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Noch stehen keine Daten für die nächste Tour fest - aber sobald es grünes Licht gibt, wird sich der Kultmusiker nicht mehr aufhalten lassen.
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Noch stehen keine Daten für die nächste Tour fest - aber sobald es grünes Licht gibt, wird sich der Kultmusiker nicht mehr aufhalten lassen.

Udo Lindenberg

Udo Lindenberg wird 75: lässig, arrogant und politisch engagiert

  • VonAndreas Sieler
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Ein Dreivierteljahrhundert Udo Lindenberg gilt es gebührend zu feiern. Die FR gratuliert dem „Original“ zum 75. Geburtstag.

Tequila euch zu Ehren, keine Zeit zum Älterwerden. Wir bleiben einfach nicht stehen“, singt Udo Lindenberg in seiner im April veröffentlichten Single „Mittendrin“. Eine Absage an größeren Feierlichkeiten zu seinem 75. Geburtstag am 17. Mai? Gut, Feiern ist derzeit ohnehin noch nicht wieder das Gebot der Stunde. Vielmehr liegt Udo in Corona-Zeiten die Rettung der Clubkultur am Herzen.

„Wenn ich einen Geburtstagswunsch hätte, dann dass Bund und Länder sich mal klarmachen, was die bunte, kreuz-quer und flexible Kulturlandschaft für unser geiles Deutschland bedeutet und dass hier voll unterstützt werden muss.“ Das war 2020. Die Clubs darben noch immer und für Udos einst auf 2021 verschobene Tour sind weiterhin keine Termine zu finden. So bleibt jedoch trotz Pandemie nur der Blick nach vorne, „denn selbst die dunkelste Stunde hat nur sechzig Minuten“, singt er in „Mittendrin“.

Udo Lindenberg: „Kollektive Megapower“ und „Fuck the Virus“

Die Krise verbachte Udo derweil keineswegs jammernd. So rief er ganz im schnodderigen Udo-Ton zum gesellschaftlichen Zusammenhalt auf: „Wir brauchen die kollektive Mega-Power, also: Maske auf und mit panischer Konsequenz da durch“, sagte er im vergangenen Sommer – und bleibt nicht tatenlos: Sein Kunstwerk „Ich bleib zu Hause – Fuck the virus“ wird für mehr als 35.000 Euro versteigert, mit dem Erlös seiner „Fuck the virus“-Schutzmasken kommen nach Angaben auf seiner Homepage insgesamt 200.000 Euro zugunsten von Kindern in Moria und Geflüchteten in Griechenland zusammen. Und auch für Maskenverweigerer hatte Lindenberg einen passenden Reim parat: „Wenn die hirntoten Risikopiloten durch die Aerosole zischen, wird es ganz viele noch erwischen.“

Verleihung der International Music Awards in Berlin am 22. November 2019. dpa

Es begann in Gronau: Ein Blick zurück auf 75 Jahre Udo Lindenberg

Während der Künstler also eher den Blick nach vorne richtet, bietet ein Dreivierteljahrhundert Udo Lindenberg dennoch Anlass genug für einen Blick zurück. Auf das Leben des Udo Lindenberg – den Mann mit dem Hut, den Mann mit der Sonnenbrille und Deutschlands einzigen Künstler, der fast noch ausgeprägter nuschelt als Til Schweiger.

1946 im westfälischen Gronau geboren, wächst der kleine Udo dort mit drei Geschwistern auf. Die Zeichen stehen früh auf Musik, bereits im Kindesalter trommelt er auf seinem ersten Schlagzeug, nachdem er zuvor angeblich Benzinfässer dafür zweckentfremdet hatte. Es folgen der Besuch der Musikhochschule Münster sowie Aufenthalte in Frankreich und Libyen.

Nach den ersten Berührungen mit Jazz sammelt Lindenberg Banderfahrungen mit den „City Preachers“, „Free Orbit“ und den „Mustangs“ Ende der 60er. In den 70ern trommelt er für Klaus Doldingers „Passport“, ehe Lindenberg nach ersten Veröffentlichungen das Schlagzeug gegen das Gesangsmikro austauscht und mit „Andrea Doria“ 1973 den kommerziellen Durchbruch schafft.

„Horizont“ und „Sonderzug nach Pankow“ - in seiner Karriere hatte Udo Lindenberg zahlreiche Hits

Was dann folgt, ist die große Karriere des Udo Lindenberg, die hierzulande wohl an niemandem vorüberging. Stets an der Seite sind die Musiker:innen seines Panikorchesters. „Horizont“, „Wozu sind Kriege da?“, „Sonderzug nach Pankow“, „Cello“, „Woddy Woddy Wodka“, „Ein Herz kann man nicht reparieren“ – die Liste der Hits ist lang, ebenso die der Chartplatzierungen und Gold- und Platinauszeichnungen. „Deine Texte sind längst deutsches Kulturgut“, adelt ihn 2015 der damalige Vizekanzler Sigmar Gabriel bei der Übergabe der Goldenen Henne für seine Lebensleistung.

„Rock gegen Rechts“ in Frankfurt, 16. Juni 1979.

Spätestens ab den 00ern werden Veröffentlichungen deutlich seltener, die Live-Shows dafür zuletzt immer gigantischer. Lichtshows, Pyro, fliegende Untertassen, Raketen – Unterhaltung für die Massen in den großen Arenen, auch technisch auf höchstem Niveau. Regelmäßig teilt er sich die Bühne mit Gastmusikerinnen und -musikern wie Nena, Clueso, Peter Maffay, Eric Burdon oder Nina Hagen. Für manche überraschend gelingt Lindenberg 2008 mit „Stark wie zwei“ nochmals ein großer kommerzieller Erfolg. Es sollte nicht der letzte sein, wie zwei Unplugged-Alben und „Stärker als die Zeit“ (2016) zeigen.

Tatort-Trommler und Maler: Wofür Ikone Udo Lindenberg noch bekannt ist

Nebenbei: Fans der ARD-Serie „Tatort“ kommen – oft unwissend – noch heute in den Genuss von Udo Lindenbergs frühen Schlagzeugkünsten. Zumindest bei Wiederholungen der Krimis bis 1978. Das wilde Trommelspiel der Original-Titelmelodie von Klaus Doldinger hatte Udo zu verantworten, bis das Stück einer Generalüberholung zum Opfer fiel.

Etwas im Schatten seiner Musik stand derweil lange Zeit Lindenbergs zweite Leidenschaft – die Malerei. Seine zahlreichen Werke präsentiert er seit den 90ern zunehmend in Ausstellungen. Viele seiner Gemälde und Zeichnungen kommen durchaus eigenwillig daher: Bunte Motive seiner Songtexte, Udo selbst an allen denkbaren Orten des Planeten und seine sogenannten Likörelle, die er mittels farbstoffhaltiger alkoholischer Getränke aufs Papier bringt. Meist sind es nur wenige Striche, etwas Farbe und der lässige Udo-Ton wie „Realität ist nur was für Leute, die mit Drogen nicht klarkommen.“ Teils witzig, teils schräg, oft obszön.

Sämtliche Auszeichnungen Udo Lindenbergs auf zwei Zeitungsseiten zu würdigen, gibt der Platz nicht her. Zwei Bundesverdienstorden, diverse Echos, Bambis, Radiopreise, goldene Stimmgabeln, goldene Hämmer, Hamburger des Jahres, Düsseldorfer des Jahres, und, und, und. Jüngst kam der Unicef-Ehrenpreis für Kinderrechte hinzu. Neben den unzähligen Orden für die heimische Vitrine wird Udo aber auch Ruhm und Ehre im öffentlichen Raum zuteil.

Die FR gratuliert Udo Lindenberg zum 75. Geburtstag

Ein Blick in Lindenbergs Geburtsstadt Gronau: Das dortige „rock’n’popmuseum“ öffnet seine Pforten seit 2004 am Udo-Lindenberg-Platz. Nicht weit entfernt grüßt seit 2015 aus einem Kreisverkehr die „Freiheitsstatue von Gronau“, ein überlebensgroßes Udo-Denkmal, dessen Entstehungsgeschichte auch in einer Film-Doku festgehalten wurde. Fast schon erstaunlich, dass Udo sich erst seit 2016 auch als Ehrenbürger seiner Heimatstadt bezeichnen darf.

Die Ostsee-Gemeinde Timmendorfer Strand war da etwas schneller: Dort ist Udo zwar kein Ehrenbürger, doch bereits 2012 wurde am dortigen Strand Deutschlands erstes Lindenberg-Denkmal eingeweiht. Auf dem Portal „ostsee.de“ erfährt man nicht nur, warum man im Heilbad an der Ostsee unbedingt seinen Urlaub buchen sollte, sondern auch, wie es dazu kam. So soll Lindenberg den Kult-Hit „Horizont“ 1986 in der Gemeinde geschrieben haben. Außerdem soll das Werk, das Udo in gewohnt lässiger Pose zeigt, die treue Haltung des „Originals“ würdigen, der demnach seit Jahrzehnten regelmäßig in der Gemeinde gastiert, was man dort als „eine wunderschöne Liebeserklärung“ zu verstehen weiß.

Debüt des „Hinterm Horizont“-Musicals in Hamburg, 11 November 2016. dpa

Briefmarken, Denkmäler und eine Schule - Liebeserklärungen an Udo Lindenberg

Seit einigen Jahren ist Udo Lindenberg zudem als Wachsfigur im Hamburger Panoptikum zu sehen. Unweit steht dort auch Lindenbergs früherer WG-Mitbewohner der Villa Kunterbunt, Otto Waalkes, dessen Zimmer direkt unter Udos lag. Der „Mopo“ zufolge soll Waalkes seinerzeit unter Lindenbergs undichtem Wasserbett gelitten haben. Als Synergie jener Partyjahre dürften einerseits Susi Sorglos und Harry Hirsch sowie andererseits Rudi Ratlos hervorgegangen sein.

Eine weitere Ehre, die den allermeisten Künstlern erst nach ihrem Ableben zuteilwird, erfährt Lindenberg 2010 gleich doppelt. Mit den Motiven „Andrea Doria“ und „Sonderzug nach Pankow“ bringt das Bundesfinanzministerium zwei mit seinen Gemälden versehene Briefmarken heraus.

Und während vielerorts immer noch Goethe, Schiller oder Albert Schweitzer als Namenspaten herhalten müssen, wählt man bei der Mittelschule in Mellrichstadt 2017 einen anderen Weg – die Einrichtung nennt sich seither „Udo Lindenberg Schule“. „Rassistische und rechtsradikale Ansätze sollen bei uns keine Chance haben und deshalb brauchen wir Udo! Lindenberg macht sich seit über 40 Jahren stark für die Rechte von Minderheiten, für Frieden, Menschlichkeit und einen respektvollen Umgang in einer bunten Republik Deutschland“, heißt es zur Begründung auf der Webseite der Schule. „Lindenberg, kein Witz, sondern der Versuch, eine Schule mit einer Person zu verknüpfen, die Antworten auf aktuelle Fragen gibt. Keine Panik, wir wissen in Mellrichstadt schon, was wir tun…“

Eine E-Gittare für Erich Honecker: Udo Lindenberg und die DDR

Grund für jene Entscheidung der Mellrichstädter dürfte also vor allem der Mensch Udo Lindenberg gewesen sein. Und gelegentlich taucht ja auch die Frage auf, ob Udo Lindenberg wirklich einer von uns ist. Raumfahrer „Astro-Alex“ Gerst legte sich fest: „Wenn es Außerirdische gibt, dann ist Udo auf jeden Fall einer.“ In eine Schublade lässt sich der schnodderige Kultrocker keinesfalls stecken.

In einer vielgelesenen Online-Enzyklopädie findet sich eine interessante Bemerkung: demnach sei Lindenberg seinerzeit auch der Durchbruch gelungen, weil er eine Nische zwischen international ausgerichtetem Krautrock und dem damaligen Schlager besetzen konnte. Deutschsprachige Rockbands erreichten bis dato demnach nur ein Nischenpublikum, weil sie – Beispiel Ton Steine Scherben – vorwiegend politisch waren.

Unvergessen werden Udos Bemühungen um Auftritte in der DDR in den 80er-Jahren bleiben, die nicht zuletzt in „Sonderzug nach Pankow“ zum Ausdruck kommen, anfangs jedoch abgelehnt wurden. Heute ein Museumsstück ist die schwarz-rote Lederjacke, die Lindenberg Erich Honecker schenkte. Später überreichte er dem SED-Chef eine mit dem Slogan „Gitarren statt Knarren“ versehene E-Gitarre. In Honeckers Amtszeit kommt es jedoch nur zu einem offenbar vom Geheimdienst überwachten Kurzauftritt Lindenbergs in Ost-Berlin, erst 1990 folgen Auftritte mit dem Album „Bunte Republik Deutschland“. Dennoch erobert der lässige Udo mit seinen stets charmant-provokativen Sticheleien gegen das Regime die Herzen zahlreicher DDR-Bürgerinnen und -Bürger. Uwe Neumann, der als Leiter der Kunsthalle Rostock eine Lindenberg-Ausstellung plant, sagte jüngst in einer NDR-Doku über die damalige Zeit: „Was wir toll fanden: Dass sich einer über unsere Parteibonzen lustig macht, aber uns Menschen ernst nimmt.“

Udo Lindenbergs politisches Engagement: Nicht mit Worten, sondern Taten

Tatsächlich kann Lindenberg auf nicht allzu viele politische Songtexte verweisen. Dabei demonstriert Udo neben seinem gesellschaftlichen Engagement stets in vielen Bereichen eine deutliche politische Haltung. Sei es die klare Kante gegen Rechts – „Sie brauchen keinen Führer“ (1984) und seine Initiative „Rock gegen Rechte Gewalt (2001) -, die Unterstützung von Greenpeace und zahlreicher Tierschutzkampagnen, der Einsatz für Kinderrechte, Live-Aid-Auftritte und vieles mehr.

Konzertauftritt in Leipzig (DDR) am 7. Januar 1990. epd

Einzig das Thema Klimaschutz entdeckt Lindenberg erst spät: 2019. Seine bis dato jährlichen Kreuzfahrt-Konzerte auf dem „Rockliner“ stellt er ein und unterstützt stattdessen nun Fridays for Future.

Will noch bis zum letzten Atemzug Musiker bleiben: Udo Lindenberg wird 75

All dem gegenüber steht der Udo Lindenberg, wie ihn jeder kennt. Der lässige Udo, mit der ganz selbstverständlichen Arroganz eines Rockstars, der seit einem Vierteljahrhundert dekadent im Nobelhotel Atlantic Kempinski an der Alster haust. Aber eben auch viel gibt. 2006 gründete er die Udo Lindenberg-Stiftung. Diese fördert Bildungs- und Wasserprojekte in Afrika ebenso wie junge Musiker:innen und deutsch-deutsches Geschichtsbewusstsein und verfolgt offiziell kein geringeres Ziel als eine gerechtere Welt.

Dieses will Udo noch lange verfolgen: Dass er von Rente nichts hält, hat er lange klargestellt, auch, dass das Alter eher mit ihm ein Problem hat, als umgekehrt. So will er bis zum letzten Atemzug Musiker bleiben – wie er einst der „BZ“ verriet: „Ich bin Abenteurer, bis es mich wegreißt und ich auf der Bühne sterbe, in den Armen einer schönen Frau oder eines schönen Mannes. Ich bin ja von den flexiblen Betrieben.“

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