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Nach der Schlammlawine in Brasilien ist diese Bahnbrücke unpassierbar.

Dammbruch in Brasilien

Wer haftet für die Katastrophe?

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Eine Tochter des TÜV Süd hat dem Staudamm in Brasilien die Sicherheit attestiert. Gebrochen ist er trotzdem.

Bundesbürger kennen den TÜV in der Regel nur als Autofahrer. Aber technische Überwachungsvereine haben schon immer mehr als nur Fahrzeuge inspiziert. Ihr Ursprung liegt in Begutachtung von Industrieanlagen und spätestens seit der EU-weiten Liberalisierung der Prüfmärkte ab 2006 drängen TÜV, Dekra & Co über Landesgrenzen und in immer neue Prüffelder.

Den Münchner TÜV Süd als größte deutsche TÜV-Gesellschaft hat das bis nach Brasilien und zur Inspektion von Staudämmen geführt. Eine dortige Tochter der Münchner hat den Unglücksdamm der Eisenerzmine Fejao im brasilianischen Bundesstaat Minas Gerais unter die Lupe genommen. Trotzdem ist er gebrochen. Dutzende Menschen sind tot. Hunderte werde vermisst. Milliardenschäden sind absehbar.

Das wirft Fragen auf. Antworten gibt es kaum. Wegen laufender Ermittlungen könne man keine Auskünfte geben, erklärt der TÜV Süd. Am Dienstagnachmittag bestätigte das Unternehmen der Deutschen Presse-Agentur allerdings, zwei Mitarbeiter von TÜV Süd in Brasilien seien verhaftet worden. Zudem nahm die Polizei drei Mitarbeiter der Betreiberfirma Vale fest. Bei Prüfungen des Damms vorigen Juni und September dürch TÜV Süd habe man nach momentanen Erkenntnissen keine Mängel festgestellt, ergänzt ein TÜV-Sprecher vorsichtig. Auch besorgte Mitarbeiter, die intern mehr erfahren wollen, stoßen auf eine Mauer des Schweigens.

Der weltgrößte Erzabbaukonzern Vale, der den Damm betrieben hat, verweist indessen auf die TÜV-Expertise. Das nun gebrochene Bauwerk habe einen Sicherheitsstandard oberhalb der in Brasilien üblichen Norm gehabt. Der TÜV habe dessen physische und hydraulische Sicherheit attestiert. Stimmt das, stellen sich für die Münchner Haftungsfragen.

Verantwortlich für die Prüfung war der brasilianische Ableger TÜV Süd do Brasil in Sao Paulo und dessen vor sechs Jahren zugekaufte Tochter Bureau de Projetos e Consultoria, die als besonders firm bei Überwachung von Bauwerken galt. Deren Prüfung ist für TÜV-Experten Standardgeschäft. Auch andere deutsche Gesellschaften prüfen etwa Brücken oder Stauanlagen. Große Dämme, speziell im fernen Brasilien, sind aber schon wegen der damit verbundenen Risiken eine Besonderheit.

„Nicht jede Prüforganisation macht alles“, sagt ein Experte. Die drei großen deutschen TÜV-Konzerne Süd, Nord und Rheinland hätten alle ihre eigenen Schwerpunkte. Aber der TÜV Süd sei der größte von ihnen und damit auch der internationalste. Über 40 Prozent der zuletzt 2,4 Milliarden Euro Jahresumsatz der Münchner stammen aus Auslandsgeschäften. Mehr als die Hälfte des 24.000 Leute zählenden Personals arbeitet jenseits deutscher Grenzen. Deutsche Prüfgesellschaften und deren Siegel seien im Ausland sehr beliebt, weil deutsche Gründlichkeit und Ingenieurskunst dort oft sprichwörtlich seien, sagen Branchenkenner.

Bei Haftungsfragen sei wichtig, ob nach einer Norm oder einem staatlichen Baustandard geprüft worden ist. Beim brasilianischen Unglücksdamm war das der Fall. Was möglicherweise droht, davon kann der TÜV Rheinland ein Lied singen. Seit Jahren steht der im Streit um Haftungsfragen vor französischen Gerichten. Die Rheinländer hatten die Fertigung von Brustimplantaten des dortigen Herstellers PIP EU-weit zertifiziert.

Die Implantate, die hunderttausenden Frauen eingesetzt worden sind, stellten sich aber als fehlerhaft heraus. Der TÜV Rheinland fühlte sich von PIP hintergangen und bekam 2015 auch Recht. Das Urteil wurde aber Ende 2018 wieder aufgehoben. Nun muss neu verhandelt werden. Auch beim Einsturz einer Textilfabrik mit vielen Toten 2013 in Bangladesh musste sich der TÜV Rheinland als dort tätige Prüforganisation rechtfertigen.

Im Fall der PIP-Implantate ist es um einige Millionen Euro gegangen. Beim Dammbruch in Brasilien stehen nach ersten Schätzungen Schäden in Milliardenhöhe zur Diskussion. Primärer Adressant von Haftungsansprüchen sei immer ein Bauwerksbetreiber, sagen Experten. Das wäre Vale. Danach käme aber in zweiter Reihe eine eventuelle Prüfungsgesellschaft. Das ist die brasilianische TÜV-Tochter.

Auch das internationale Versicherungskonsortium, bei dem Vale eine Haftpflichtpolice abgeschlossen hat, wird wissen wollen, wer den Dammbruch und davon ausgelöste Schäden zu verantworten hat. Noch gibt es auch in diesem Kreis keine Erkenntnisse. Vor Sicherheitsrisiken brasilianischer Minen gewarnt hat indes erst Ende 2018 Julio Grillo. Er ist in Brasilien Chef des nationalen Instituts für Umweltschutz. Allein im Bundesstaat Minas Gerais gebe es über 300 unsichere Staudämme, hat er gerade der britischen BBC gesagt und das vergangenen Dezember schon vor Ort publik gemacht.

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