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Gewann zwar den Wettbewerb, fährt aber nicht nach Tel Aviv: Sängerin Maruv.

Eurovision Song Contest

Ukraine nimmt nicht am ESC teil

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Die Stars winken ab, weil die Nationale Rundfunkanstalt der Ukraine keine Auftritte in Russland zulässt. Erstmals fehlt die Ukraine beim Eurovision Song Contest.

Es begann mit der Gemeinheit eines Fernsehmoderators: „Ich kann Sie fragen, wem die Krim gehört“, sagte er zu den Kandidatinnen Anna und Maria Opanasjuk vor den laufenden Kameras des krimtatarischen Senders „ATR“ in Kiew. „Und dann können Sie je nach Antwort entweder Ihre Karriere vergessen oder die Ihrer Mutter.“ Die Schwestern Opanasjuk waren als Gesangsduo ins Finale der nationalen ukrainischen Ausscheidung zum Eurovision Song Contest 2019 vorgedrungen. Ihre Eltern aber wohnen auf der von Russland annektierten Krim-Halbinsel, ihre Mutter arbeitet dort als Regierungsbeamtin, ausgezeichnet mit dem russischen Militärorden „Für die Rückkehr der Krim“.

Die Frage erwischte die Mädels kalt. Erst druckste Maria herum: Sie hätten keinerlei Gesetze verletzt und seien nicht in Russland aufgetreten. Dann aber fasste sie sich ein Herz: „Wenn wir zwischen dem Wettbewerb und unseren Eltern zu wählen haben, entscheiden wir uns wie jeder normale Mensch für unsere Eltern.“

Es war der Start zum diesjährigen ukrainischen Eurovisionsskandal. Ein Skandal in Raten: Erst stieg das Duo Anna-Maria aus dem nationalen Finale aus, dann gewann dort die Popsängerin Maruv, alias Anna Korsun. Was patriotische Kreise in Kiew erboste: Denn Maruv ist seit Beginn der Feindseligkeiten 2014 immer wieder im feindlichen Russland aufgetreten, in Sotschi oder bei der Fußball-WM.

Es ging weiter mit Streitigkeiten zwischen der Schlagersängerin und der nationalen ukrainischen Rundfunkanstalt NSTU. Die NSTU stellte neue Bedingungen auf, vor allem: keine Auftritte in Russland. Maruv weigerte sich, einen entsprechenden Vertrag zu unterschreiben. Auf Konzerte in Russland hätte sie verzichtet, sagte sie hinterher, aber die NSTU habe ihr auch untersagt, in Tel Aviv frei mit Journalisten zu reden oder auf der Bühne zu improvisieren.

Chaotische Politik der NSTU

Insider vermuten, Maruv habe sich nicht vom lukrativen russischen Schlagermarkt verabschieden wollen. Ähnliche Befürchtungen hegen wohl auch die Zweit- und Drittplatzierten, die Mädchen-Band Freedom Jazz und die Gruppe Kazka. Erst lehnte Freedom Jazz, dann Kazka eine Nominierung für Tel Aviv ab. „Unsere Mission ist es, die Menschen mit unserer Musik zu vereinen, nicht Unfrieden zu verbreiten“, erklärte Kazka per Instagram.

Experten verweisen jetzt auf die chaotische Politik der NSTU. Schon vor zwei Jahren hatten die ukrainischen Behörden der russischen Sängerin Julia Samoilowa die Einreise zum Finale nach Kiew verweigert. Weil sie vorher auf der annektierten Krim gastiert hatte. Und nach Ansicht des Kiewer Eurovisons-Produzenten Oleg Bodnartschuk hätte man politische Spielregeln wie den Verzicht auf Gastspiele in Russland vor dem Start des nationalen Wettbewerbs festlegen müssen. „Es ist unmöglich, jemandem, der schon gewonnen hat, neue Bedingungen zu stellen.“

Der Skandal zeigt auch das Dilemma der ukrainischen Unterhaltungskultur. Schon seit Sowjetzeiten drängten die Showleute ins reiche Moskau, von dem verstorbenen Starbariton Jossif Kobson bis zu erprobten Schlagerstars wie Ani Lorak oder Swetlana Loboda, die sich inzwischen auf die Seite des reicheren Russlands geschlagen haben. Auch Wladimir Selenski, TV-Komiker und Präsidentschaftskandidat mit den zurzeit besten Umfragewerten für die Wahlen Ende März, spielte noch 2016, zwei Jahre nach Beginn des Donbaskrieges, die Hauptrolle in einer russischen Filmkömodie. Und jetzt kommentiert Maruv den jahrelangen Kampf der ukrainischen Soldaten gegen russische Berufsmilitärs im Donbas mit deftigem Pazifismus: „Für den Frieden Krieg zu führen“ sei, als würde man seine Jungfräulichkeit mit Sex schützen wollen. Angesichts ihrer im April geplanten Konzerte in Moskau und Sankt Petersburg klingt das durchaus zweckpazifistisch.

Die NSTU erklärte gestern, zurzeit gäbe es niemanden, mit dem man über einen Start in Tel Aviv verhandle und sagte die Teilnahme der Ukraine am Eurovision Song Contest ab. Die Sendeanstalt habe als Grund eine „übermäßige Politisierung des nationalen Auswahlverfahrens“ angegeben, teilte die Europäische Rundfunkunion in Genf mit.

Russische Medien spekulierten seit Tagen, die Teilnahme der Ukraine werde dieses Jahr platzen. Und die Zeitung „Moskowski Komsomoljez“ freut sich, die Ukraine hätte ihren eigenen Shooting-Star Maruv aus dem Rennen geworfen. Die Buchmacher favorisierten in Tel Aviv bisher den russischen Kandidaten Sergei Lasarew. Maruv aber habe mit ihrem Sieg in Kiew die Ukraine vom 14. auf den vierten Platz gestemmt und hätte Lasarew im israelischen Finale ernsthafte Konkurrenz machen können. „Die Gefahr ist beseitigt“, schreibt die Zeitung. „Danke Ukraine!“ Vielleicht sei ja das Ganze auch eine hybride Geheimoperation der russischen Pop-Produzenten gewesen. (mit epd)

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