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Reise ins Nirgendwo - Folge 1

Der Traum vom Norden

  • Tobias Peter
    VonTobias Peter
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Liberia ist nach 14 Jahren Krieg eines der ärmsten Länder der Welt. Den häufigsten Satz, den unser Autor hört: "Nimm mich mit nach Deutschland." Die erste Folge der Serie "Reise ins Nirgendwo", in der Tobias Peter über seine Erlebnisse im westafrikanischen Staat erzählt.

Ich bin jetzt Fußballmanager. George hat das entschieden, als er mich am Strand von Monrovia spazieren gehen sieht. Der 16-Jährige, der ein bisschen kleiner ist als ich, kommt auf mich zu, streckt mir höflich aber entschieden die Hand entgegen und fragt, ob ich mich für Fußball interessiere. Klar, sage ich.

Er sei ein sehr guter Spieler, erklärt George. „Ich bin hart in der Defensive, aber ich spiele auch stark nach vorn. Willst du mein Manager sein? Du könntest mir in Deutschland einen Vertrag besorgen, bei Bayern München oder vielleicht bei Borussia Dortmund.“

„Weißt du, George“, sage ich. „Das Problem ist, dass da keiner auf mich hören würde. Die wissen, dass ich gar kein Fußballmanager bin.“ George lässt sich davon nicht entmutigen. „Dann bring mich ins Land – und ich kümmere mich um den Rest. Ich kann ja auch erst mal Zweite Liga spielen oder so. Ihr hab doch eine Zweite Liga, oder?“

„Haben wir. Aber ich kann nicht einfach so jemanden ins Land bringen“, antworte ich. „Wieso?“, fragt George. „Du bist doch von da, also wirst du mich doch wohl noch mitbringen können.“ Jeder Europäer, der einige Tage oder Wochen in Liberia ist, sollte sich schnell an solche Gespräche gewöhnen. Der Großteil der Bevölkerung in dem westafrikanischen Land ist nach 14 Jahren Bürgerkrieg vor allem eins: arm. Auch wenn das Land jetzt seit einigen Jahren von Ellen Johnson Sierleaf, der ersten demokratisch gewählten Präsidentin Afrikas, einigermaßen solide regiert wird, fehlt es für die meisten Menschen an allem: an Nahrungsmitteln, Medizin, Strom und fließendem Wasser.

Viele Straßen sind nur Erdpisten und in der Regenzeit oft kaum befahrbar. Von dem Rohstoffreichtum des Landes hat die normale Bevölkerung nie profitiert, stattdessen waren Gold und Diamanten, wie so oft in Afrika, Treibstoffe des Krieges. Liberia ist uneingeschränkt Dritte Welt. Vielleicht auch Vierte oder Fünfte.

Ich bin hier, weil ich mit einem Journalisten-Stipendium sechs Wochen ein afrikanisches Land bereisen darf – und Liberia ein Land mit einer ungewöhnlichen, spannenden Geschichte ist. Es gibt hier eine lange Historie der Ausbeutung, aber es ist nicht die Ausbeutung von Schwarzen durch Weiße, sondern von Schwarzen durch Schwarze.

Das Land wurde von freigelassenen Sklaven aus den USA gegründet, die für viele Jahrzehnte die eigentlich einheimischen Stämme von der politischen Herrschaft ausschlossen. In einem Satz: Die einstigen Sklaven schwangen sich zu den neuen Herren auf. Das ist die politische Grundkonstellation, die in der blutigen Geschichte von Putsch, noch mal Putsch und Bürgerkrieg mündete.

Liberia ist eine archaische Gesellschaft. Es läuft nach dem Willen des Stärkeren – und der Stärkere ist derjenige, der das Geld hat. Seitdem der Bürgerkrieg vorbei ist, sind die Unterschiede zwischen Arm und Reich nicht geringer geworden. Diejenigen, die es sich leisten konnten, während der Kriegsjahre in die USA oder nach Europa zu fliehen, sind jetzt zurück und bilden erneut die Oberschicht.

Ich habe mich in der Hauptstadt bei sehr freundlichen Liberianern der mittleren Oberschicht eingemietet, wobei der Hausherr seine Kindheit in der Schweiz verbracht hat und ein exzellentes Deutsch spricht. Nur wenige Blocks entfernt wohnen die Menschen in Wellblechhütten. Die Menschen sitzen, essen, leben im Dreck.

„Soll ich dir eine Frau besorgen?“ fragt mich ein Jugendlicher in knielangen Hosen aus der Nachbarschaft. Er sieht aus wie ein 16-Jähriger, könnte aber auch 14 oder 18 sein.

„Wie bitte?“ frage ich – halb aus Überraschung, halb, weil ich tatsächlich nicht sicher bin, ob ich das vernuschelte liberianische Englisch richtig verstanden habe.

„Eine Frau“, sagt er. Dann steckt er den Zeigefinger seiner rechten Hand in die linke Faust, zieht ihn rein und wieder raus – um mir zu zeigen, was man mit einer Frau so alles machen kann.

„Nein, danke“, sage ich. Er macht einen gedehnten „Ah“-Laut, lacht und sagt: „Ach so, ich soll dir lieber einen Typen besorgen.“ „Nein, danke“, sage ich noch einmal. Er blickt mich mit einer Mischung aus großer Überraschung und noch größerem Unverständnis an. Da kommt dieser weiße Typ von so weit hierher – und dann will er sich von all seinem Geld noch nicht mal einen Menschen kaufen, mit dem er im Bett oder sonst wo machen kann, was er will! Zur Hölle, wie seltsam ist der denn drauf! Ist diesem Mann irgendwie zu helfen?

Ich bin der Weiße. Und damit bin ich das potenzielle Ticket in eine bessere Welt.

Weiße werden in Liberia höchst selten schräg angeschaut – wir haben hier ja keine hässliche koloniale Geschichte. Wer eine Schule besucht, wird jubelnd empfangen – vielleicht auch aus der Hoffnung heraus, er brächte Geld mit. Klar ist jedenfalls: Wo immer ich hier, allein unter Schwarzen, hinkomme, sehen die Menschen in mir nicht zuletzt die Geldquelle, den Kunden oder gleich die Rettung. Es ist ja – verständlicherweise – unmöglich, hier jemandem zu erklären, dass man im eigenen Land gar kein Superreicher mit unerschöpflichen Ressourcen ist.

Ich bin der Weiße. Und damit bin ich das potenzielle Ticket in eine bessere Welt. Wie heißt du? Kann ich da arbeiten, wo du gerade wohnst? Wann fliegst du nach Hause? Nimmst du mich mit? Kann ich dann bei dir wohnen? Es sind die Standard-Fragen. Und: Wer könnte sie den Menschen übel nehmen? Sie suchen ihren persönlichen Ausweg hin zu Wohlstand und Glück – und wenn der zufällig auf Turnschuhen und mit einer Brille am Strand entlanggeht, warum dann zögern?

Ich bin 34 Jahre alt. Ich bin in einem westdeutschen Reihenhaus aufgewachsen, mit einem gepflegten Garten, in dem ich unbehelligt spielen konnte – auch wenn Fußballspielen im Garagenhof attraktiver war. Ich habe das Gymnasium besucht, gebührenfrei studiert und war auch (weniger gebührenfrei) ein Semester lang in den Vereinigten Staaten. Heute habe ich einen Job, von dem ich gut leben kann. 34 Jahre Wohlstandsgesellschaft. Wer sieht, mit wie wenig viele hier auskommen müssen, weiß: Ich könnte mich über mein Leben nicht beschweren, wenn ich morgen tot umfallen würde.

Das ist das eine. Das andere ist: Ich hab mich als Jugendlicher eine Zeit lang in einer Asylbewerber-Beratungsstelle engagiert. Ich weiß also nur zu gut, dass es keine Lösung ist, hier jemanden in den Koffer zu packen. Ich versuche, das Einzelschicksal nicht wirklich an mich heranzulassen – und doch berührt einen jedes Gespräch auf eine andere Art und Weise.

So wie das mit Thomas. Er ist Kellner auf der Dachterrasse des Hotels, auf der ich am frühen Abend ein Bier trinken möchte. Weil noch nicht so viele Gäste da sind, kommen wir ins Gespräch. Der 24-Jährige mit der schmalen Krawatte erzählt von den Kriegsjahren in seiner Kindheit, dann fragt er nach Deutschland. Ich berichte, dass es dort jetzt viel kälter ist, ich es aber vermisse, mit meinen Freunden in einer wohltemperierten Halle Kicken zu gehen. Wir reden und reden. Es fühlt sich vertraut an, obwohl wir uns gerade erst kennengelernt haben.

Dann rückt er mit der Sprache raus: Er würde gern in Deutschland studieren, sagt Thomas. Ob ich ihm ein Stipendium empfehlen könne?

„Wenn wir heiraten, kannst du mich mitnehmen?“, fragt Thomas.

Ich schaue mit meinem Handy im Internet nach, nenne ihm ein, zwei Adressen, sage aber auch: „Du solltest vielleicht eher nach amerikanischen Universitäten schauen. In den Vereinigten Staaten haben sie zwar hohe Studiengebühren, aber auch mehr Stipendien, die wirklich alle Kosten decken. Und: Du spricht Englisch, aber kein Deutsch.“ Doch Thomas will jetzt nach Deutschland, mit mir. „Ich lerne Deutsch einfach. Mir hat gefallen, was du über das Land erzählt hast“, sagt er. „Nimm mich mit – dann schaue ich weiter. Ich kann hart arbeiten. Ich schaffe das.“

Verdammt, es wird nicht leicht, ihm seinen Traum vom Norden auszureden. Ich zucke mit den Schultern, ratlos, wie das Gespräch weitergehen soll. „Der einzige Weg, wie ich dich mitnehmen könnte, wäre, wenn wir heiraten würden“, sage ich. „Und du weißt, dass das nicht geht.“ „Wenn wir heiraten, kannst du mich mitnehmen?“ fragt er. „Thomas, wir sind zwei Männer, wir können in Liberia nicht heiraten.“ „Soll ich dir meine Schwester vorstellen?“ fragt er. „Nein, ich werde hier niemanden heiraten“, sage ich. „Glaub mir, das mache ich nicht.“ „Gibst du mir dann wenigstens deine Telefonnummer?“

Der Teufel auf meiner einen Schulter sagt: „Gib sie ihm nicht, er wird dich nur nachts anrufen und nerven.“ Der Engel auf der anderen: „Gib sie ihm nicht, du machst ihm nur falsche Hoffnungen.“ Ich zücke einen Stift und notiere meine liberianische Nummer auf dem Blatt Papier, das er mir hinhält. „Thomas“, sage ich, „ich gebe dir gern meine Nummer. Aber ich will ehrlich sein: Ich werde dich nicht aus Liberia rausbringen.“

Er richtet den Blick auf den Boden. Dann schaut er wieder auf und sagt. „Wenn ich dich anrufe, dann nur als Freund. Nicht weil ich Geld von dir will oder so.“

„Du bist ein netter Kerl“, sage ich. Ich lasse mir die Rechnung bringen, zahle und gehe. Wir wissen beide, dass wir nie wirklich Freunde sein werden.

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