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Im Zelt der Skiwanderer fand der Suchtrupp auch das Expeditionstagebuch. Der letzte Eintrag stammt vom 31. Januar 1959, den Aufzeichnungen zufolge war die Gruppe zu diesem Zeitpunkt gesund und bester Stimmung. 

Russland

Die Toten vom Djatlow-Pass

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Am 1. Februar 1959 sterben neun sowjetische Abenteurer auf ihrer Wanderung durch den Ural. Die Toten weisen rätselhafte Verletzungen auf – nicht nur deshalb ranken sich um die Tragödie bis heute zahlreiche Theorien. Die neueste dreht sich um radioaktive Spuren und eine gescheiterte Geheimdienstoperation.

Der Berg Cholat Sjachl im nördlichen Ural ist ein verwunschener Berg. Jedenfalls aus Sicht der Mansen, einem in dieser Region verwurzelten finno-ugrischen Volk. Weil dort der Legende nach in alten Zeiten neun Jäger getötet wurden, heißt der rund 1500 Kilometer östlich von Moskau gelegene Cholat Sjachl in der Sprache der Mansen „Berg des Todes“.

Eine Gruppe von neun russischen Skiwanderern hatte sich vor 61 Jahren von der alten Legende nicht abschrecken lassen. Am 28. Januar 1959 starteten sie von einer verlassenen Bergwerkssiedlung aus zu einer Tour durch die Wälder und Berge des nördlichen Ural. 350 Kilometer und der verwunschene Cholat Sjachl lagen vor der Gruppe, der sieben Männer und zwei Frauen im Alter von 21 bis 38 Jahren angehörten und die von dem Funkingenieurstudenten Igor Djatlow angeführt wurde. Doch die Expedition endete in einer Katastrophe – alle neun Skiwanderer kamen am 1. Februar 1959 ums Leben. Sie starben auf dem später nach dem Anführer der Gruppe benannten Djatlow-Pass, der hinaufführt zum Cholat Sjachl, dem 1092 Meter hohen „Berg des Todes“.

Bis heute sind die genauen Todesumstände und die Ursache der Tragödie ungeklärt. Dafür finden sich seit sechs Jahrzehnten in Büchern und Filmen alle möglichen Theorien dazu. Auch im Internet werden die verschiedenen Theorien über das rätselhafte Geschehen bis heute heftig debattiert: Sind die Opfer vor einer Lawine geflohen oder von Kriminellen gejagt und ermordet worden? Wurden sie Opfer des legendären Schneemenschen Yeti oder gar von Außerirdischen? Bei den Spekulationen spielen unter anderem die Aussagen von Angehörigen eine Rolle, wonach die Haut der Verstorbenen tief gebräunt ausgesehen habe und die Haare komplett grau gewesen seien.

Angeheizt werden die Diskussionen zudem durch seltsame Himmelserscheinungen über dem Gebiet des Cholat Sjachl in jener Zeit, die durch mehrere unabhängige Zeugenaussagen verbürgt sind. Danach waren an unterschiedlichen Tagen hell leuchtende Kugeln gesichtet worden, die sich minutenlang am Himmel bewegten. Während die einen dieses Phänomen als Beleg für die Ufo-Theorie werten, vermuten andere hinter den Lichtkugeln neu entwickelte Raketen, die damals von der sowjetischen Armee über dem dünn besiedelten Gebiet getestet wurden. Möglicherweise – so eine These – sei ein solcher Test misslungen und habe zu dem rätselhaften Tod der neun Wanderer geführt.

Die jüngste und in ihrer Beweisführung durchaus schlüssige Version stammt von einem unbekannten Autor, der sich das Pseudonym Alexej Rakitin gegeben hat. In seinem inzwischen auf Deutsch erschienenen Buch „Die Toten vom Djatlow-Pass“ beruft sich Rakitin unter anderem auf die Untersuchungsakten einer Expertenkommission, auf US-amerikanische Geheimdienstpapiere und Erkenntnisse des sowjetischen Geheimdienstes KGB. Anhand vieler von ihm präzise geschilderter Indizien entwirft der Autor ein Szenario, nach dem die neun Wanderer Opfer einer fehlgeschlagenen Geheimdienstoperation des KGB geworden seien. Ist damit – so wie Rakitin es im Untertitel seines Buches verspricht – tatsächlich eines der letzten Geheimnisse des Kalten Krieges gelöst?

Von der Tragödie am „Berg des Todes“ hatte im Februar 1959 zunächst niemand etwas mitbekommen. War die Ankunft der aus fünf Studenten des UPI, zwei Bauleitern, einem Ingenieur und einem professionellen Wanderführer bestehenden Gruppe in der Siedlung Wischai doch erst für den 14. Februar eingeplant. Als die Djatlow-Gruppe aber eine Woche überfällig war, entschlossen sich die Behörden zu einer Suchexpedition. Am 26. Februar entdeckt der Suchtrupp auf einem Pass zum Cholat Sjachl das Zelt der Gruppe. Dessen Plane war an mehreren Stellen aufgeschlitzt, im Inneren lagen Kleidung und Ausrüstungsgegenstände, auch das Expeditionstagebuch. Der letzte Eintrag stammte vom 31. Januar, der Aufzeichnung zufolge war die Gruppe zu diesem Zeitpunkt gesund und bester Stimmung. Und doch muss sie irgendetwas aufgeschreckt und aus dem Zelt gejagt haben. Auf dem Tisch lag noch ein ausgepacktes Stück Speck, als sei gerade das Essen vorbereitet worden. Im Schnee vor dem Zelt steckten die Skier aller Wanderer, die sich offenbar zu Fuß auf den Weg gemacht hatten. Aber wohin?

Szene aus dem Dokumentarfilm „The Dyatlov Pass Incident“ von Renny Harlin, 2013.

Eine erste Antwort auf die Frage ergab sich am 27. Februar. Etwa anderthalb Kilometer vom Zelt entfernt, unter einer Zeder am Steilufer eines Baches, wurden zwei Leichen gefunden. Wenige Stunden später entdeckte ein Suchtrupp am Berghang zwei weitere Tote – es waren der Expeditionsleiter Igor Djatlow und eine der beiden Frauen. Die Leichen wiesen Abschürfungen und Blutergüsse auf, keine von ihnen trug Schuhe, zwei waren nur mit Unterhosen bekleidet. Erst eine Woche später, am 5. März, wurde unter einer 15 Zentimeter dicken Schneeschicht das fünfte Opfer gefunden. Die Leiche wies starke Kopfverletzungen auf – offenbar war der Mann mehrmals geschlagen worden, bevor er das Bewusstsein verlor und erfror.

Anfang Mai schließlich gruben die Suchtrupps die restlichen vier Leichen aus dem Schnee aus. Sie fanden sie in einer Schlucht, keine 100 Meter von der Zeder entfernt, wo die ersten beiden Toten gefunden worden waren. Die drei Männer und eine Frau wiesen die rätselhaftesten Verletzungen auf: Der Frau waren mehrere Rippen gebrochen sowie das Gesicht zerschlagen worden; auch fehlten ihr die Augäpfel und die Zunge. Ähnliche Verletzungen – bis auf die entfernte Zunge – wies auch ein weiteres Opfer auf. Die anderen beiden Wanderer hatten vor ihrem Tod schwere Schädelverletzungen durch einen stumpfen Gegenstand erlitten.

Mindestens ebenso rätselhaft war, dass einige der am Djatlow-Pass sichergestellten Kleidungsstücke radioaktiv verseucht waren. Sie gehörten ursprünglich einem Ingenieur aus der Wandergruppe, der in der geheimen „Atomstadt“ Tscheljabinsk-40 arbeitete, in der unter anderem waffenfähiges Plutonium gewonnen wurde. Dieser Umstand erklärt wohl auch, warum sich der KGB seinerzeit einschaltete und die Ermittlungen um die Toten vom Djatlow-Pass bremste. Auch wurde der Ingenieur als Einziger aus der Gruppe in einem verlöteten Zinksarg begraben, und zwar auf einem zu diesem Zeitpunkt bereits geschlossenen Friedhof in Swerdlowsk. Anders als bei den anderen Toten wurde zudem ein Öffnen des Sargs zum Abschiednehmen durch die Familie ausdrücklich untersagt. Warum? Welches Geheimnis sollte das Opfer mit ins Grab nehmen?

Buchautor Rakitin vermutet, dass der tote Ingenieur aus der „Atomstadt“ vom KGB als Doppelagent geführt wurde. Er sollte demnach den Amerikanern die vermeintliche Probe eines U-Boot-Anstrichs auf Basis des radioaktiven Strontium-90 unterjubeln, den die Sowjets in Wahrheit gar nicht verwendeten. Man versprach sich davon, dass der Gegner Forschungs- und Entwicklungskapazitäten in eine nutzlose Operation stecken werde.

Laut Rakitin habe der Ingenieur dazu vor Beginn der Wanderung vom KGB drei Kleidungsstücke erhalten, die mit Isotopenspuren des angeblichen Strontium-Anstrichs kontaminiert waren. Während der Skiwanderung durch den Ural sollte dann ein als Wanderergruppe getarntes CIA-Kommando „zufällig“ den Weg der Djatlow-Gruppe kreuzen und bei dieser Gelegenheit die Kleidungsstücke in Empfang nehmen. Außer dem Ingenieur waren nur noch zwei weitere Angehörige der Gruppe als KGB-Agenten in die Operation eingeweiht.

Doch die Übergabeaktion am Berg Cholat Sjachl, so vermutet es Rakitin, sei gescheitert. Möglicherweise hatten die CIA-Agenten Verdacht geschöpft. Sie zwangen die russischen Skiwanderer zunächst mit vorgehaltener Waffe dazu, ohne Schutzkleidung in die eiskalte Nacht davonzulaufen. Weil die Angreifer auf Nummer sicher gehen wollten, dass keiner ihrer Gegner überlebt, seien sie ihnen nach einiger Zeit gefolgt und hätten die durch die Kälte geschwächten Wanderer bis zur Bewusstlosigkeit zusammengeschlagen und sogar gefoltert – die schrecklichen Verletzungen der beiden zuletzt gefundenen Opfer weisen darauf hin.

Für Rakitins Version einer aus dem Ruder gelaufenen Geheimdienstoperation des KGB spricht ein anderer ungewöhnlicher Vorgang: Am 6. Juli 1959, einen Monat nach Abschluss der offiziellen Ermittlungen zur Tragödie am Djatlow-Pass, wurden im KGB auf einen Schlag drei der fünf stellvertretenden Direktoren sowie ein hochrangiger Abteilungsleiter abgelöst. Ein in der Geschichte des sowjetischen Geheimdienstes einmaliger Vorgang. Alle geschassten Generäle hatten in ihren jeweiligen Amtsbereichen mit der Vorbereitung und Durchführung solcher Operationen zu tun, wie eine laut Rakitin im Ural stattgefunden haben soll.

Ist damit das Rätsel um die Toten vom Djatlow-Pass geklärt? Die Staatsanwaltschaft der Uralregion Swerdlowsk hat im vergangenen Jahr überraschend neue Ermittlungen in dem ungelösten Fall angekündigt. Allerdings würden nur natürliche Szenarien wie eine Lawine oder ein Wirbelsturm als Ursache der Tragödie geprüft, heißt es. Für viele Beobachter steht damit fest, dass die Behörden die wahren Hintergründe der rätselhaften Vorgänge am Cholat Sjachl weiter vertuschen wollen.

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