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Trabi-Gedenkfahrt zur deutschen Botschaft in Prag.
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Trabi-Gedenkfahrt zur deutschen Botschaft in Prag.

25 Jahre nach Flucht in die deutsche Botschaft

Trabi-Gedenkfahrt zur Botschaft in Prag

Vor 25 Jahren harren Tausende DDR-Flüchtlinge in der Deutschen Botschaft in Prag aus und hoffen auf ihre Ausreise. Nachdem Hans-Dietrich Genscher ihre Fahrt in den Westen verkündet, bleiben Tausende DDR-Pkw in Prag zurück. Ein Vierteljahrhundert später erinnert eine Gedenkfahrt an die Ereignisse.

Von Daniel Kortschak

Ein ebenso vertrautes wie längst vergessen geglaubtes Geräusch erweckte am Montag die Aufmerksamkeit von Anwohnern und Passanten auf der Prager Kleinseite: Mit lautem Knattern quälte sich eine Kolonne aus Trabant- und Wartburg-Pkw die steile Gasse zur deutschen Botschaft empor. Der typische Geruch von verbanntem Zweitaktgemisch lag in der Luft.

Oben angekommen, kletterte der deutsche Botschafter freudestrahlend aus dem ersten Wagen der Kolonne: "Ich bin ehrlich gesagt noch nie in einem Trabi gefahren. Es war eben das erste Mal. Es war auch ein besonders schöner Trabi und ein Moment, der natürlich viele Bilder im Kopf wieder hervorruft, wie anders es damals war", so Arndt Freytag Freiherr von Loringhoven.

Bilder, die im Spätsommer und Herbst 1989 um die Welt gingen: In der völlig überfüllten Botschaft der Bundesrepublik Deutschland in Prag harrten Tausende DDR-Flüchtlinge zum Teil wochenlang aus und hofften auf eine Ausreise in den Westen.

Einige der Ausreisewilligen waren mit der Bahn gekommen, viele mit dem eigenen Auto. Ein nicht ungefährliches Unterfangen: Zwar war die Ausreise in die ?SSR eigentlich ohne größere Probleme möglich, doch viele Flüchtlinge hatten Angst, von Polizisten oder Angehörigen des berüchtigten tschechoslowakischen Staatssicherheitsdienstes StB abgefangen zu werden. Umso erleichterter waren die Menschen aus der DDR, als sie endlich auf der Prager Kleinseite angekommen waren. Dann gab es nur noch ein Ziel: möglichst schnell die Botschaft der Bundesrepublik erreichen.

"Wir haben das Auto abgestellt und dann haben uns die Tschechen schon gezeigt, wo es zu Botschaft geht", erinnert sich Zeitzeuge Frank Mühl im Tschechischen Rundfunk. "Wir sind beim Abendessen gesessen, es gab Schnitzel und Spargel. Im Fernsehen haben wir gesehen, dass in der Botschaft in Prag Flüchtlinge sind", ergänzt Mühls Frau Doreen. Es sei eine spontane Entscheidung gewesen, so Frank Mühl: "Wir haben alles liegen gelassen, haben uns in den Trabant gesetzt und sind losgefahren."

Am Abend des 30. September 1989 verkündete Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher in seiner berühmten Ansprache vom Balkon der Prager Botschaft den Menschen ihre bevorstehende die Ausreise in den Westen. Wenige Tage später saß auch das Ehepaar Mühl mit seiner eineinhalb Jahre alten Tochter im Sonderzug Richtung Freiheit, mit ihnen Tausende andere erleichterte DDR-Flüchtlinge.

Tausende Trabis blieben in Prag zurück

Ihre Trabants, Wartburgs und Ladas blieben in Prag zurück. Die gesamte Kleinseite sei völlig zugeparkt gewesen mit den Autos mit dem DDR-Schild am Heck, erinnern sich Zeitzeugen. Die genaue Zahl der zurückgelassenen Fahrzeuge ist heute nicht mehr bekannt, die Akten von Polizei und Stadtverwaltung aus dieser Zeit wurden längst vernichtet. Experten schätzen aber, dass viele Hundert, vermutlich sogar einige Tausend Pkw in Prag zurückgeblieben waren.

Die Behörden beschlagnahmten die herrenlosen Fahrzeuge und ließen sie abschleppen. Für den Staat war es dennoch ein gutes Geschäft: Für etwa ein Drittel des regulären Preises wurden die Autos im ganzen Land angeboten und fanden reißenden Absatz. Vor allem junge Tschechen konnten sich so auf einmal den Traum von einem eigenen Auto erfüllen, das sie sich unter normalen Umständen nie leisten hätten können.

"Ich habe den Trabant glaube ich 2001 gekauft. Erst später bin ich draufgekommen, dass es eines jener Fahrzeuge ist, die die Deutschen 1989 hier zurückgelassen haben", erzählt der Tscheche Martin ?vamberg, der am Montag mit seinem giftgrünen Trabant-Kombi vor die deutsche Botschaft in Prag gekommen ist. "Das Auto ist Baujahr 1985. Trabant-Pkw sind aber nur bis 1984 importiert worden. Dieses Auto hätte also theoretisch gar nie hierherkommen können, weil die damals eben nicht mehr eingeführt wurden."

Unklar ist, wie viele dieser "Flüchtlings-Autos" heute noch auf den tschechischen Straßen unterwegs sind. Der Gedenkfahrt zur Prager Botschaft sind aber die meisten ihrer Besitzer ferngeblieben: Zu groß ist offenbar die Angst, dass jemand den Oldtimer wieder zurückhaben möchte. Und ein wenig nagt wohl auch noch ein Vierteljahrhundert später das schlechte Gewissen, dass man damals durch das tragische Schicksal der Botschaftsflüchtlinge zu einem billigen Auto gekommen ist.

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