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Eine schwangere Frau mit Verdacht auf Ebola-Erkrankung wird in die Ambulanz in Freetown gebracht.
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Eine schwangere Frau mit Verdacht auf Ebola-Erkrankung wird in die Ambulanz in Freetown gebracht.

Ebola-Seuche

Die Überlebenden

  • Johannes Dieterich
    VonJohannes Dieterich
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Senga Omeonga und Joel Williams sind an Ebola erkrankt, aber nicht gestorben. Das macht sie zu Geächteten und interessant für Forschung. Das Krankenhaus des spanischen Ordens steht in der liberischen Hauptstadt Monrovia. Dort arbeitet Joel Williams.

Als 15-Jähriger wurde Joel Williams aus dem Priesterseminar geworfen. Er hatte einen Aufseher der „Brüder von Sankt John Gottes“ mit der Faust niedergestreckt – da stand für die Ordensoberen fest, dass dieser Junge vom Allmächtigen nicht als dessen Diener auserwählt sein konnte. Heute müssen die Priester ihr Urteil korrigieren. Denn während im Krankenhaus des spanischen Ordens in der liberianischen Hauptstadt Monrovia zahlreiche Brüder und Schwestern der Ebola-Seuche zum Opfer fielen, blieb der heute 47-Jährige wie durch ein Wunder verschont. „Ich betrachte das als Zeichen Gottes“, sagt der Personalchef der Sankt-Joseph-Klinik: „Er hat wohl noch etwas mit mir vor.“

Williams steht im Hof des weiträumig angelegten Hospitals, das der spanische Orden vor gut 50 Jahren im Kolonialstil errichtete. Das Gelände mit seinen rund 20 Gebäuden ist menschenleer: kein Pfleger, der im weißen Kittel durch die Gänge eilt, in den Zimmern kein einziger Kranker. Seit Mitte August ist das 117 Betten-Hospital wie ausgestorben – und das im wahrsten Sinn des Wortes. Nicht weniger als 15 Klinik-Angestellte – vom Krankenhauschef über den Chirurgen bis zu Schwestern und Laborassistenten – wurden Anfang des vergangenen Monats von dem mörderischen Virus angesteckt, neun von ihnen sind bereits gestorben. Als die Tragödie begann, suchten auch die Patienten das Weite: Nun steht das Krankenhaus leer.

Die jüngste Geschichte der Sankt-Joseph-Klinik könnte Hollywood als Vorlage zu einem Thriller dienen. Anfang Juli bringt ein Angestellter im Finanzministerium, Patrick Sawyer, seine schwangere, stark blutende Schwester ins Hospital. Die Ärzte gehen von einer Fehlgeburt aus: Um die Frau schnell zu versorgen, hilft sogar der Hospitalchef selbst. Princess, die in Wahrheit im Endstadium einer Ebola-Erkrankung ist, stirbt, ihr Bruder reist weiter nach Nigeria. Noch auf dem Flug erkrankt auch er und steckt in Lagos schließlich mindestens 19 Menschen an. Sieben von ihnen sind bereits tot, unter ihnen Sawyer selbst, der sich auf dem Weg zu seiner in den USA lebenden Familie befand. Dort schlägt man ob der nur knapp abgewendeten Gefahr die Hände über dem Kopf zusammen.

Zurück im Sankt-Joseph-Hospital erkrankt in der Zwischenzeit dessen Direktor, der kamerunische Priester Patrick Nshamdze – er hatte sich an Princess Sawyer angesteckt. Aus unerklärlichen Gründen kommt jedoch ein erster Ebola Test „negativ“ aus dem Labor zurück: Der Hospitalchef wird vom Personal weder in Schutzanzügen noch unter Quarantäne behandelt. Nachdem Grippe- und Malariamedikamente partout nicht anschlagen, wird Bruder Patrick zwei Wochen später ein zweites Mal auf Ebola getestet, jetzt mit „positivem“ Resultat. Nacheinander erkranken der Chirurg Dr. Senga Omeonga, der 75-jährige spanische Priester Miguel Pajares, zwei weitere Ärzte, zwei Ordensschwestern, zwei Krankenschwestern, sowie ein Sozialarbeiter, ein Laborassistent und ein Röntgenfachmann. Auch Joel Williams’ Temperatur steigt an, doch sein Testresultat ist uneindeutig: Möglicherweise, sagen Experten, sei er schon früher einmal mit dem Virus in Kontakt gekommen und habe Antikörper entwickelt.

Um sicherzugehen, schottet sich Williams mit den anderen Infizierten ab. Während die Kranken und die meisten noch gesunden Pflegekräfte fluchtartig die Klinik verlassen, ziehen sich die 15 Infizierten in die Wohnungen der Belegschaft zurück: Zwei Pfleger, mit denen Williams zunächst ein Ärztehaus teilt, sterben direkt neben ihm. Danach kümmert sich Williams um eine 34-jährige Oberschwester und einen Laborassistenten. Er muss ständig die Ausscheidungen der Todkranken aufwischen: „Meine einzige Waffe“, sagt der Personalchef, „war ein Paar Gummihandschuhe, die ich immer wieder verwendete.“

Die Oberschwester scheidet schließlich Unmengen von Blut aus: „Ich stand mit meinen Pantoffeln fast bis zu den Knöcheln in ihrem Blut.“ Schließlich stirbt die Schwester, Williams überlebt. Er habe sich im Traum selbst aus dem Mund, den Augen und Ohren bluten sehen, erzählt der gescheiterte Priesteranwärter: „Aber dann erschien mir Jesus und sagte: Du wirst nicht sterben.“

Im Nachbarhaus ringt unterdessen Chirurg Senga Omeonga mit dem Tod. „Ich war dermaßen schwach, dass ich nicht einmal mehr aufstehen konnte“, erzählt der Kongolese, der vor drei Jahren nach Monrovia kam. Er hatte hohes Fieber, Durchfall und musste sich andauernd übergeben: „Es gab keinen Zweifel, an was ich erkrankt war.“ Zunächst wurde Omeonga von einer Helferin versorgt: Er habe sich zum Essen und Trinken zwingen müssen, erzählt der 53-Jährige: Später habe er zu halluzinieren und „blödsinniges Zeugs“ zu reden begonnen.

Schließlich wurde er in die Isolierstation des staatlichen Elwa-Krankenhauses überführt: Dort wurde der Arzt als einer von nur sieben Personen ausgewählt, die das Anti-Ebola-Mittel „ZMapp“ erhielten. Das in den USA entwickelte Medikament konnte bislang noch nicht getestet werden: „Aber in meinem Zustand“, sagt Omeonga, „probiert man alles, was helfen könnte.“

Die ZMapp-Kur besteht aus drei Infusionen, von denen Omeonga zwei ohne Komplikationen eingeflößt werden. Doch bei der dritten reagiert sein Körper mit einem allergischen Schock: Er zittert und verliert immer wieder das Bewusstsein. Der Vater von drei Kindern ist überzeugt, dass sein Ende gekommen ist. Erst als er Bluttransfusionen erhält, erholt sich der Arzt allmählich. Und zwei Tage später weiß er, dass er einer der Glücklichen ist, der die tödlichste aller Infektionskrankheiten überleben wird. Von den sieben Patienten, die ZMapp erhalten, überleben sechs – nur der 75-jährige spanische Bruder Miguel stirbt trotzdem. Das in den USA entwickelte Medikament wurde bislang nur in kleinster Menge hergestellt: Eine Reproduktion des in Tabakpflanzen gezüchteten Wirkstoffes wird mehrere Monate dauern.

Für Senga Omeonga und Joel Williams war die Qual nach der Heilung aber nicht zu Ende. Wenn der Chirurg heute in einen Raum tritt, pflegen ihn andere zu verlassen: Sie haben Angst, dass dem Geheilten doch noch etwas von seiner tödlichen Krankheit anhaftet. Williams’ Frau verlor während der Quarantäne ihres Mann ihren Job: Der Arbeitgeber fürchtete, dass sie das Virus weitergeben könnte. Überlebende Ebola-Kranke haben in Monrovia Schwierigkeiten, eine Wohnung zu finden. Und Waisenkinder, die im Gegensatz zu ihren Eltern die Krankheit überlebten, müssen von Unicef in einem Heim außerhalb der Hauptstadt untergebracht werden. Die Familien haben Angst, die Alleingelassenen zu sich zu holen.

Omeonga würde jetzt gern Urlaub bei seiner Familie in Kanada machen. Der Arzt weiß jedoch, dass er hier jetzt so dringend wie noch nie gebraucht wird. Denn das Sankt-Joseph-Krankenhaus will Anfang Oktober seine Tore wieder öffnen: Außer einer Entbindungsstation soll auch eine kleine Isolierstation für Ebola-Patienten eingerichtet werden. Chirurg Omeonga ist inzwischen so wertvoll wie kein anderer Arzt der Welt: Weil er als Überlebender gegen das Virus immun ist, kann er sich bedenkenlos wie kein anderer um die Infizierten kümmern. „Ich werde aber trotzdem meinen Schutzanzug tragen“, lacht der korpulente Kongolese, dem man die Tortur schon gar nicht mehr ansieht.

Für Mediziner sind Senga Omeonga und Joel Williams noch aus einem anderen Grund interessant. Im Kongo erzielte man bei der Behandlung von Ebola-Kranken mit Transfusionen des Bluts von Überlebenden beachtliche Erfolge: Vermutlich werden auch die beiden Ebola-Bezwinger aus dem Sankt-Joseph-Hospital in nächster Zeit noch auf so manchen Liter ihres kostbaren Lebenssafts verzichten müssen. „Ich wusste schon immer, dass mich Gott nach dem Faustschlag im Predigerseminar nicht aufgegeben hat“, sagt Personalchef Williams verschmitzt: „Die Priester würden sich wundern.“

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