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Wer darf hier rein und wer muss draußen bleiben? Um diese Frage geht es bei Unisex-Toiletten eben nicht.

Toiletten für das dritte Geschlecht

Pädagogischer Quatsch?

Gender-Experte Stefan Hirschauer kritisiert separate Toiletten, wie sie eine Kleinstadt in Bayern plant, scharf.

Gleich in drei bayerischen Städten steht zur Diskussion, ob neu geplante Grundschulen einer zusätzlichen Toilette für das dritte Geschlecht bedürfen. Nicht erst seitdem Betroffene auf offiziellen Formularen „divers“ als Geschlecht angeben können, regt das Thema Intersexualität und Transsexualität zu Debatten und Lösungsvorschlägen an. Müssen nun tausende von Schul-Klos auf breiter Front nachgerüstet werden?

Noch sind es Einzelfälle, wie eben die in Bayern. Und wenn es nach Stefan Hirschauer geht, soll das auch so bleiben. Hirschauer ist Lehrstuhl-Inhaber für soziologische Theorie und Gender Studies an der Universität Mainz. Er war auch Gutachter für das Bundesverfassungsgericht, bevor dieses 2017 verfügte, dass in Personenstandsregistern eine Regelung für die Personengruppe „divers“ eingetragen wurde.

Von eigenen Toiletten für das „dritte“ Geschlecht hält Hirschauer allerdings nichts. „Das ist pädagogisch gesehen Quatsch.“ Er spricht von einer „Toiletten-Segregation“. Die Entscheidung der Gemeinden halte er für eine „Überreaktion“: „Wahrscheinlich ist das gut gemeint, aber hier wird ein vermeintliches Problem dramatisiert und künstlich hochstilisiert.“ Bei Grundschülern sei das Bewusstsein für die Unterschiedlichkeit der Geschlechter gar nicht so ausgeprägt, wie man gemeinhin vermute.

Dementsprechend seien Unisex-Toiletten die Lösung – Toiletten also, die von allen Geschlechtern gemeinsam genutzt werden können. „Moderne Unternehmen handhaben das schon so“, sagt Hirschauer. Bei Unisex-Toiletten sind sowohl WC-Schüsseln als auch Urinale räumlich getrennt integriert. Die baulichen Standards variieren, denn noch sind Unisex-Toiletten in den herkömmlichen Richtlinien nicht definiert.

Auch die in Bayern gültige Schulbau-Verordnung schweigt dazu. „Sie wurde zuletzt am 17. August 2012 geändert, da war das dritte Geschlecht noch kein Thema“, sagt Wilfred Schober vom Bayerischen Gemeindetag. Auch der Deutsche Städte- und Gemeindebund hat noch keine Handlungsempfehlung für seine Mitglieder parat. Das Thema sei noch zu neu, meint ein Sprecher.

Nach der Entscheidung des Bundestages kurz vor Weihnachten, in Personenstandsregistern die Möglichkeit zum Eintrag eines dritten Geschlechts („divers“) vorzusehen, dürfte aber auch dieses Thema nun an Fahrt zulegen, glaubt Schober. „Solange es keine staatlichen Vorgaben gibt, ist jede Gemeinde in der Entscheidung frei“, sagt er. „Wir vermuten, dass das künftig eher ein Thema für weiterführende Schulen sein dürfte.“

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