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Gemeinsames Spielen auf einem Schulhof. In einer bayerischen Kleinstadt soll es nun Toilettenanlagen für das dritte Geschlecht geben.

Intersexualität

Toiletten für alle

Eigene Sanitärräume für intersexuelle Kinder – in einer bayerischen Kleinstadt soll das bald Realität werden.

Unlängst hat die bayerische Gemeinde Pullach darüber diskutiert, wie genau die neue Grund- und die Mittelschule im Ort konzipiert werden sollen. Welche Räume man so brauchen wird. „Wenn Sie schon neu bauen“, meinte die vom Kommunalgremium engagierte Schulplanerin Andrea Lehner, „dann sehen Sie doch gleich noch eine eigene Toilette vor für das dritte Geschlecht“.

Damit ist die Gemeinde allerdings längst nicht die einzige bayerische Kommune, die darüber nachdenkt, Konsequenzen aus der Tatsache zu ziehen, dass der Gesetzgeber vor kurzem Intersexuelle rechtlich anerkannt hat. Auch die neu entstehenden Grundschulen in Garching und Taufkirchen sollen, wenn möglich, noch mit entsprechenden Sanitärräumen ausgestattet werden.

Während die Gleichstellungsbeauftragte im Landratsamt, Hanna Kollan, sagt: „Die Umsetzung von Unisex-Toiletten ist ein wichtiger Schritt, damit gerade transsexuelle und intersexuelle Menschen diskriminierungsfreier leben können“, mahnt Eliza Skowron, die Zuständige aus dem Referat Diversity beim Kreisjugendring München-Land: „Das Thema darf nicht nur auf Toiletten reduziert werden.“

Die Gruppe der Betroffenen macht immerhin 0,1 Prozent der Bevölkerung aus. Seit Anfang Januar können sie auf Formularen „divers“ als ihr Geschlecht angeben. Damit reagiert der Gesetzgeber nicht zuletzt auf biologische Fakten. Im individuellen Fall kann das bedeuten: Ein Mensch hat etwa weibliche Geschlechtsorgane, aber gleichzeitig auch männliche Chromosomensätze. In anderen Fällen sind die Genitalien nicht eindeutig ausgebildet.

„Gesellschaft muss reagieren“

Wahrgenommen wurden die 80 000 bis 100 000 Betroffenen in Deutschland bislang auch deshalb kaum, weil mit rund 80 Prozent der deutliche Großteil von ihnen als Kind entsprechend operiert wurde. Weil es medizinisch leichter umsetzbar ist, ein Mädchen zu „machen“, verlor die Mehrheit dabei den männlichen Anteil.

Im vorberatenden Gremium, in dem in Pullach Lehrer und Gemeinderäte mit Andrea Lehner das Raumkonzept für beide Schulen erarbeitet haben, konnten sich die Beteiligten schnell auf eine zusätzliche Toilette einigen – der Gemeinderat beschließt darüber allerdings erst im Februar.

Derweil hat die Stadt Garching bei München sich bereits entschieden und trägt auf den existierenden Plänen für die neue Grundschule eine Unisex-Toilette nach. Bürgermeister Dietmar Gruchmann (SPD) findet: „Die Gesellschaft muss reagieren.“ Auch im Rathaus seien also weitere Sanitäreinrichtungen für das dritte Geschlecht denkbar.

Auch in Taufkirchen, ebenfalls unweit von München gelegen, wird momentan geprüft, ob in einer geplanten Grundschule, für die die Baustelle schon ausgehoben wurde, zusätzliche Toiletten Platz finden können. „Wir sind dabei, das mit dem Architekturbüro abzuklären. Dann wird der Gemeinderat darüber entscheiden“, sagt Bauamtsleiter Stefan Beer. Man stehe dem Ganzen sehr „wohlwollend“ gegenüber.

Indes steht das Thema auch beim Verbundszusammenschluss Kreisjugendring, der rund 30 Freizeitstätten im Speckgürtel rund um die bayerische Landeshauptstadt unterhält, auf der Agenda. „Wir machen Schulungen dazu, wir nutzen eine gendergerechte Sprache, um das Ganze auch zu enttabuisieren“, sagt Referentin Eliza Skowron. Darüber hinaus unterstütze man die Bedürfnisse der Betroffenen, indem die Mitarbeiter eine „offene und wertschätzende Haltung“ zeigten.

Eine zusätzliche Toilette sei bei einem Bauvorhaben wie dem in der Gemeinde Pullach im Grunde „eine Kleinigkeit“, sagt Andrea Lehner. Und in ein paar Jahren, so die Planerin, könne sie ohnehin so selbstverständlich sein, wie es inzwischen zum Beispiel weitere Lehrerzimmer oder Räume für Kooperationspartner sind.

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