Frauen protestieren in Istanbul anlässlich des Weltfrauentags. (Archivbild)
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Frauen protestieren in Istanbul anlässlich des Weltfrauentags. (Archivbild)

Vom Staat alleingelassen

Türkei: Jeden Tag Angst vorm Ehemann - Zahl der Femizide steigt drastisch

  • Frank Nordhausen
    vonFrank Nordhausen
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Ein Ehemann schießt seine Frau in Istanbul nieder und lässt sie im Blut liegen. Das Opfer überlebt – und fordert nun von der türkischen Regierung endlich Schutz für alle Frauen.

  • Die Zahl der Morde an Frauen in der Türkei steigt. 
  • Bisher gab es nur wenig Einschreiten vonseiten der Poltik. 
  • Während der Corona-Krise nehmen die Fälle von häuslicher Gewalt darüber hinaus zu. 

Ragip hat mich erschossen. Seid nicht traurig. Ich bin jetzt frei “, schrieb Nurtac Canan mit ihrem Blut auf den Laminatboden, auf dem sie schwer verletzt lag. Der Fall der 46-Jährigen aus dem Istanbuler Stadtviertel Zeytinburnu erschüttert die Türkei.

Ihr gewalttätiger Ehemann hatte fünf Mal auf sie geschossen, dann ihr Handy und ihre Kreditkarte an sich genommen und war aus der gemeinsamen Wohnung gerannt. Bevor ihr schwarz vor Augen wurde, verfasste Nurtac Canan ihre blutige Botschaft, im festen Glauben, dass es ihre letzten Worte seien. „Wenn ich schon sterbe, wollte ich wenigstens einen Beweise zurücklassen“, berichtet sie nun der Zeitung „Hürriyet“.

Türkei: „Ich habe 23 Jahre lang jeden einzelnen Tag gelitten“

Nurtac Canans halbwüchsiger Sohn hatte seine Mutter Anfang Juni in der Blutlache liegend gefunden und sofort ins Krankenhaus bringen lassen. Vergangene Woche erzählte sie ihre tragische Geschichte der Presse – die Geschichte einer häuslichen Hölle aus physischer und psychischer Gewalt und gesellschaftlicher Zwänge, wie sie allzu viele Frauen in der T ürkei tagtäglich erdulden, ohne dass der Staat ihnen hilft.

„Ich habe 23 Jahre lang jeden einzelnen Tag gelitten – unter Schlägen, Erniedrigung, Folter“, sagte die Überlebende unter Tränen. „Er verspielte sein Geld, trank und kam nicht nach Hause. Er hat mich zahllose Male betrogen.“ Bereits ein Jahr nach der Hochzeit habe sie sich von ihrem Mann scheiden lassen, ihn aber auf Druck seiner und ihrer Familien noch einmal geheiratet.

Vor Jahren schon habe sie erneut den Entschluss gefasst, sich zu trennen, doch hätte sie damit ihren Lebensunterhalt gefährdet, da die Eheleute zusammen ein Café führten. Wegen der Corona-Lockdowns mussten sie das Lokal schließen, was den Mann mnoch mehr in Wut versetzte.

Gewalt in der Türkei: „Ich dachte, ich würde sterben“ 

„Drei Tage vor dem Vorfall warf er eine heiße Teekanne nach mir. Meine Arme und mein Rücken wurden verbrüht. Ich beschloss zu fliehen und kaufte mir ein Intercity-Busticket“, berichtet Nurtac Canan. Als sie gerade aufbrechen wollte, sei ihr Mann aufgetaucht.

Schutzlos ausgeliefert: Menschenrechtsorganisationen weisen schon lange auf die schreckliche Situation vieler Türkinnen hin. 

„Geh nicht!“, habe er erst gefleht, dann schoss er. „Ich dachte, ich würde sterben. Ich konnte meine Beine nicht mehr spüren“, sagt Canan. Sie wollte mit dem Handy Hilfe rufen, aber es war weg. Deshalb benutzte sie ihr eigenes Blut für ihre vermeintlich letzte Botschaft. „Ich schrieb bewusst seinen Namen, denn ich wollte, dass die Polizei erkennt, was geschehen war, um ihn zu verfolgen und um Beweise zu haben.“ Zum Glück gehe es ihr jetzt besser. „Gott sei Dank, ich lebe.“

Gewalt in der Ehe: Frauen in der Türkei werden Opfer von Angriffen

Noch immer habe sie aber Angst vor ihrem Ehemann, sagte Nurtac Canan einer anderen Zeitung, als ihr Mann noch auf freiem Fuß war. „Er lässt mich nicht in Ruhe, weil er es nicht geschafft hat, mich zu töten.“ Sie sei überzeugt, dass Ragip sie verfolgen werde, bis sie tot sei. Sie fordert die Höchststrafe für ihn.

„Er hat mein Leben 23 Jahre lang zum Kerker gemacht. Ich will, dass er auch mindestens 23 Jahre im Kerker bleibt“, sagt sie. Die Polizei handelte aber offenbar erst, nachdem der Fall durch die Medien ging. Am Freitagnachmittag wurde der mutmaßliche Täter endlich festgenommen.

Über den Angriff auf seine Frau sagte Ragip Canan: „Ich verlor die Kontrolle. Es war eine plötzliche Aktion, ich bereue es.“ Nurtac Canan hatte im „Hürriyet“-Interview auch gefordert, dass die Gewalt gegen Frauen in der Türkei endlich aufhören müsse. Am Wochenende mobilisierten Frauenverbände in Istanbul zu einer Protestdemonstration mit Plakaten, auf denen der Name von Nurtac Canan stand.

Frauenorganisation: „Wir werden die Femizide stoppen“ 

Laut der türkischen Frauenorganisation „Wir werden die Femizide stoppen“ ist die Zahl der Morde an Frauen seit 2015 um 63 Prozent gestiegen, von 303 auf 474 Fälle im letzten Jahr. Die Gruppe gibt an, dass allein in den ersten 20 Junitagen 20 Frauen von Männern getötet worden seien.

„Frauen werden ermordet, weil sie ‚Nein‘ sagen und ihre eigenen Entscheidungen treffen wollen“, erklärte Fidan Ataselim, die Generalsekretärin der Gruppe. Nurtac Canan sei nur ein Beispiel für die anhaltende Gewalt gegen Frauen in der Türkei. Die Politik müsse endlich einschreiten.

Human Rights Watch und andere Menschenrechtsorganisationen haben weisen zudem darauf hin, dass die häusliche Gewalt während der Corona-Pandemie massiv zunimmt, da viele Frauen zu Hause gefangen seien und kaum Zugang zu Hilfsangeboten hätten. Allein Istanbuls Polizei verzeichnete im März einen Anstieg entsprechender Taten um 38 Prozent.

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