1. Startseite
  2. Panorama

Von Überlebenden zu Opfern

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Willi Germund

Kommentare

Philippinische Arbeiter zerlegen ein Transportschiff, das vom Taifun Haiyan an Land gespült wurde.
Philippinische Arbeiter zerlegen ein Transportschiff, das vom Taifun Haiyan an Land gespült wurde. © picture alliance / dpa

Der Wiederaufbau in den von Haiyan getroffenen Orten auf den Philippinen geht kaum voran. Hunderttausende Betroffene leben immer noch in provisorischen Unterkünften.

Die Augenbrauen sind sorgfältig gezupft. Ansonsten unterscheidet sich das bleiche Gesicht von Maria Fe Llamado kaum von dem Bild, dass sie vor einem Jahr auf einer Bank der Erlöserkirche von Tacloban bot. Ein paar Tage nach Taifun Haiyan stand sie nach dem Tod ihrer 15 und 16-jährigen Tochter unter einem Schock. Das blasse Gesicht von Maria Fe umrahmt immer noch zwei dunkelbraune Augen, in denen kein Funke Lebenswille zu sehen ist. Sie schaut aus dem Fenster der hölzernen Notbaracke, die Helfer einer südkoreanischen „Presbyterian Church“ mitten in den früheren Slum gesetzt haben, der im November 2013 von einer Flutwelle während des Wirbelsturms dem Erdboden gleich gemacht wurde. „Sei stark! Gott steht Dir bei!“ steht in blassroten Buchstaben auf dem Spruchband, das die südkoreanischen Helfer an die Barackenwand gehängt haben.

Maria Fe scheint die etwas plumpe Aufforderung gar nicht wahrzunehmen. Im Gegenteil. „Sie weint immer noch jeden Tag vor den Bildern ihrer Töchter“, sagt Ehemann Biofel, der heute wie vor einem Jahr neben der eigenen Trauer auch noch die Sorge um seine Frau auf seinen breiten Schultern tragen muss. Zehn Verwandte ertranken an dem fatalen 7. November just in der Gegend, in der Biofel nun auf einem altersschwachen Plastikstuhl hockt, als der Supertaifun Haiyan angefangen bei den Inseln Leyte und Samar eine gigantische Schneise der Verwüstung quer durch die Philippinen zog. Hunderttausende wurden obdachlos. Rund 10 000 Menschen starben.

Die Toten sind längst begraben. Aber der Schock und die Folgen der Katastrophe beherrschen immer noch den Alltag in der zerstörten Region. Da ist die Lehrerin, die in den USA arbeitete und sich nach dem Sturm auf die Suche nach ihren Verwandten begab.

12 000 Familien wohnen im Elendsviertel

Nach ein paar Wochen musste sie sich eingestehen, dass der Taifun ihre ganze Verwandtschaft getötet hatte. Die Lehrerin steht seither unter psychologischer Betreuung. Und es gibt Frauen wie Maria Fe Llamado, die festgeklammert am Gestühl ihrer Hütte zusehen mussten, wie die Flutwelle ihre Töchter verschlang.

Tagelang klammerte die Mutter sich vor einem Jahr an die vergebliche Hoffnung, wenigsten das ältere Mädchen könnte überlebt haben – bis der entstellte Leichnam doch noch im Schlamm der Verwüstung gefunden wurde.

Jetzt besitzen die neun Erwachsenen, die sich mit den Llamados zwei Zimmer in der Baracke teilen, den einzigen Fernseher der Nachbarschaft. Nachmittags versammeln sich die Kinder aus den umliegenden Hütten vor dem Flimmerkasten. „Das tröstet meine Frau etwas“, sagt Maria Fe’s Ehemann. Er zögert etwas, bevor er weiterspricht: „Ich weiß nicht, ob wir hier noch einmal glücklich sein können.“

Vorläufig setzt Biofel seine Hoffnung auf die Beziehungen des Schwiegervaters. Er soll angeblich auf der Liste der Nutznießer stehen, die mit Hilfe der katholischen Kirche eine neue, permanente Bleibe erhalten sollen.

Aber Pater Edwin Bacalpos bremst ein Jahr nach dem Taifun vor überschäumenden Hoffnungen. „Ich habe heute erst die Verhandlungen über den Kauf des Landes abgeschlossen“, sagt der Priester in der Küche seines Pfarrhauses. Er würde gerne schneller vorankommen. Aber in der Stadt Tacloban geht nichts so schnell wie die Überlebenden und ihre Helfer es gerne sehen würden.

„12 000 Familien“, sagt Pater Edwin, „wohnen wieder in der Gegend der früheren Elendsviertel entlang des Meeresufers.“ Sie hausen in wackligen Hütten, die auf morschen Pfählen stehen. Im Brackwasser schwimmt Abfall. Aber es gibt eine funktionierende Wasserleitung aus der Zeit vor der Katastrophe und Strom. Vor allem aber gibt es Hunderte von kleinen Fiberglasbooten, die von Hilfsorganisationen verteilt wurden und die von Slumbewohnern zum Fischfang in der Bucht vor Tacloban genutzt werden.

Wer fischt und ein Boot besitzt, lebt gerne nahe am Ufer. Die Bewohner des Küstenstreifens setzen sich deshalb kurzerhand über das Bauverbot hinweg, das die Behörden für einen rund 40 Meter breiten Streifen entlang des Meeres verfügt haben. So soll verhindert werden, dass eine neue Flutwelle der alljährlich wiederkehrenden Taifune erneut so viele Opfer wie im vergangenen Jahr fordert. Aber die Bewohner, die vor Haiyan fast nichts hatten, wollen und können nicht ewig darauf warten, dass die Verwaltung der Hafenstadt, die Regierung in Manila und Grundbesitzer sich auf Umsiedlungspläne für Tacloban einigen.

„Das einzige Geld, das derzeit ungehindert von der Zentrale in Manila in das Katastrophengebiet fließt, kommt über das Sozialministerium“, sagt ein ausländischer Fachmann in der philippinischen Hauptstadt. Gelder der Weltbank werden dabei in Absprache mit kleinen Kommunen ausgegeben. In ihrem Bemühen, jeden Hauch von Korruption zu vermeiden, erfand die Regierung in Manila ansonsten so viele Kontrollen bis hin zur persönlichen Unterschrift von Staatspräsident Benigno „Noynoy“ Aquino, dass die Bewilligungen manchmal Monate im Verwaltungslabyrinth umherirren. „Je näher man an Städte kommt, umso komplizierter wird die Arbeit“, sagt Jörg Fischer, der Programmbeauftragte des Deutschen Roten Kreuzes für die Provinzen Capiz und Antique.

Fünf Jahre bis zur nächsten Ernte

„Ich war eine Überlebende“, sagt die 44-jährige Anlie Apostol, Tochter einer mächtigen politischen Dynastie auf der Insel Leyte, „jetzt bin ich ein Opfer.“ Die Politikerin, die in der Vergangenheit die Partei des Präsidenten unterstützte, sitz in einem netten, modern aufgemachten Café und lässt keinen Zweifel an ihrem Unmut. „Die internationalen Hilfsorganisationen sprechen sich nicht mit uns Politikern und der Verwaltung ab“, lamentiert sie, „Manila lässt uns im Stich. Wenn ich noch einmal zu einer Wahl antrete, dann als Unabhängige.“ Der 44-jährigen Frau gehörten Tausende von Kokospalmen, die ausnahmslos dem Taifun zum Opfer fielen.

„Es dauert mindestens fünf Jahre, bis wir wieder die ersten Nüsse ernten können“, sagt Apostol. Selbst nach dieser Frist wird der Neuanfang eher bescheiden ausfallen. Denn die Kokosnussplantagen auf Leyte waren vor dem Taifun im Gegensatz zu anderen Regionen der Philippinen nicht von einer zerstörerischen Krankheit befallen. „Wir können nur Setzlinge nutzen, die von hier stammen“, sagt Apostol, „aber es gibt zu wenig.“

Schon vor der Katastrophe gehörten die Insel Leyte und Samar zu den ärmsten Regionen der Philippinen. Ein Jahr nach Haiyan, dem weltweit schlimmsten Sturm, der jemals besiedeltes Gebiet traf, haben sich auch viele Unternehmer noch nicht berappelt. Nur rund 50 Prozent der Firmen und Betriebe öffneten seit dem Taifun wieder ihre Pforten. „Bauunternehmen, Fuhrunternehmen und Holzfirmen laufen gut“, sagt die Politikerin und Geschäftsfrau Apostol, „der Rest hat große Mühe.“

Die 38-jährige Witwe Noemi Kho, die mit ihren fünf Kindern in der Notunterkunftssiedlung Candahug nahe des Flughafens lebt, lässt sich nicht lange bitten, ihre eigenen Schwierigkeiten aufzuzählen. Ihr Mann starb durch den Taifun. Die Familie lebte in einer Gegend, auf der nun ein großer Platz gebaut wird – für einen sechsstündigen Besuch von Papst Franziskus Anfang des kommenden Jahres. Ihr jetzige Notunterkunft kommt den Planern der Visite nicht in die Quere. Aber der Bürgermeisterin ihrer Gemeinde Palu sind die Bewohner des Camps ein Dorn im Auge.

Im November soll Noemi Kho samt Kindern sowie Hunderten von Nachbarn in eine neue Notunterkunft in drei Kilometer Entfernung umziehen. „Hier sind wir so weit weg von der Stadt und vom Meer, dass ich Landwirtschaft betreiben müsste“, klagt die Witwe, „das habe ich noch nie gemacht. Ich bin eine Unternehmerin, kein Bäuerin.“ Präsident Aquino besuchte vor ein paar Tagen Tacloban und die kleine, drahtige Frau konnte Dutzende von Souvenir-Hemdchen an seine Anhänger verkaufen. Vor allem aber zahlten die Behörden ihr fast zwölf Monate nach dem verheerenden Sturm 18 000 Pesos – 316 Euro als Entschädigung für den Tod ihres Mannes. „Zum ersten Mal habe ich jetzt keine Geldsorgen“, sagt Noemi, „aber ich werde vorsichtig damit umgehen, damit meine Kinder genug zu essen haben in den kommenden Wochen und zur Schule gehen können.“

Auch interessant

Kommentare