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Spitzentrio: Alle drei wollen Angela Merkel beerben – und alle drei haben sie betont, das Amt in Demut vor der Aufgabe antreten zu wollen.
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Spitzentrio: Alle drei wollen Angela Merkel beerben – und alle drei haben sie betont, das Amt in Demut vor der Aufgabe antreten zu wollen.

Bundestagswahl

Laschet, Scholz und Baerbock: Über Demut und Narzissmus in der Politik

Viele Menschen wünschen sich Politiker und Politikerinnen, die demutsvoll handeln. Ob sie diese dann auch wirklich wählen, das steht auf einem anderen Blatt. Ein Gastbeitrag.

Frankfurt - Gehören Sie auch zu denjenigen, die Narzissten in der Politik satthaben? Die sich wünschen, dass es mehr Volksvertreter gäbe, bei denen Sie das Gefühl haben, dass sie sich weniger um sich und mehr um das größere Ganze kümmern? Wenn ja, dann gehören Sie zur großen Mehrheit von 86 Prozent der Wählerinnen und Wähler, die Demut in der Politik für erstrebenswert halten.

Demut, welch altes und eigentümliches Wort. Gerade in Krisen- oder Wahlzeiten wie jetzt vor der Bundestagswahl 2021 wird die althochdeutsche Kombination aus „Dienen“ und „Mut“ gerne in den Mund genommen. Olaf Scholz erfüllt der Zuspruch der Wählerschaft mit „Demut“, Annalena Baerbock hat „Demut vor der Aufgabe“ und Armin Laschet spricht von „Demut in dieser entscheidungsreichen Zeit“.

Was genau aber ist diese „Demut“, die manchen wie eine aufgesetzte Fassade vorkommen mag, um kritischen Stimmen den Wind aus den Segeln zu nehmen?

Bundestagswahl 2021: Demut in der Politik

Die Forschung sagt: Demut hat, wer die eigenen Stärken und Schwächen kennt – und sie auch nach außen zeigt, wenn es für das „größere Ganze“ sinnvoll ist – nicht für das eigene Ego. Demut hat, wer andere dafür anerkennt, was sie tun, wer immer lernbereit und offen ist und vor allem versteht: Es gibt viel Größeres als einen selbst.

Diese Tugend der Demut schafft enorme Werte. Hunderte von Fachartikeln belegen: Wer in der Wirtschaft demutsvoll führt, tut dem Unternehmen, den Angestellten und nicht zuletzt sich selbst Gutes. Mitarbeiter werden besser, resilienter und zufriedener. Unternehmen werden innovativer, kooperativer und kulturell stärker. Die demutsvolle Führungskraft wird als kompetent, intelligent und mit großem Potenzial ausgestattet empfunden.

Könnte es sich dann nicht auch für Politikerinnen und Politiker lohnen, demutsvoll zu sein? Nicht nur, was das eigene Team angeht, sondern auch in Bezug auf die Wählerschaft? Da sieht es erst mal zappenduster aus: Gemäß einer von mir durchgeführten Umfrage bei mehr als 200 Wählerinnen und Wählern sehen diese im Schnitt 61 Prozent der ihnen bekannten Politiker als Narzissten und nur 23 Prozent als demutsvoll. Die restlichen 16 Prozent seien laut ihrer Einschätzung Psychopathen, korrupt oder einfach unfähig!

Fallen Ihnen Politiker ein, die zu den 23 Prozent gehören? Die sich nicht am Verkauf von Covid-Masken bereichern, sondern wie Charles de Gaulle die Stromrechnung für die Privatwohnung im Elysee-Palast selber zahlen. Die auch mal Schwächen und Fehler zugeben wie Obama, der sich nicht vor einem „I screwed up“ drückte, als er zu Beginn seiner Präsidentschaft einen Posten übereilt vergeben hat.

Politiker, die andere anerkennen und bereit sind, von ihnen zu lernen, so wie Helmut Schmidt, der sich 1977 immerhin fünf Stunden Zeit für einen Austausch mit Heinrich Böll, Max Frisch und Siegfried Lenz und dem Verleger Siegfried Unseld nahm, um zu verstehen, was junge Menschen zum Terrorismus treibt.

Bundestagswahl 2021: Wie Laschet, Scholz und Baerbock auf der Demutsskala abschneiden

Aber: Wie schneidet das aktuelle Top-Trio der Bundespolitik – Annalena Baerbock, Olaf Scholz und Armin Laschet – eigentlich auf der Demutsskala ab? Und wie steht es um die drei, die Angela Merkel beerben wollen, mit Blick auf die Skala des ungesunden Narzissmus? Da gibt es anhand objektiver Kriterien eine subjektive Experteneinschätzung von mir, die ich um eine Art Sonderfall erweitere: den bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder, dem einige ja durchaus Chancen als Kanzlerkandidat eingeräumt hatten.

Wer kann eigene Schwächen und Fehler erkennen und zugeben? Scholz kann, wie etwa seine Entschuldigung für die Polizeigewalt beim G20-Gipfel im Brigitte-Interview zeigte: Bis heute bedrücke ihn, dass er damals, obwohl er es als Erster Bürgermeister zugesagt hatte, die Bürger „nicht so habe beschützen können, wie ich das versprochen habe“.

Armin Laschet gab sich nur in seiner Plagiatsaffäre einsichtig – mit einer Nullentschuldigung: „Dafür möchte ich ausdrücklich um Entschuldigung bitten, denn sorgfältiges Arbeiten beim Verfassen von Werken und die Achtung des Urheberrechts sind für mich auch eine Frage des Respekts vor anderen Autoren.“

Annalena Baerbock hingegen sagte zu ihrem leicht aufgehübschten Lebenslauf: „Das war Mist“ – ein geradliniges Eingeständnis. Auch Markus Söder hatte eine glaubhafte Entschuldigung zur Osterruhe parat: „Wir haben das gemeinsam entschieden. Also tragen wir alle gemeinsam Verantwortung, aber sagen auch gemeinsam dann Entschuldigung. Es tut uns leid für dieses Hin und Her.“

Wer kann eigene Stärken erkennen und zeigen? Scholz weiß, was er kann, er hat immerhin eine Digitalsteuer auf der Weltbühne durchgesetzt. Zu Laschet wäre zu sagen: Nur im Krötenteich oder Triell überleben? Das reicht nicht!

Baerbock ist auch eher wackelig, denn zur Flut geht sie zwar ohne Medientross, aber von Buch, Lebenslauf und dem N-Wort kommt sie nur schwer weg. Nur Reaktion – von Aktion keine Spur. Und Söder? „A Hund isser scho.“ Weshalb sich die Menschen in Bayern nicht an höheren Inzidenzen, geringeren Impfraten oder sonst nicht Umgesetztem stören.

Scholz, Baerbock, Laschet: Wer kann andere anerkennen?

Die Süddeutsche Zeitung beschreibt, wie Scholz im Juli 2021 wegen der globalen Mindeststeuer in die USA reist, mit folgenden Worten: „Wie ein Seminarlehrer in blauem T-Shirt, sandfarbener Jeans, Turnschuhen mit Gesundheitssohle und einem ausgebeulten Lederranzen.“ Wertschätzung liegt auch darin, sich so anzuziehen, dass andere den professionellen Menschen nicht erst mit der Lupe suchen müssen. Apropos professionell: Herr Laschet, wie will man Präsenz und Wertschätzung zeigen, wenn man bei Flutopfern herzlich lacht?

Bei Baerbock hingegen zeigt sich: Egal, wen man fragt, es kommt an, dass sie nicht nur von Respekt spricht, sondern ihn auch zeigt. Sie sagt: „Wir schaffen das nur gemeinsam.“

Über Markus Söder schrieb einer seiner Biografen: „Die Sachkompetenz seines Hauses ignoriert er völlig.“ Oha! Und: „Er lacht am liebsten über andere und lädt gern sonntags zu Pressekonferenzen, um seinen rastlosen Gestaltungswillen zu untermauern.“

Baerbock, Laschet, Scholz: Wer ist stets lernbereit und offen?

Erst war Olaf Scholz das Knautschgesicht, ernst und nicht präsent. Jetzt hat er sich offenbar gut beraten lassen. Und wird zumindest zum lächelnden Scholzomat. Bei Armin Laschet ist da noch Luft nach oben: „Weil jetzt ein solcher Tag ist, ändert man nicht die Politik.“ Wer so einen Satz zur Klimapolitik sagt, obwohl er in Tonnen von Schlamm steht, ist nicht lernbereit.

Über Annalena Baerbock wird berichtet, dass sie vor wichtigen öffentlichen Auftritten häufig mit den Fachleuten ihrer Partei telefoniert, um die Fakten zu kennen. Auch Söder wirkt hier recht überzeugend: Was immer ihn dazu bewogen hat – er scheint dazugelernt zu haben. Bäume und Bienen sind Bussi-Freunde, Asylbewerber sind zu schützen, wenn sie schon mal (leider) da sind, und alles, was kommt, ist zu meistern.

Laschet, Baerbock, Scholz: Wer sieht das größere Ganze?

Olaf Scholz predigt über den Klimawandel und will dem Land dienen – tendenziell glaubwürdig. Aber wer – wie Laschet – sagt, „2015 darf sich nicht wiederholen“, sät Hass und schürt undemokratisches Denken.

Baerbocks Wahlkampf drohte zunächst, sich im Kleinen zu verlieren, doch dann präsentierte sie Konzepte für die Zukunft und formulierte mit jedem Triell besser werdende Schlussworte. Und Söder? „An Athen muss ein Exempel statuiert werden. (...) Weitere Hilfen für Griechenland ist wie Wasser in der Wüste vergießen.“ Solche Worte an ein Land zu richten, dem wir nie Reparationen gezahlt haben für ihre 500 000 Toten im von uns angezettelten Krieg?

Was die Demut angeht, können wir also feststellen: Laschet kann hier nicht überzeugen, Söder und Baerbock schon eher – eindeutig Sieger in dieser Kategorie ist Olaf Scholz.

Schauen wir nun auf den Faktor Narzissmus.

Scholz, Baerbock, Laschet: Und wie sieht es mit Narzissmus aus?

Wer neigt zur Selbstdarstellung? Scholz eher nicht. Zwar zeigt er langsam Freude an Auftritten, als Schauspieler würde er aber immer noch durch jede Prüfung fallen. Auch Laschet ist kein Selbstdarsteller: Er macht, was er muss, selbst Angreifen auf Order der Partei …, der Rest ist Schweigen. Annalena Baerbock ist präsent, aber nicht übertrieben, wohingegen Söder jeden Auftritt zu lieben scheint.

Wer hält sich für überlegen? Selbst wenn Olaf Scholz nicht selten Klugheit attestiert wird, so trägt er sie nicht vor sich her. Bei Laschet gibt es keine Indizien für ein Gefühl von Überlegenheit – außer, dass er sich Kanzler zutraut, und das ist noch gesunder Narzissmus. Die Grünen-Kandidatin scheint sich im Gegenteil fast für zu machtlos zu halten. Und Söder? Gegenfrage: Kann man sich einen Söder mit Selbstzweifeln vorstellen?

Wer hat den Anspruch, dass sich alles um ihn oder sie dreht? Olaf Scholz scheint um die Sache und nicht ums eigene Ego zu kämpfen, auch Armin Laschet liebt Kooperation, ideal auf Augenhöhe, sonst halt von unten. Bei Annalena Baerbock ist von außen nicht erkennbar, ob sie egozentrisch ist (für ihre Mitarbeiter?) Der Spiegel wiederum berichtete einmal vom empörten Söder: Da will er fernsehwirksam Schulkinder beglücken und dann sind die Kleinen um 7 Uhr unverschämterweise noch nicht da!

Wer neigt zur Eitelkeit? Scholz? Nein. Laschet? Eher nicht, wenn auch innen ein Vulkan aus Eis lodern mag. Zu Baerbock sei angemerkt: Oh eitel ist’s, den eigenen Lebenslauf aufzuhübschen. Und Söder setzt sich oft und gern in Pose – mit Kreuz oder Maß und allem, was sonst noch da ist.

Baerbock, Scholz, Laschet: Demut und Narzissmus - das Ergebnis

Das Ergebnis: Scholz und Laschet sind eher keine Narzissten, Bei Annalena Baerbock ist eine ganz kleine Neigung zu erkennen, während Markus Söder in dieser Kategorie die volle Punktzahl erreicht.

Mit Blick auf das Verhältnis von Demut und Narzissmus bleibt also festzustellen: Am demutsvollsten steht Olaf Scholz da. Und wird von der Wählerschaft auch geschätzt. Wenn das ein klarer Sieg für die Demut wäre, warum schneidet dann auch der Narzisst Söder so gut ab? Da bestätigt meine Studie, was andere Forschende auch schon herausgefunden haben: Ein ordentlicher Teil der Wählerschaft hält – trotz inniger Bekenntnisse zur Demut – rein demutsvolle Politikerinnen und Politiker nicht aus. Punkt!

Woran lässt sich das festmachen? In meiner Umfrage habe ich den Teilnehmenden in zwei Szenarien zwei Politiker beschrieben: Im ersten Szenario ist der eine Kandidat rein narzisstisch, er sieht sich als Retter der Welt und macht seine Gegner nieder, während sich seine Konkurrentin demutsvoll gibt, lernbereit, willig Fehler eingestehend und Wettbewerber anerkennend. Im zweiten Szenario ist die Kandidatin eher narzisstisch und ihr Konkurrent eine demutsvolle Persönlichkeit.

Zwar ordneten meine Probanden die fiktiven Kandidaten jeweils korrekt als demutsvoll oder narzisstisch ein. Aber: Nur 50 Prozent würden den demutsvollen Politiker aus Szenario zwei wählen, und immerhin 58 Prozent die demutsvolle Politikerin aus Szenario eins. Beides keine schlechten Werte, aber eben doch erheblich weniger als die 86 Prozent, die von sich behaupten, sich mehr Demut in der Politik zu wünschen.

Besonders harsch gehen männliche Wähler mit dem demutsvollen Politiker in der Studie um: Während ihn 65 Prozent der Frauen für einen guten Politiker halten, sehen das nur 42 Prozent der Männer. So müssten folglich mehr Frauen Scholz und würden mehr Männer Söder wählen wollen.

Noch drei weitere Gruppen von Wählern vermiesen den Demutsvollen das Geschäft. So schätzen diejenigen mit einem schlechteren Selbstwertgefühl Narzissten als erheblich kompetenter und leistungsstärker ein als diejenigen, die mit sich im Reinen sind. Nach dem Motto: „Wenn ich schon eine Gurke bin, will ich über mir die größte und glänzendste Kartoffel haben.“

Stark beeindruckt von Narzissten sind auch solche Menschen, die sich gerne vor Beziehungen drücken. Das nennt man den vermeidenden Bindungstyp, er umfasste in der Studie etwa ein Drittel der Wählerschaft. Warum? Wer sich anderen nicht nähern mag oder kann, fühlt sich nicht sicher in sich selbst, hat Angst davor „aufzufliegen“, wird arrogant und abweisend. So ein Mensch kann nicht mit demutsvollen Politikern umgehen. Vermutlich auch, weil er oder sie sich nicht einmal vorstellen können, dass jemand ehrlich Schwächen zugibt oder andere wirklich wertschätzt. Stattdessen sehen sie demutsvolles Gebaren als gespielt an.

Franziska Frank hat Geschichte und Jura studiert. Sie forscht zu Demut und Führungskultur und lehrt an der European School of Management and Technology in Berlin.

Der letzte Sargnagel sind diejenigen, die es richtig finden, dass es in unserer Gesellschaft stärkere und schwächere Gruppen gibt. Das nennt die Forschung knackig „sozial-dominante Orientierung“. Das sind Menschen, die Sätzen wie diesen zustimmen: „Überlegene Gruppen sollten unterlegene Gruppen dominieren“ und Sätze wie jene ablehnen: „Gruppengleichheit sollte unser Ideal sein“.

Solch eine Wählerschaft will natürlich keine Politiker, die auf Augenhöhe agieren, Schwächen zeigen oder gar einem Ganzen dienen, das über Partikularinteressen hinausgeht. Die brauchen eher einen Georg Maaßen, der ruft: „Ich kann jeden verstehen, der mich wählt. Weil ich einfach gut bin.“

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So gibt es zwei Wege in die Herzen der Wählerinnen und Wähler: Demutsvoll sein wie ein Olaf Scholz oder Narzissmus gepaart mit etwas Demut wie bei Markus Söder. Zu Letzterem passt, dass die Forschung ja auch den Apple-Gründer Steve Jobs als besonders erfolgreich einschätzt, seit er später im Leben seinen Narzissmus mit ein wenig Demut unter Kontrolle bekam.

Wer auch immer am 26. September oder bei kommenden Wahlen das Rennen machen wird: Wir als Wählerinnen und Wähler können nur hoffen, dass sich die Gewählten im Amt so entwickeln, dass sie dem Ideal des US-amerikanischen Autors James Freeman Clarke entsprechen: „Ein Politiker denkt an die nächste Wahl, ein Staatsmann an die nächste Generation.“ Dann sei auch gerne ein Quäntchen Narzissmus in Kauf genommen! (Franziska Frank)

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