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Brennendes Gras nahe der Atomruine von Tschernobyl: Niemand weiß, was der Rauch nach Kiew und anderswohin tragen kann. 

Rund um das Atomkraftwerk

Wald um Tschernobyl brennt seit Wochen: Ärzte warnen vor radioaktiver Wolke – auch über Deutschland

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Nach einem Sandsturm brennen die Wälder um Tschernobyl erneut. Die Bewohner Kiews leiden unter Qualm und hohen Cäsium-Werten.

  • Waldbrände in der Sperrzone von Tschernobyl: Löschfahrzeuge erreichen die Brandherde nicht.
  • Der Rauch ist gefährlich für die Menschen.
  • Unter ungünstigen Wetterbedingungen könnte die radioaktive Wolke auch Deutschland erreichen, warnen Ärzte.

Update vom Mittwoch, 22.04.2020, 10.30 Uhr: Die internationale Ärzteorganisation zur Verhinderung eines Atomkriegs (IPPNW) hat vor einer Verharmlosung der Waldbrände im radioaktiv belasteten Gebiet rund um das havarierte Atomkraftwerk Tschernobyl gewarnt. Demnach gebe es radioaktive Wolken über der Ukraine. „Bei ungünstiger Wetterlage und Windrichtung könnte auch der Rest Europas, könnte auch Deutschland von den radioaktiven Wolken betroffen sein“, teilte der IPPNW-Co-Vorsitzende Alex Rosen mit. (ktho)

Erstmeldung vom Dienstag, 21.04.2020, 17.32 Uhr: Kiews Bewohner brauchen seit einigen Wochen starke Nerven. In der Sperrzone von Tschernobyl nordöstlich der Stadt brachen Anfang April große Waldbrände aus, in der ukrainischen Hauptstadt wurde erhöhte, aber durchaus noch zulässige Radioaktivität gemessen. Vergangenen Dienstag, die Flammen hatten sich laut Augenzeugen dem Unglücksreaktor von 1986 schon auf 200 Meter genähert, löschte ein Wolkenbruch die meisten Feuer.

Waldbrand bei Tschernobyl: Kiew war die schmutzigste Stadt der Welt

Tage später verhüllten neue Rauchwolken die Stadt. Kein radioaktiver Rauch, er stammte diesmal von Waldbränden der westlichen Nachbarregion Schytomyr. Am Samstag lag der Luftverschmutzungsindex mit 361 Punkten das Siebenfache über der zulässigen Norm. Kiew war an diesem Tag die schmutzigste Stadt der Welt. Bei heftigem Wind flammten dann auch die Feuer in der Sperrzone Tschernobyl wieder auf. Am Dienstag brannten die Wälder dort schon 19 Tage, auf insgesamt 35 000 Hektar. Mehr als 900 Feuerwehrleute sind mit 150 Fahrzeugen und drei Hubschraubern im Einsatz. Aber angesichts extremer Trockenheit befürchten Umweltschützer, dass die Brände in den atomar verseuchten und 260 000 Hektar großen Urwäldern noch immer nicht gelöscht werden können.

Kiew leidet unter den Auswirkungen der Brände. 

„Die Brandherde befinden sich oft in unzugänglichen Gehölzen, sind für Löschfahrzeuge nicht erreichbar“, sagt Ljudmila Bogun, Bloggerin und Tschernobyl-Expertin, unserer Zeitung. „Es brennt auch in der Umgebung eines Schrottplatzes für atomaren Müll.“ Abgesehen von der akuten Gefahr drohen Klimawandel und Fahrlässigkeit die Waldbrände in der Sperrzone zu einem chronischen Problem zu machen.

Laut Bogun hätten stürmische Winde die am vergangenen Dienstag nur noch glimmenden Feuer neu entfacht. „Ein regelrechter Sandsturm tobte, und das in unseren Breiten.“ Sergij Gaschtschak vom Tschernobyl-Zentrum für Atomare Sicherheit und Radioökologie schreibt auf Facebook, die verwilderten Kiefermischwälder, aus denen die Zone zu 70 bis 80 Prozent bestehe, seien durch milde Winter mit sehr geringen Niederschlägen ausgetrocknet worden, ebenso Wasserläufe und Torfsümpfe. „Kaum irgendwo in Europa gibt es solch einen Umfang toter, hängender oder liegender Baumstämme. Eine wertvolle Komponente für ein neu wachsendes Ökosystems, aber im dürren Zustand reiner Brennstoff.“

Brand in den Wäldern von Tschernobyl - Kritik an Behörden

Nach Ansicht der Umweltschützer haben es die ewig klammen und oft korrupten Behörden versäumt, in dieser Taiga Brandschneisen anzulegen. Jetzt redet Innenminister Arsen Awakow von gezielter Brandstiftung, einer seiner Berater spekuliert auf Facebook über Provokateure, die mit dem Feuer Panik sähen wollten. Aber bei den bisher gefassten Verdächtigen handelt es sich um Dorfeinwohner, die zu Düngezwecken Altgraswiesen abbrennen wollten.

„Wegen der Quarantäne“, glaubt Sergij Mirny, Gründer und Chefökologe des Reiseunternehmens Tschernobyl Tour, „haben die Leute aus lauter Langeweile Gras angezündet.“ Außerdem strömten immer mehr illegale Touristen, „Stalker“ in die Sperrzone. „Früher waren die meisten Stalker Philosophen“, sagt Ljudmila Gobun, „sie betrachteten die Zone als Heiligtum.“ Aber es tauchten zunehmend Idioten auf, die sich betränken, grillten, in Ruinen Partys veranstalteten.

Waldbrand bei Tschernobyl: Radioaktiv verseuchter Wald ist zum Teil schon abgebrannt

Die EU hat der Ukraine Hilfe angeboten und will die Region per Satellit überwachen, um Brandherde schneller zu entdecken. Aber der radioaktiv besonders verseuchte „rothaarige Wald“ der Zone ist zum Teil schon abgebrannt.

Und in Kiew wurden Cäsium-Werte von 200 Mikrobecquerel gemessen, ein noch ungefährlicher Wert, der aber die natürliche Konzentration 200 mal übersteigt. „Wir reden von Cäsium, weil es gut erforscht ist“, erklärt der Atomwissenschaftler Ivan Kovalets der Zeitung „Fakty“. Im Gegensatz zu Strontium und anderen hochaktiven Radionukliden, die viel schwieriger zu messen seien. „Cäsium hin oder her, es ist unbekannt, was hinter solch einem ungewöhnlich hohem Wert steht.“ Niemand weiß, was der Rauch der Tschernobyler Waldbrände nach Kiew und anderswohin tragen kann.

Von Stefan Scholl

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