+
Sitzblockaden vor dem Eingang zur diesjährigen Internationalen Automobilausstellung (IAA) in Frankfurt.

IAA

Über die Kraft des Dialogs

Warum plant jemand Veranstaltungen für die IAA? Ein Organisator über seine Motivation.

Wie kann ich als Grüner eine Automobilausstellung organisieren? Diese Frage stellte mir Kira von Fridays for Future. Hier meine Antwort. Doch vorab: Ich organisiere keine Automobilausstellung. Mein Team und ich haben die New Mobility World und die IAA Conference konzipiert und umgesetzt – im Auftrag des Veranstalters VDA. In beiden Formaten werden herzlich wenig Autos ausgestellt.

Raus aus der Komfortzone: Wenn wir uns nur mit Gleichgesinnten umgeben, verlieren wir dreifach: Unsere Reichweite bleibt innerhalb unserer Blase, wir bestätigen uns gegenseitig, statt uns zu hinterfragen und wir grenzen uns mental von „den anderen“ ab. 

Jede Bewegung oder Partei braucht Stärkung und Selbstvergewisserung nach innen. Doch bleiben Organisationen hinter ihrem Potenzial zurück, wenn sie dem „false consensus effect“ anheimfallen: der Tendenz, das Ausmaß der Übereinstimmung der Einstellungen und Verhaltensweisen anderer Menschen mit den eigenen zu überschätzen. 

Meine Partei tappt gerne in diese Falle. Im Vorfeld der Bundestagswahl 2013 erlebten die Grünen ein Umfragehoch. Mitglieder sprachen von „neuer Volkspartei“. Unsere Kampagne war eher Mitglieder- als Wahlwerbung. 

Diese Kommunikation vereinnahmte, rief zum Bekennen und Mitmachen auf. Dabei will Wahlwerbung nur eins: ein Kreuz an der richtigen Stelle – und zwar von möglichst vielen, nicht nur von denen, die sich als Grüne verstehen. 

Das Ergebnis der Wahl blieb auf dem Niveau unserer Stammwählerschaft – und damit weit unter unserem Potenzial. Die Fraktion ist auch heute die kleinste im Bundestag. Wir waren in die „false consensus“-Falle getappt. 

Raus aus der Komfortzone heißt reality check. Der bewahrt nicht vor Überschätzung, lässt eigene Positionen reifen und erschwert, die Gegenseite zu dämonisieren.

Transformationsprozesse unterstützen: Nicht alle, die wie ich den Dialog mit Andersdenkenden für notwendig erachten, werden daraus eine Zusammenarbeit mit dem VDA ableiten. Doch ich glaube nicht nur an Dialog, sondern auch an Fortschritt. Dieser gedeiht am besten in einem fruchtbaren Ökosystem.

Die New Mobility World ist genau das: der Ort, an dem Start-ups und IT-Firmen, Mobilitätsdienstleister und Automobilindustrie, Städte und Politik, NGOs und Wissenschaft zusammenkommen, um die Mobilität von morgen zu diskutieren und zu entwickeln. Die IAA ist der Humus für dieses Ökosystem: Sie hat Industrie, Öffentlichkeit, Politik und Reichweite im Gepäck. 

Meine Entscheidung, für den VDA zu arbeiten, erfolgte mit offenem Visier. Es war nicht Dutschkes langer Marsch durch die Institutionen, sondern die Überzeugung, dass Rechtsstaat, Demokratie und Marktwirtschaft die besten Partner einer offenen Zivilgesellschaft sind – insbesondere, wenn sie mit den Adjektiven durchsetzungsfähig, parlamentarisch und sozialökologisch bewehrt sind. 

Deshalb unterstütze ich den Transformationsprozess des Mobilitätssektors –auch mit der Plattform IAA im Rücken.

Geduld ist eine Tugend. Ungeduld auch: Transformationsprozesse erfordern Geduld – und damit Zeit, die wir nicht haben. Zur Tugend der Geduld gehört daher auch: die Tugend der Ungeduld. 

Dass Dialog (Geduld) und Druck (Ungeduld) Hand in Hand gehen können, zeigten letzte Woche unter anderem Amnesty International, Greenpeace und ADFC. Ihnen sind drei Dinge gemein: Sie sind überbordender Affinität zur Automobilindustrie unverdächtig, sie haben mit Demonstrationen gegen die IAA Druck aufgebaut und sie haben auf der IAA Conference den Dialog gesucht. 

Manchmal geht Geduld auch schnell: Freitag letzter Woche veranstalteten wir eine Oxford Debate zur These: „2030 – das Jahr, in dem das private Auto sterben wird“. Zu Beginn stimmte das Publikum ab: 58 Prozent waren gegen die These, 35 Prozent dafür – und acht Prozent unentschieden. Anschließend trugen je zwei Panelisten Argumente für oder wider diese These vor, das Publikum stellte Fragen. Die Debatte war kontrovers, klug, erbaulich. Dann wurde nochmals abgestimmt: 48 Prozent waren für, 38 Prozent gegen die These – und 13 Prozent unentschieden. Das ist die Kraft des Dialogs.

Von Dirk O. Evenson

Dirk O. Evenson ist „Director of New Mobility World (NMW), IAA Conference“ – beides Veranstaltungen im Rahmen der Internationalen Automobilausstellung (IAA). Evenson ist Mitglied bei Bündnis90/Die Grünen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion