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Viele Menschen der Kriegsgeneration müssen ihre Erinnerungen noch immer verarbeiten. Träume können dabei helfen.
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Viele Menschen der Kriegsgeneration müssen ihre Erinnerungen noch immer verarbeiten. Träume können dabei helfen.

Psychische Gesundheit

Kriegserinnerungen aufarbeiten: Träumen bis ins hohe Alter

Der Arzt und Psychoanalytiker Helmut Luft erzählt von dem Glück, Verdrängtes ans Licht zu holen – auch noch im hohen Alter. Ein Gespräch über die heilsame Kraft nächtlicher Bilder

Herr Luft, manche Menschen behaupten, dass sie gar nicht träumen.

Das ist aber ein Trugschluss, die Menschen träumen immer. Man hat das beispielsweise in Schlaflaboren wissenschaftlich nachgewiesen, wo ja Menschen in unterschiedlichen Stadien des Schlafes geweckt und untersucht werden. Nein, Träume werden beständig produziert, entstehen in einem fort. Aber viele Menschen schieben heutzutage ihre Träume weg, sie wollen sie buchstäblich nicht wahrhaben. Ich werbe dafür: Seht hin, nehmt eure Träume wahr!

Was geschieht, wenn wir unsere Träume immer weiter verdrängen und ihnen nicht nachgehen?

Wir versäumen vor allem, die Nachtseite unseres Denkens, oft klüger als bei Tag, in unser ganzheitliches Erleben mit einzubeziehen. Falls traumatische Erlebnisse in uns sind, wirken sie wie Eiterherde, machen seelisch und körperlich krank. In den Träumen drängen sie ans Licht. Die Verdrängung ist manchmal sehr groß und hat ihre Gründe. Es lohnt sich, das zu überwinden und sich mit seinen Träumen auseinanderzusetzen.

Psychoanalytiker Helmut Luft.

In der kapitalistischen Gesellschaft von heute herrscht erheblicher Leistungsdruck, das Tempo und die Verdichtung im Arbeitsleben nehmen immer weiter zu. Da ist für viele Menschen kaum Zeit für Träume.

Wir sind aus dem Paradies vertrieben, und unser Berufsleben ist Mühe und Arbeit. Das kann kein Gesellschaftssystem ändern, wie die Geschichte schmerzlich gezeigt hat. Träume helfen aber, seine persönliche Nische zu finden, seine persönlichen Bedürfnisse zu erkennen und was man beitragen kann, um die Verhältnisse zu verbessern. Man kann dann selbst entscheiden, inwieweit man sich auf Stress einlassen will. Träumen braucht nicht wirklich Zeit, es geschieht ständig parallel zu allem, was wir tun. Es ist nur eine Frage der Achtsamkeit, ob man hinschauen und das zulassen will.

Sie schreiben, das Alter bietet uns die Chance, endlich anders mit unseren Träumen umzugehen. Was meinen Sie damit?

Nun, das Arbeitsleben, das uns unsere Träume verdrängen ließ, hat ein Ende. Die Zeit des Ruhestands danach ist aber oft ebenso lang wie das Arbeitsleben, denn wir leben heute 20 Jahre länger als unsere Vorfahren. Wir sind dann vom Druck und den Zwängen des beruflichen Alltags befreit und könnten jetzt mehr auf unsere Träume achten. Allerdings fühlen sich viele dann zunächst nutzlos und wertlos in der Gesellschaft und werden depressiv. Zudem beginnt der körperliche Abbau, denn der Körper ist nun mal vergänglich, er geht unter und stirbt. Diese Abbaukurve lässt sich nicht abschaffen, man kann sie lediglich verlangsamen. Der Bewegungsradius wird kleiner, die Verluste nehmen zu, Freunde und Verwandte sterben. Ich sage aber auch: Der Abbaukurve steht die Reifungskurve entgegen.

Was bedeutet das?

Aufgrund der einzigartigen Plastizität des menschlichen Gehirns wachsen Erfahrung und Reifung der Person ständig an, auch noch im hohen Alter. Wir bewegen uns dann, wenn wir gesund bleiben, geistig und seelisch auf hohem Niveau. Wir haben Zeit, sind gelassener, können uns der Innenwelt mehr zuwenden. In unseren Träumen blicken wir aus höherer Warte auf unser Leben und können abwägen, was wir wollen und ob wir das wirklich wollen. Wir finden Ersatz für alles, was das Alter uns genommen hat, zum Beispiel bauen wir im Traum jede Nacht neu ein inneres Beziehungsnetz auf und sind nicht mehr einsam.

Zur Person

Helmut Luft wurde am 11. November 1924 in Babenhausen geboren. Er studierte Medizin in Berlin, Frankfurt am Main und Paris. Er ist Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und Psychosomatische Medizin. Eine Klinik in Hofheim leitete er von 1965 bis 2004. Er war Lehrbeauftragter der Universität Frankfurt am Main und Mitbegründer des Instituts für Psychoanalyse der Universität Mainz. Seit mehr als 20 Jahren ist sein Forschungsschwerpunkt die Psychoanalyse bei älteren Menschen.

Sein neues Buch „Träume des Alters: Abgründe und Ängste, Hoffnungen und Glück“ erscheint am 1. Mai im Verlag Brandes & Apsel. jg

Ist das ein Stück weit eine Befreiung?

Ja, eindeutig. Unsere Träume bemühen sich sehr, uns von Belastungen der Vergangenheit zu befreien. Der körperliche Abbau kommt dem entgegen, denn die Gegenwart wird zunehmend gelöscht, und es bleiben uns nur noch Erinnerungen an immer frühere Lebensphasen, besonders an solche, in denen das Leben einfacher und befriedigender war. Das spiegelt sich in den Träumen.

Ältere Menschen berichten mir, dass sie jetzt erst, im hohen Alter, von den Schrecken des Zweiten Weltkrieges träumen, von grauenvollen Erlebnissen als Soldat oder im Bombenkrieg zu Hause.

Ja, das ist so. Meine Generation hat die Erfahrung des Zweiten Weltkrieges lange verdrängt. Wir hatten zwar überlebt. Aber wir konnten lange nicht reflektieren, was geschehen war, der Schock war zu groß. Wir waren ja auch wieder voll gefordert im Wiederaufbau der Gesellschaft und der zerstörten Städte, wir mussten funktionieren. Im Alter tauchen die schrecklichen Kriegserlebnisse im Traum drängend auf und möchten endlich ernstgenommen und bewältigt werden.

Sie waren selbst Soldat im Zweiten Weltkrieg.

Ja, natürlich. Ich war 17, als ich Soldat wurde. Meine Freunde und Klassenkameraden starben oder wurden körperlich und psychisch zerstört. Einige haben den Krieg nicht ausgehalten und haben in Russland Selbstmord begangen. Sie sind auf die feindlichen Linien zugelaufen, oder sie haben sich einfach in den Schnee fallen lassen und sind erfroren. Ich bin durchgekommen, ein unfassbares Glück.

Wo waren Sie im Einsatz?

Ich kam nicht zum Fronteinsatz, sondern wurde im Schnellverfahren zum Feldarzt ausgebildet, lernte zum Schluss in einem Lehrgang in Prag, wie man Gliedmaßen amputiert und wurde dann einer Fallschirmjäger-Einheit in Ungarn zugeteilt. Ich habe Züge mit Verwundeten betreut und sie auf die Lazarette verteilt. Dann war der Krieg zum Glück zu Ende. Ich war zwanzig Jahre alt, und ich fühlte mich schuldig, dass ich heil überlebt habe und andere nicht. Das kommt in meinen Träumen immer wieder.

Sie haben den Krieg verdrängt.

Ja, der Krieg unterlag lange Zeit der Verdrängung. Ich habe nach dem Krieg als Psychoanalytiker gearbeitet, weil ich das für einen Weg hielt und halte, Kriege zu verhindern. Die eigenen negativen Kriegserlebnisse blieben lange verdrängt, denn als Tätergeneration hatten wir kein Recht, uns über unsere persönlichen Traumatisierungen zu beklagen. Ebenso waren wir bei Patienten lange Zeit blind und taub für deren Kriegserlebnisse und -traumata. Ihre Symptome wie Schmerzen oder Lähmungen oder psychosomatische Leiden konnten wir erst später als Kriegsfolgen erkennen, oft erst durch die Hilfe von Träumen. Erst jetzt, im hohen Alter habe ich meine damals aufgeschriebenen Träume gründlich angeschaut, für dieses Buch, und lerne daraus ständig. Als dann 1968 die Studenten revoltiert haben, wurde meiner Generation ja genau das vorgeworfen, die Verdrängung. Wir waren die Generation der Täter, die heftig angegriffen wurde. Wieder wurden wir verurteilt und standen unter Druck.

Wie haben Sie reagiert?

Die 68er haben mich natürlich damals abgelehnt, denn als Klinikleiter und Chefarzt gehörte ich zum verhassten Establishment und musste ums Überleben kämpfen. Meine Träume haben mir dabei sehr geholfen. Heute denke ich anders darüber und verstehe vieles.

Wie ist es Ihnen persönlich mit der Erfahrung des Krieges ergangen?

Ich habe mich stets schuldig gefühlt. Ich habe mir auch in meiner Arbeit oft selbst ein Bein gestellt und mich selbst bestraft.

Aber Sie waren als Mediziner erfolgreich und haben lange Zeit eine Klinik in Hofheim geleitet.

Ja, aber ich dachte, dieser Erfolg steht mir gar nicht zu.. Ich hatte schlimme Träume und Depressionen und erkrankte an Krebs.

Diese Erfahrungen sind jetzt auch in Ihr Buch eingeflossen.

Ja. Allerdings habe ich keine Patientenakten ausgewertet. Das ist mir tabu. Ich habe meine persönlichen Aufzeichnungen und Erfahrungen im Bekanntenkreis verwendet. Nach der Kliniktätigkeit habe ich weiter Altenforschung betrieben, habe an der Universität Mainz ein Institut für Psychoanalyse mitgegründet und bin im Arbeitskreis Psychoanalyse und Alter in Kassel noch aktiv.

Sie haben immer weiter gearbeitet bis jetzt ins hohe Alter. Dazu gehört ein starker Lebenswille.

Man muss geistig und körperlich auf den Beinen bleiben. Ich spiele Golf und gehe so viel wie möglich zu Fuß. Mein Rat:. Gehen Sie täglich mit ihrem Hund spazieren, auch wenn Sie gar keinen Hund haben! Außerdem bin ich neugierig.

Sie schreiben in Ihrem Buch, dass Träume gerade im Alter auch Wünsche erfüllen, auch sexuelle Wünsche.

Körperlich lässt das Begehren natürlich nach, die Hormonspiegel sinken, die Sekretionen lassen nach und so weiter. Aber die 68er-Revolte hat ohne Frage bei alten Menschen ein anderes Bewusstsein geschaffen, was die Sexualität angeht. Umfragen zeigen, dass heute deutlich mehr Menschen als vorher zum Beispiel mit 70 sexuell noch aktiv sind und bis ins hohe Alter Sex bejahen und weitgehend tolerant sind. Im Alter ist es natürlich schwierig, noch einmal eine neue Beziehung aufzubauen. Aber im Traum ist jede Befriedigung möglich, und das trägt wesentlich zu einem erfüllten Leben bei. Ein gleichaltriger Mann erzählte mir, dass er im Traum ein sehr befriedigendes homosexuelles Verhältnis hatte. Das wäre ihm im wirklichen Leben nicht möglich gewesen. Dort hatte er dieses Bedürfnis komplett verdrängt.

Welchen Umgang mit ihren Träumen raten Sie alten Menschen?

Es ist wichtig, nach einem Traumerlebnis nicht gleich aufzustehen, sondern erstmal den Traum und die damit verbundenen Gefühle zu erinnern und den Gedanken dazu ihren Lauf zu lassen. Und dann sollten sie den Traum aufschreiben und abends und später auch mal wieder lesen. Es geht auch gut mit Sprachmemos, die man aufs Handy spricht. Jeder Traum hat eine Nachricht, er will uns etwas sagen, und das versteht man dann immer besser. Träume finden Lösungen für Probleme und geben uns kreative Ideen. Jeder Mensch ist der Dichter seines Traums.

Sie schreiben sogar, dass Träume im Alter friedensstiftend sind.

Die Träume zeigen, dass wir primitive Aggressionen nicht nur gegen andere haben, sondern sie vor allem gegen uns selbst richten, uns selber hemmen und schädigen, Erfolge verhindern, Freuden verderben. Das kann Karrieren und Beziehungen zerstören. Alte Menschen gewinnen oft aufgrund solcher Erfahrungen die Einsicht, dass es nicht sinnvoll ist, Aggressionen zu folgen. Als Mediziner sage ich: Wir alten Menschen können es uns auch gar nicht mehr leisten, aggressiv zu sein. Jede zornige Aufwallung kann uns den Tod bringen. Es ist besser, stattdessen auf seine Träume zu achten und sich bei der Lösung seiner Probleme von innen her helfen zu lassen. Träume möchten immer die primitiven Affekte des Urmenschen in uns zähmen, möchten den Weg von Krieg zu Frieden zeigen.

Interview: Claus-Jürgen Göpfert

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