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Eine Statue mit dem Namen "Frau des Seemanns" steht im Hafen von Odessa.

Odessa

Die traurige Schöne vom Schwarzen Meer

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Die Stadt Odessa zwischen Nationalismus und Nostalgie ? Innenansichten aus der letzten ukrainischen Metropole am Schwarzen Meer.

Früher brauchten wir unsere Schlagstöcke, um uns gegen die Russen zu wehren, jetzt brauchen wir sie gegen die Korruption.“ Der ukrainische Aktivist Gleb Zhavoronkov sagt das so gelassen, als rede er über das Wetter. In Kapuzenpulli und Sneakern steht er, die Hände in den Hosentaschen, am beliebten Podolyak-Strand der Hafenstadt Odessa. Hinter ihm ein elegantes Hotel, dessen Balkone Richtung Schwarzes Meer zeigen. Auf der Terrasse stehen liebevoll gedeckte Tische mit Weingläsern und eleganten Blumenvasen. Ein Idyll für wohlhabende Ukrainer und westliche Touristen. Aber ein Schandfleck für Gleb Zhavoronkov. Denn hinter der schmucken Fassade des Hotels vermutet der Aktivist einen schmutzigen Korruptionsskandal, in den ein hochrangiger Beamter der Stadtverwaltung verwickelt sein soll.

Die Korruption ist der „innere Feind“. In Nacht-und-Nebelaktionen zerstören Gleb Zhavoronkov und seine Mitstreiter Baustellen von Hotels, die illegal errichtet werden. Die Investoren hätten das Land nicht rechtens erworben und ihre Bauten würden von der Stadtverwaltung nur geduldet, so der Vorwurf der Aktivisten. Sie sind sicher: Die Beamten machen sich die Taschen voll. „Die Odessiten sind nicht mehr von einer russischen Invasion bedroht, sondern von ihren korrupten Politikern“, erklärt der 34-Jährige, der sich selbst als ukrainischen Nationalisten bezeichnet.

Als das Hotel am Podolyak-Strand vor vier Jahren illegal erbaut wurde, lebten die Bewohner von Odessa in Angst. Damals kümmerte sich keiner um die Korruption. Die Odessiten hatten Angst vor Russland, Angst vor Kiew, Angst vor dem eigenen Nachbarn. Denn der Konflikt hatte die ukrainische Küstenstadt erreicht: Das russische Militär annektierte die Krim-Halbinsel, keine 300 Kilometer östlich von Odessa. Gleb Zhavoronkov zeigt auf das Meer: „Als dort russische Kriegsschiffe kreuzten, dachten wir: Jetzt sind wir als nächstes dran.“ Im Stadtzentrum von Odessa wechselten sich damals pro-russische und pro-ukrainische Demos ab. Als im Mai 2014 bei gewaltsamen Straßenkämpfen 48 Russen in einem Gewerkschaftshaus verbrannten, eskalierte der Konflikt.

Die Bilder vom agressiven Lynchmob im Mai 2014 rücken die Stadt, die lange als Symbol der Weltoffenheit galt, auf tragische Weise in ein falsches Licht. Seit ihrer Gründung durch die russische Zarin Katharina der Großen 1794 zog die florierende Metropole Menschen aus allen Ländern und Religionen an. Mit Steuervergünstigungen und billigem Grundbesitz lockten die Gründer Kaufleute, Intellektuelle und Händler aus ganz Europa an, darunter viele Juden, Christen, Araber, Griechisch- und Russisch-Orthodoxe. Bis heute sollen über Hundert ethnische Gruppen in der Stadt leben.

Bewegte Vergangenheit

Der einstigen Schönheit am Schwarzen Meer sieht man ihre bewegte Vergangenheit an: Bröckelnder Putz, verwitterte Fensterrahmen, Rost an kunstvoll geschmiedeten Balkongittern. Grauputz, provisorisch geflickte Elektroleitungen und die gelben rußenden Omnibusse erinnern an Bilder aus einem DDR-Fotoalbum. 26 Jahre nach der Unabhängigkeit versucht die Metropole am Meer wenigstens an einigen Stellen zu glänzen – und die traumatischen Ereignisse zu vergessen.

Demos und Prügeleien zwischen Russen und Ukrainern gibt es heute nicht mehr. Die Probleme schon. In dem jungen Staat gärt es. Im Oktober 2017 marschierten Tausende ukrainische Rechtsextreme durch die Hauptstadt Kiew, teils mit eindeutigen Nazi-Symbolen. Auch die Ernennung des Kriegsverbrechers Stepan Bandera zum Nationalhelden ist ein Politikum. Der Hass von manch ukrainischen Nationalisten gegen Russland ist so groß, dass sie vor einem Griff in die Mottenkiste der Geschichte nicht zurückschrecken.

In der jüdischen Gemeinde von Odessa ist man sich uneins über die Gefahr des neuen Nationalismus. Der Literaturwissenschaftlerin Elena Karakina schwant Übles: „Ich habe keine Angst vor den Russen, sondern vor den Nationalisten.“ Die Rentnerin führt ihre Besucher gern durch das Literaturmuseum, gleich neben der berühmten Oper von Odessa. In den prachtvollen Räumen des klassizistischen Baus sind Originaldokumente, Fotografien und antike Buchausgaben odessitischer Intellektueller zu bestaunen: Verblichene Schwarz-Weiß-Abbildungen von Dichtern wie Puschkin, Majakowski, dem von Stalin ermordeten Isaak Babel und dem in Odessa geborenen Zionisten Wladimir Jabotinsky. „Ohne die russischen Schriftsteller und Künstler wäre die ukrainische Kultur sehr arm“, meint Karakina. „Von oben“ werde nun versucht, die ukrainische Kultur zu säubern. „Mir ist es egal, was für einen Pass ich habe: russisch, rumänisch oder meinetwegen auch ukrainisch“, meint sie. „Aber für uns Juden wurde es immer gefährlich, wenn die Nationalisten kamen, egal welcher Couleur.“

Gespaltene Stadt

„Die ist doch auf der Seite der Russen“, kontert der berühmte odessitische Dichter und Arzt Boris Chersonskij. Der graubärtige Intellektuelle sitzt in einem Seminarraum von „Impact Odessa“, einem jungen Startup-Treffpunkt. Chersonskij entstammt ebenfalls einer jüdischen Familie. Ungefähr im Alter von Elena Karakina sieht er die Situation aber ganz anders. Die beiden haben sich über die Einschätzung zum ukrainischen Nationalismus entzweit und seit Jahren nicht miteinander gesprochen. „Es ist ein Fakt, dass Odessa gespalten ist“, meint der Dichter. Die meisten jungen Leute seien pro-ukrainisch und wollten ein europäisches Wertesystem. „Viele Alte hängen der Zeit nach, in der sie selbst jung waren und Brot und Miete billig – also die Sowjet-Ära“. Vergessen sei der Preis, mit dem das alles bezahlt worden sei. Als ehemaliger Dissident weiß Chersonskij, wovon er redet.

Auch in anderen Kulturgemeinden von Odessa ist man sich uneins. Einige Mitglieder der griechischen Gemeinde tun die rechten Tendenzen als russische Propaganda ab. Andere trauen der Regierung alles zu. „Das Gefährliche ist, dass die Regierung immer den Instrumentenkasten des Nationalismus rausholt, wenn es wirtschaftlich schlecht läuft. Dann sind die Leute abgelenkt“, glaubt Denys Jakovlev, Soziologieprofessor an der Odessa Law Academy. Auch die ukrainischen Rechten würden nur von der korrupten politischen Elite „benutzt“. Tatsächlich verfehlte die rechts-nationalistische Partei Swoboda bei den vergangenen Parlaments-Wahlen 2014 die Fünf-Prozent-Hürde, errang allerdings mehrere Direktmandate. „Den Ukrainern geht es seit Jahren immer schlechter, die Gehälter sinken, die Preise steigen – mich würde es nicht wundern, wenn die Regierung versuchte, ihre Macht mit nationalistischem Gebaren zu sichern“, sagt Soziologe Jakovlev. Einig sind sich die Odessiten darin – egal ob pro-russisch, pro-ukrainisch oder neutral –, dass die politische Elite des Landes in den Händen weniger Oligarchen liegt und auch von Europas Hilfe nur wenig bei den einfachen Leuten ankommt.

An der Strandpromenade von Odessa indes kann man diese Sorgen für einen Moment vergessen. Aus schicken Bars dröhnen ukrainische Schlager, Besucher genießen Cocktails mit Blick aufs Meer. Allerdings können sich die wenigsten Ukrainer hier einen Mojito oder gar ein Hotelzimmer leisten.

Deshalb ist der Kampf gegen diese Vetternwirtschaft für Gleb Zhavoronkov auch das Wichtigste, dann kommen für ihn erst die „kulturellen Feinheiten“. Er bewundert die „sauberen Städte“ in Europa, und das reiche kulturelle und politische Leben. Aber er will nicht nach Europa oder in die USA gehen, sondern sein Land aufbauen. Deshalb hat er auch kein Verständnis für Menschen, die aus ihren Ländern fliehen. Er sieht sich politisch selbst als „mitte-rechts“. „Ich bin kein Freund von Multikulti, jeder muss versuchen, sein eigenes Land voran zu bringen.“ Als 2014 die Russen auf der Krim einmarschierten, bekam es aber auch Zhavoronkov mit der Angst zu tun. Hätte Putin auch seine Heimatstadt annektiert, wäre er sicher geflohen. Vielleicht sogar nach Deutschland.

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