Gespenstisch: Trockenheit und Borkenkäfer sind die Ursache für die vielen abgestorbenen Bäume.
+
Gespenstisch: Trockenheit und Borkenkäfer sind die Ursache für die vielen abgestorbenen Bäume.

Wald

Totgesagte leben länger

Zwischen toten Fichten im Harz sprießt neues Leben. Über ein besonderes Projekt des Nationalparks.

Gleich hinter der Siedlung Königskrug fährt Friedhart Knolle rechts ran. „Hier kann man den Wald von morgen besonders gut beobachten“, sagt der Sprecher der Harzer Nationalparkverwaltung feierlich. Er steht auf der Bundesstraße 4 in Niedersachsen, kurz vor Braunlage, in 750 Metern Höhe. Soweit der Blick reicht, ragen die grauen und braunen Silhouetten abgestorbener Fichten in den Himmel. Das also soll der Wald von morgen sein?

„Ja“, sagt Knolle bloß, während er über abgebrochene Stämme steigt, die wild verstreut im Gelände liegen. „Der Wald ist nämlich nicht so tot, wie er aussieht.“ Die toten Fichten seien gewissermaßen nur eine Zwischenstation auf dem Weg zu einer neuen Wildnis. Wo Leben vergehe, da entstehe Platz für Neues.

Die Wälder im Harz sind von den Menschen geprägt. Für den mittelalterlichen Bergbau und später für den großen Holzbedarf nach den Weltkriegen wurden dort große Teile der ursprünglichen Flächen abgeholzt. Die Wiederaufforstung erfolgte meist mit schnell wachsenden Fichten.

Gemütlich: Luchse finden Unterschlupf in toten Stämmen.

Die Stürme und die Trockenheit der vergangenen Jahre, sicht- und spürbare Boten der Klimakrise, setzten diesen Bäumen stark zu. Den Rest erledigten die Borkenkäfer. In der Kernzone des Nationalparks, die etwa 60 Prozent der Fläche des insgesamt knapp 250 Quadratkilometer großen Schutzgebietes ausmacht, darf sich die Natur seit einigen Jahren frei entwickeln.

Die ehemaligen Wirtschaftswälder dürfen und sollen wieder zu wildem Naturwald werden. „Wir greifen nur noch zur Sicherheit der Gäste und des Straßenverkehrs ein“, erläutert Knolle. An Straßen, an den Schienen der Harzer Schmalspurbahnen und an besonderen touristischen Zielen würden tote oder absterbende Bäume umgerissen und an die Seite gezogen.

Totholz, das gar nicht tot ist: Schon nach ein paar Metern Fußweg ist unübersehbar, dass zwischen den stehenden und liegenden Stämmen bereits eine neue Waldgeneration heranwächst. Überall sprießen junge Laubbäume, auch Fichten, aus den morschen Stümpfen. Dazwischen breitet sich ein Teppich aus blühenden Kräutern aus.

„Moderverjüngung“, nennt Friedhart Knolle diesen Prozess. „Das Totholz wirkt wie ein Hochbeet, der Wald düngt sich quasi selbst“, sagt er. Auch am Oderteich, einer im 18. Jahrhundert von Harzer Bergleuten gebauten Talsperre, wuchern längst Ahorne, Ebereschen und auch Birken zwischen den stummen Zeugen des Klimawandels. Auch intensives Gezwitscher ist zu hören. „Die Vogeldichte steigt im wilden Wald“, sagt Knolle.

Sperlingskauz und Schwarzspecht zum Beispiel sind bereits zurückgekehrt, die Spechte hämmern ihre Höhlen gern in die toten Stämme. Im Unterholz finden auch Luchse und Wildkatzen Unterschlupf. Die vermodernden Stämme sind zudem Lebensraum und wichtige Nahrungsquelle für viele Pilze und Insekten, Käfer und Wildbienen nutzen Totholz für ihre Brut.

Knolle weiß auch, dass totholzreiche, naturnahe Wälder eine wichtige Klimaschutzfunktion erfüllen: Langsam verrottende Stämme und die mächtigen Humusböden speichern langfristig große Mengen Kohlendioxid. Gräser, Kräuter und nachwachsende Bäume nehmen freiwerdende Nährstoffe auf und binden sie in neuer Biomasse.

Auch am Hang auf der anderen Talseite des Rehberger Grabens, der zum Weltkulturerbe Oberharzer Wasserwirtschaft zählt, dominieren im vermeintlich toten Wald die Farben Grau und Braun. Zwei Mountainbiker halten an. „Früher bin ich hier so gern hergekommen“, sagt einer. „Jetzt bin ich nur noch traurig, wenn ich das sehe.“

Knolle räumt ein, dass es auch Kritik gibt an der Waldpolitik der Nationalparkverwaltung. Und dass das Motto „Natur Natur sein lassen“ nicht bei allen gut ankommt. Allerdings hätten sich die Widerstände inzwischen „auf ein Minimum reduziert – vor allem seit klar ist, dass sich so auch Geld verdienen lässt“.

Im Tourismus nämlich. Früher wurde Gästen der Zustand der Wälder verschwiegen. Seit vergangenem Jahr werden Harz-Reisende vom Tourismusverband im Internet und mit Broschüren darauf vorbereitet, welcher Anblick sie erwartet. Die Gäste sollen erfahren, dass der Wald im Nationalpark nicht so tot ist wie er scheint – sondern im Wandel zur neuen Wildnis. (Reimar Paul, epd)

Kommentare