch die aus der Hafenstadt Mariupol, nur ein paar dutzend Kilometer von der Front entfernt. Lokale Aktivisten hatten Schutzgräben gebaut, um die Stadt und damit einen Großteil des Landes vor weiteren Angriffen der russischen Truppen zu schützen. Diese Bilder trugen entscheidend dazu bei, dass Viktor sich freiwillig beim Militär meldete. Zu dieser Zeit kämpften nicht nur reguläre Streitkräfte im Osten des Landes, sondern auch eine Reihe freiwilliger Bataillone. Einem solchen schloss sich Viktor an. Letztendlich verbrachte er dort mehr als eineinhalb Jahre, überwiegend als Kämpfer an der Front. 

Von seiner Homosexualität wusste zu dieser Zeit kaum jemand. Auch für Viktor war das kein Thema, als er seine Entscheidung traf, sagt er. „Es war etwas gänzlich anderes, andere Gefühle, andere Emotionen.“ Er sei zur Armee gegangen in dem Bewusstsein, dass Homophobie dort wie in vielen männlich geprägten Bereichen vorherrschen würde – gerade in der Ukraine, in der die Diskriminierung sexueller Minderheiten noch immer alltäglich stattfindet. Der Krieg habe ihn geprägt, erzählt Viktor. Neun Leute aus seiner Einheit starben während seiner Zeit an der Front. Bei vielen war er dabei. Die Angst war sein ständiger Begleiter – die Panzerattacken kann er bis heute nicht vergessen: „Wenn du siehst, welche Gräben Panzerraketen reißen, willst du dir lieber gar nicht erst vorstellen, was von dir übrigbleibt, wenn eine dich trifft.“ 

Dennoch: Viktor bereut seine Entscheidung, in den Krieg zu ziehen, nicht – auch wenn mittlerweile rund 13 000 Menschen, überwiegend Soldaten, dabei gestorben sind – und weitere sterben. „Der Krieg war für mich die Fortsetzung vom Maidan. Für mich ist es ein Kampf für unsere Rechte, für Menschenrechte, für Gleichheit, für die europäische Zukunft unseres europäischen Landes“, sagt er. Wie viele im Land stellt Viktor das angestrebte Bild einer demokratischen und liberalen Ukraine dem eines autoritären Russlands gegenüber, in dem viele Menschenrechte täglich mit Füßen getreten würden. Und der Krieg ist für Viktor auch drei Jahre nach seiner Rückkehr von der Front nicht vorbei. Er kämpft nun an einer neuen Front. 

Heute wissen alle, dass er schwul ist, seine Familie, seine Freunde, die Arbeitskollegen. Auf der einen Seite ist er erleichtert, dass er sich geoutet hat und das Versteckspielen zu Ende ist. Doch der tägliche Kampf gegen Hass und Vorurteile zehrt an ihm. Viktor war der erste Frontsoldat, der sich öffentlich geoutet hat. Er ist das Gesicht einer möglichen Bewegung – ein Rückzug ins Private ist nicht mehr möglich. „Ich wollte mich Leuten als ein Schwuler zeigen, der keinen Klischees entspricht. Ich wollte es als Kämpfer machen, nach dem Motto: hier sind wir, wir haben auch mitgekämpft“, sagt er. „Weil Nationalisten Kämpfern für Schwulenrechte oft vorwerfen, dass sie hier in Kiew mit Regenbogenflaggen herumschwenken und nicht an der Front kämpfen. Und ich war eben an der Front.“

Positive Reaktionen der Kameraden

Warum sich Viktor auf diese haltlose Kritik einlässt, bleibt offen, seine ambivalente Denkweise wird Pazifisten und LGBTIQ-Aktivisten gleichermaßen aufstoßen. Ihm selbst habe eine Fotoausstellung in Kiew mit Porträts und Lebensgeschichten schwuler und lesbischer Frontkämpferinnen und Kämpfer sowie freiwilliger Helfer den perfekten Anlass für sein Coming Out gegeben. Zunächst waren alle Protagonistinnen und Protagonisten der Ausstellung auf den Bildern vermummt. Viktor, der auch Teil der schau war, beschloss im Nachhinein, sein Gesicht zu zeigen. Der Fotograf Anton Shebetko habe ihn in einem Interview vor der Ausstellung dazu bewegt.

Die meisten Sorgen machte sich Viktor um die Reaktionen seiner Kameraden. Diese seien jedoch meist positiv ausgefallen, es gab nur wenige Beschimpfungen oder Beleidigungen. Überwiegend im Netz – geoutet hatte sich Viktor über Facebook. Ein vermeintlicher Ex-Kämpfer, der ihn am heftigsten angriff, habe sich am Ende als Betrüger erwiesen – niemand von Viktors Kameraden könne sich an ihn erinnern. Auf die Frage, warum Viktor freiwillig für ein Land in den Krieg zog, in dem Schwule und Lesben mehrheitlich missachtet werden, versucht er, die ukrainische Gesellschaft etwas sperrig zu verteidigen: sie sei nicht wirklich homophob, es gebe doch nur viel zu wenig Aufklärung.

Berichte internationaler Menschenrechtsorganisationen sprechen eine deutlichere Sprache. Im Länderranking von Rainbow Europe – einem Projekt der International Lesbian, Gay, Bisexual, Trans & Intersex Association (ILGA) – ist die Ukraine auf Platz 36 von 49 europäischen Staaten gelistet. Das Ranking soll Aufschluss geben, wie es in den verschiedenen Ländern um die Gleichstellung und Beachtung der Rechte sexueller Minderheiten bestellt ist. Zwar geben Menschenrechtler an, dass sich die Lage in den vergangenen Jahren in der Ukraine nicht verschlechtert habe – doch Fortschritte blieben ebenfalls aus.

Eine tolerante Ukraine ist fern der Realität

Außer einer Antidiskriminierungsklausel im Arbeitsrecht, die mit großen Mühen durchs Parlament geboxt wurde, änderte sich in fünf Jahren seit dem Maidan rechtlich nichts. Ukrainische Menschenrechtler sprechen von mehr als 100 Straftaten aus Hass gegenüber LGBTIQ im zurückliegenden Jahr. Geahndet werden sie meist als anderweitige Kriminaldelikte – Rowdytum oder Raubüberfall. Im einzigen Paragrafen des Strafgesetzbuches, auf den sich Staatsanwälte im Falle homophober Straftaten berufen könnten, ist sexuelle Orientierung nicht explizit erwähnt. So sieht es in offiziellen Statistiken schlichtweg danach aus, als gäbe es gar keine homophoben Verbrechen.

Eine tolerante Ukraine bleibt Viktors Wunschvorstellung, ist aber noch fern jeder Realität. Auch sein Umgang mit der eigenen Sexualität macht das ganz deutlich: In seiner Familie waren Sexualität und sexuelles Leben ein Tabuthema. Sich persönlich vor den eigenen Eltern zu outen, wollte Viktor am Ende nicht – seine Mutter erfuhr über Facebook davon. Noch schwieriger war es mit Viktors Vater. „Meine Mutter berichtete, dass über seiner Oberlippe Schweiß zu sehen war, als er von meinem Coming Out hörte. Er sprach das Thema selbst danach nie an“, sagt er. Und glaubt trotzdem: „Durch sein Verhalten zeigt auch er, dass er mich akzeptiert hat, so wie ich bin.“

Auch Viktors Kampf für Schwulenrechte zeigt deutlich, dass sich noch viel ändern muss in der Ukraine. Jenem Land, in dem Homosexualität bis in die 90er Jahre unter Strafe stand, als die Sowjetunion zusammenbrach. Gemeinsam mit anderen Menschen gründete Viktor die Facebook-Gruppe „LGBT-Militärs und unsere Verbündeten“. Um den Teilnehmern Anonymität zu garantieren, bleibt die Gruppe geschlossen. Das öffentliche Engagement Viktors zeigt aber erste Ergebnisse – seine eigene Geschichte wurde durch ukrainische und internationale Medien verbreitet und selbst die Armee zeigte Interesse am Thema Homosexualität in den eigenen Reihen. Auch privat hat sich Viktors Coming Out ausgezahlt – unmittelbar danach lernte er seinen Freund kennen, mit dem er seit einem halben Jahr zusammen ist. (Von Danylo Bilyk)

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