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Ladsaheb spricht zu seinen Schülern.

Indien

Traumfabrik im Slum

Bollywood-Aspiranten trainieren in einem Vorort der indischen Metropole Mumbai.

Eine schmale Leiter und ein Seil führen in einem der größten Slums Asiens in ein fensterloses Dachgeschoss. „Five Star Acting Dancing Fighting Classes“ prangt da vollmundig auf einem handgemalten Schild. Im Halbdunkel trainieren hier in Dharavi Dutzende Kinder und Jugendliche im Rhythmus der Trillerpfeife von Baburao Ladsaheb. Wer hier Tanzschritte übt, träumt von einer Karriere in Bollywood – oder zumindest von einem kleinen Job in der großen Traumfabrik des indischen Films.

Zwar hat die Schule noch keinen Aamir Khan hervorgebracht – der Inder steht auf der „Forbes“-Liste der bestbezahlten Schauspieler weltweit auf Rang vier. Doch Trainer Ladsaheb findet, einige seiner Schüler hätten durchaus das Zeug zum Star. Auch für kleinere Schauspiel- oder Tanzrollen, Jobs am Filmset, Zweitbesetzungen, Hilfstänzer oder Stuntjobs gibt es in Indiens Filmbranche regelmäßig Bedarf.

„Ich leite diese Klassen seit 35 Jahren und habe über 15.000 Schüler ausgebildet“, sagt Ladsaheb in einer Unterrichtspause. Kinder aus armen Haushalten können kostenlos am Unterricht teilnehmen, wer es sich leisten kann, zahlt umgerechnet zwischen 1,30 und 7,50 Euro monatlich, je nach Alter.

Den Durchbruch für Ladsaheb und seine Schule brachte Danny Boyles Kassenschlager „Slumdog Millionaire“ 2008. In dem Oscar-prämierten Film über einen Jungen aus dem Slum, der in einer Rateshow sein Glück macht, traten rund 30 seiner Schüler auf. „Nach ‚Slumdog‘ wurde ich der Casting-Typ und jeder kam und fragte mich nach ausgebildeten Schauspielern“, sagt Ladsaheb. „Damals veränderte sich mein Leben. Jetzt fragen mich mehr als 120 Casting-Regisseure nach Schauspielern. Sie fragen nach Männern, Frauen und Kindern, und wir versorgen sie.

Hoffen auf den Durchbruch

Ladsaheb ist ein schmächtiger Mann mit einem übergroßen Schnurrbart, der einmal seinen eigenen Film schrieb, drehte und alle zwölf Rollen selbst spielte. In seiner Schule unterrichtet er nicht nur, sondern hilft auch beim Netzwerken und Vorsprechen.

Der 14-jährige Adil Abdul Hassan Khan hat Großes vor: „Als wir das erste Mal an diese Schule kamen, hat uns der Unterricht gefallen – es gibt Tanz, Theater, Kampfkunst, also bin ich jeden Sonntag hergekommen, weil wir gesehen haben, dass wir viel Geld verdienen können, wenn wir Schauspieler werden und im Kino arbeiten.“

Auch der 35-jährige Fahrer Raziq Sheikh träumt von einer Leinwandkarriere: „Es war mein Kindheitstraum, Schauspieler zu werden, doch finanzielle Not und fehlende Bildung haben mein Vorhaben verzögert“, erzählt der zweifache Vater.

Neben Bollywood, das ab Mittwoch kommender Woche seine neuesten Produktionen beim 50. Internationalen Filmfestival Indiens in Goa präsentiert, verschafft auch der Boom der Streamingdienste Ladsahebs Schülern Aufträge. Netflix und andere Anbieter arbeiten mit indischen Produktionsfirmen zusammen, um Filme und Serien für das Land und den internationalen Markt zu produzieren. Netflix hat im Oktober eine langfristige Partnerschaft mit Karan Johar angekündigt, Regisseur und Produzent von Wohlfühl-Kassenschlagern aus Bollywood.

In der in Indien produzierten Netflix-Serie „Leila“ mit Huma Qureishi in der Hauptrolle tritt auch die zehnjährige Manisha Maitree auf – eine Schülerin Ladsahebs. „Ich habe hier mindestens zwei Jahre trainiert und meine Tanz- und Schauspielkünste verfeinert“, sagt sie. Nun hofft sie auf ihren Durchbruch. „Meine Freunde sagen ‚Hoffentlich vergisst du uns nicht, wenn du ein Star geworden bist‘.“ (dpa)

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