1. Startseite
  2. Panorama

Uhrmacherhäusl: Nach 15 Minuten lag alles in Trümmern

Erstellt:

Von: Patrick Guyton

Kommentare

Anfang September 2017: Menschen aus der Nachbarschaft bekunden ihren Unmut, bis heute finden Mahnwachen statt.
Anfang September 2017: Menschen aus der Nachbarschaft bekunden ihren Unmut, bis heute finden Mahnwachen statt. © Patrick Guyton

Der Abriss des denkmalgeschützten Uhrmacherhäusls schockierte 2017 viele Menschen in München. Nun steht der Besitzer vor Gericht. Er wird beschuldigt, die Zerstörung aus Profitgier in Auftrag gegeben zu haben.

Was am Freitag, dem 1. September 2017, zwischen 16 und 16.15 Uhr geschah, war ein Schlag in die Magengrube sehr vieler Münchnerinnen und Münchner. Ein Caterpillar-Bagger wurde zu dem alten, leerstehenden Haus an der Oberen Grasstraße 1 im Traditionsviertel Obergiesing gesteuert, innerhalb einer Viertelstunde wurde das dortige Haus fast völlig niedergerissen. Der Fahrer rannte davon, den Bagger ließ er stehen. Die von Nachbarinnen und Nachbarn herbeigerufene Polizei stieß nur noch auf einen Haufen aus zertrümmertem Mauerwerk, Holzbalken und Dachziegeln.

Es war das Ende des Uhrmacherhäusls, denkmalgeschützt wie die ganze Feldmüllersiedlung, in der es stand. Erbaut Mitte des 19. Jahrhunderts, benannt nach einem Uhrmacher, der dort einst gelebt und gearbeitet hatte. Tags darauf schlossen sich die Anwohnerinnen und Anwohner zusammen, stellten Sonnenblumen an die Zaunabsperrung, hängten große Banner auf mit Schriftzügen wie „Mit krimineller Energie ein Denkmal zerstört“ oder „Durch gewissenlose Grundstücksspekulanten zu Tode gekommen“.

Denn der Verdacht lag auf der Hand, dass der Besitzer Andreas S., Betreiber eines Handwerksbetriebs aus dem Münchner Umland, sein eigenes Haus hat abreißen lassen, um dort neu zu bauen, drei- oder vierstöckig. Da würden einige Eigentumswohnungen reinpassen, die man teuer verkaufen könnte. Denn Baugrund ist in München Gold, S. wiederum hatte das sanierungsbedürftige Haus 2016 für vergleichsweise günstige 650 000 Euro gekauft. Schon am Vortag hatte es eine Baggerattacke auf das Haus gegeben, ein Loch war in die Mauer geschlagen worden, die Polizei hatte daraufhin Absperrband angebracht.

Nun muss sich S., 44 Jahre alt, wegen des illegalen Abrisses vor dem Münchner Amtsgericht verantworten. Und mit ihm der damalige Baggerfahrer Cüneyt C. (51). Die Staatsanwaltschaft wirft ihnen „gemeinschädliche Sachbeschädigung“ sowie Beihilfe dazu vor. S. wird zudem beschuldigt, die letzten verbliebenen Mieter:innen des Hauses rausgeekelt zu haben, indem er etwa im Winter die Haustür ausgehängt und wegen der dann vereisten Leitung das Wasser und den Strom abgestellt habe. Damit konnte auch die Heizung nicht mehr betrieben werden.

Haus Und Viertel

In mehreren Gerichtsverfahren wurde über die Zukunft des Grundstücks entschieden, auf dem das Haus stand: Demnach muss es in seinem äußeren Originalzustand wieder aufgebaut werden. Verwendet werden müssen dabei jene Baustoffe des alten Hauses, die gesichert werden konnten.

Die Feldmüllersiedlung ist ein denkmalgeschütztes Ensemble. In meist eingeschossigen Häusern lebten früher kleine Handwerker oder Tagelöhner. Einige Häuser wurden mit viel Aufwand saniert und zeigen sich heute als kleine Schmuckstücke. pat

Andreas S. ist ein schmächtiger, schlanker Mann mit schnittiger Frisur, der in dem Verfahren bislang die Aussage verweigert. Dafür unterhält er sich immer wieder rege mit seinen beiden Verteidigern. Er wirkt gut gelaunt, scheint sich über Zeuginnen und Zeugen zu amüsieren oder lustig zu machen, doch wegen der Maske ist das nicht genau zu erkennen. Einmal fragt der Richter ihn: „Kichern Sie etwa, Herr S.?“ „Nein, nein.“

Der ehemals bei S. angestellte Kundendienstmonteur Sebastian O. ist so etwas wie der Kronzeuge der Anklage. Weitere Beschäftigte der Firma, die mit der Planung des Abrisses zu tun hatten, geben sich so notorisch unwissend. Der Richter weist sie mehrfach energisch darauf hin, dass eine Falschaussage ein Strafdelikt sei, auf das eine Freiheitsstrafe ab drei Monaten stehe. Dennoch bleiben alle immer auf Linie: nichts gewusst, keine Erinnerung, lässt sich nicht mehr sagen.

Bis auf Sebastian O. Der sagt, dass er damals bei der Oberen Grasstraße 1 „mehr oder weniger die recht Hand“ seines Chefs S. gewesen sei. O. sagt, in der Firma sei bekannt gewesen, „dass es abgerissen werden soll“. Von S. selbst habe er erfahren, dass das Haus aber unter Denkmalschutz stehe. O. erzählt, wie man die letzten Mieter:innen mit der Wasser- und Stromsperre im Winter raus bekommen habe.

Zwar habe S. bei der Stadt die Sanierung beantragt. Dies sei aber nur geschehen, um den Abriss vorzubereiten, „ohne dass es auffällt“. S. habe ihm gesagt, dass er sich erkundigt hätte: Für einen illegalen Abriss würde man „maximal 150 000 Euro Strafe zahlen müssen“, und ließ durchklingen, dass er damit keine Probleme hätte. S. habe geplant, mehrstöckig zu bauen: „Er wollte das Maximalste raushauen.“ Vor dem Abriss seien die Wände und der Dachstuhl des Hauses eingeschnitten worden – „dann fällt es schneller zusammen“. O. arbeitet nicht mehr bei S.: „Aufgrund dieses Vorfalls haben wir uns nicht mehr verstanden.“

Die Version, die S. und der Baggerfahrer C. hingegen von ihren Anwälten über das Niederreißen mitteilen lassen, klingt so: S. habe sanieren wollen, doch aufgrund eines „psychischen Ausnahmezustands“ habe der Baggerfahrer die Häuser verwechselt. Eigentlich habe er ein Haus in der Nähe von Schwäbisch Hall abreißen sollen und nicht bemerkt, dass er sich in München befunden habe – zwischen den Orten liegen immerhin 250 Kilometer.

In Giesing haben sich nach dem Abriss viele Bürgerinnen und Bürger zusammengeschlossen. Die Initiative „Heimat Giesing“ protestiert gegen Gentrifizierung und Bodenspekulation, sie erinnert an das Uhrmacherhäusl und hat schon knapp 60 Mahnwachen abgehalten. Dank der Hartnäckigkeit der Anwohnerin Angelika Luible-Gariboldi etwa, einer Ingenieurin, wurde Sebastian O. als Zeuge ausfindig gemacht und ließ sich überzeugen, im Verfahren auszusagen. Die Menschen in Giesing wünschen sich nun vor allem die Schließung der Baulücke durch ein neues altes Uhrmacherhäusl.

Auch interessant

Kommentare