Tempo 30 (Folge 156)

Trauerfragen

Unser Autor hätte da doch noch so viel wissen wollen – von diesem ganz großartigem Menschen.

Von Sebastian Gehrmann

Habe ich Dir eigentlich erzählt, warum ich diese Kolumne damals „Tempo 30“ getauft habe? Bestimmt habe ich das, na ja, wahrscheinlich jedenfalls, an einem dieser Abende, an denen wir hätten Protokoll führen sollen, unbedingt. Warum haben wir das eigentlich nicht getan? Wir hätten zumindest ein Band mitlaufen lassen sollen, was für ein Jammer, dass wir es nicht getan haben (gut, wir hätten vielleicht die ein oder andere Stelle zensieren müssen, bevor es Ärger gibt, aber…). 

Wir hätten das alles aufnehmen sollen, weil an diesen Abenden doch so viele großartige Sätze gesagt wurden und so viele großartige Dialoge geführt. Weil ich mich beim besten Willen nicht erinnern kann, dass es jemals einen dieser Abende ohne großartige Sätze und Dialoge gegeben hätte, an die ich nun krampfhaft versuche, mich zu erinnern. Scheiße, waren diese Abende vielleicht großartig, nicht wahr?

Jedenfalls habe ich diese Kolumne „Tempo 30“ getauft, weil sich irgendwie plötzlich so vieles auf einmal veränderte. Nein, nicht überraschend, zumindest nicht immer, schon meistens geplant und gewollt, aber eben auch grundlegend. Und trotzdem hatte ich keinen blassen Schimmer, was in welchem Tempo kommen würde, so mit dreißig halt. Was einen da erwartet. Ja, zugegeben, meine größte Sorge war, dass dieses Tempo nicht meines sein würde, was natürlich Quatsch ist. 

Und ja, seltsam, aber manchmal ist diese Sorge noch da. Trotzdem mag ich dieses Tempo. Irgendwie. Es ist auf eine andere Art und Weise dasselbe geblieben. Es war viel leichter, als ich dachte, sich daran zu gewöhnen, und doch ist es gerade verdammt schwer. Weil bei allem, was ich mir im Leben vielleicht vorstellen konnte, der Tod meine Vorstellungskraft übersteigt. Weil ich das nicht erwartet habe. Es nicht dazu gehören kann. Doch nicht jetzt, oder?

Und jetzt habe ich noch so verdammt viele Fragen. Hör zu:

Wie viele von diesen Hemden hattest Du eigentlich?

Und diese Sakkos? Die hast Du wirklich freiwillig getragen?

Du hast dich noch nie rasiert, habe ich recht?

Und hast Du eigentlich auch mal Nein gesagt, wenn man Dich um etwas gebeten hat?

Wie geht das überhaupt, also, als Aufsteiger die erste Liga aufzumischen, meine ich?

Wie steigt man überhaupt auf? Das würde mich wirklich interessieren.

Du hast nämlich tatsächlich Ahnung von Fußball, stimmt's? Deshalb hast doch absichtlich daneben getippt, um uns bei Laune zu halten, gib es einfach zu.

Hast Du Sack eigentlich jemals schlechte Laune gehabt?

Wo gibt es denn nun das beste Frankfurter Schnitzel?

Und diese Mispelchen in Calvados. Die hast Du doch nur bestellt, um uns einen reinzuwürgen, oder?

Und dann bist Du am nächsten Morgen wirklich zu diesem Hintergrundgespräch gegangen, richtig?

Soll ich Dir eine Kaffeetaste für Deinen Schreibtisch bauen?

So ein Redaktionsschluss macht Dich tatsächlich nicht nervös? Ernsthaft? Das ist keine Show?

Wie kommt man eigentlich auf so viele unfassbar gute Geschichten?

Du kennst das nicht, aber soll ich Dir mal erklären, was eine Schreibblockade ist?

Talent, ohne Zweifel, hast Du genug. Aber es war auch mit ein wenig Arbeit verbunden, oder? Gib es schon zu.

Stimmt es, dass Deine Tage in Wahrheit mehr als 24 Stunden hatten, oder wie hast Du das alles geschafft?

Lass mich raten, es waren 72 Stunden, nicht wahr?

Dann bist Du jetzt eigentlich 96 Jahre alt. Das ist gut.

Es wird Dich nicht überraschen, aber ich bräuchte die Antworten so schnell wie möglich zurück. Kriegst Du das hin? Blöde Frage, natürlich. Morgen geht aber auch noch. Oder übermorgen. Aber lass Dir nicht all zu viel Zeit, einverstanden...

Diese Kolumne ist einem ganz großartigen Menschen gewidmet.

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