Mitarbeiter von Tönnies wurden zu Unrecht in Corona-Quarantäne geschickt.
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Mitarbeiter von Tönnies wurden zu Unrecht in Corona-Quarantäne geschickt.

Corona

Tönnies-Mitarbeiter zu Unrecht in Quarantäne - War es Freiheitsberaubung?

  • Nico Scheck
    vonNico Scheck
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Werkverträge sollen bei Firmen der Fleischindustrie mit mehr als 50 Angestellten verboten sein. Außerdem wurden Mitarbeiter zu Unrecht in Corona-Quarantäne geschickt.

  • Die nach dem Corona-Ausbruch aufgedeckten Missstände in Deutschlands Schlachthöfen ziehen weitere Kreise.
  • Ein Video aus einem Schweine-Maststall in Rheda-Wiedenbrück, einem Tönnies-Zulieferer, zeigt, wie die Tiere gequält werden.
  • Abseits des Verbots von Werkverträgen wurden Mitarbeiter zu Unrecht in Qurantäne eingewiesen.

Update vom Donnerstag, 30.07.2020, 12:25 Uhr: Aktuell werden Tönnies-Mitarbeiter im Kreis Gütersloh zu Unrecht in Quarantäne gehalten. Das Gesundheitsamt hatte in mehreren Schreiben von positiven Corona-Tests gesprochen. Laut Recherchen des ARD-Magazins „Monitor“ hatten sich diese jedoch in vielen Fällen als falsch erwiesen. In weiteren Briefen habe das Gesundheitsamt Beschäftigten mitgeteilt, dass sie in Quarantäne bleiben müssten, obwohl es sich um wieder genesene Mitarbeiter handelte. Diese seien sogar bereits aus der Qurantäne entlassen worden.

Gegenüber „Monitor“ hat das Gesundheitsamt die falschen Tests mittlerweile eingeräumt. Der Kreis Gütersloh führt „Missverständnisse“ als Grund für die fehlerhaften Schreiben an. Und das ist noch nicht alles. Sebastian Kluckert, Rechtswissenschaftler und Professor für Öffentliches Recht an der Universität Wuppertal, hält ein strafrechtlich relevantes Verhalten des Kreises für möglich.

„Wenn so etwas vorsätzlich geschieht, also zumindest billigend in Kauf genommen wird, dass Betroffenen die Freiheit entzogen wird, obwohl die Voraussetzungen des Infektionsschutzgesetzes gar nicht vorlagen, liegt eine Freiheitsberaubung im Sinne des Strafgesetzbuches vor.“ Das hat zur Folge, dasss die Mitarbeiter den Kreis wegen Freiheitsberaubung anzeigen könnten.

Tönnies: Verbot von Werkverträgen schlägt hohe Wellen

Update vom Donnerstag, 30.07.2020, 09.20 Uhr: Das geplante Verbot von Werkverträgen durch das Bundeskabinett schlägt in den Reihen der Fleischindustrie hohe Wellen. Das durch massenhafte Corona-Fälle in den Fokus geratene Unternehmen Tönnies hat bereits reagiert und beim Amtsgericht Gütersloh unter dem Namen „Tönnies Production“ 15 Tochterfirmen gegründet.

Rheda-Wiedenbrück: Greenpeace-Aktivisten haben ein Transparent am Tönnies-Hauptgebäude angebracht.

Die Firmen sind mit römischen Ziffern durchnummeriert. Das Personal solle künftig direkt beim Konzern angestellt werden. „Wir haben die Töchter gegründet, um die Mitarbeiter bei 100-prozentigen Tochterunternehmen einzustellen”, teilte ein Tönnies-Sprecher auf Anfrage des „Handelsblatts“ mit. 

NGG sehen Tönnies-Entwicklung kritisch

Die Gewerkschaft NGG - Nahrung-Genuss-Gaststätten - sieht diese Entwicklung kritisch. Gewerkschafter Armin Wiese, zuständig für die Region Detmold-Paderborn, vermutet, dass durch die Gründung der Untergesellschaften die Gründung von Betriebsräten erschwert werden solle.

Tönnies könnte die neuen Mitarbeiter auch direkt in seiner Hauptgesellschaft einstellen“, sagt Wiese. Die Gewerkschaft werde die zukünftigen Entwicklungen genau beobachten. Vom Gesetzgeber fordert Wiese ein Verbot auch für unternehmensinterne Werkverträge und Leiharbeit.

Corona-Krise: Werkverträge in der Fleischindustrie sollen verboten werden

Update vom Mittwoch, 29.07.2020, 10.25 Uhr: Das Bundeskabinett hat am Mittwoch ein Verbot von Werkverträgen in der Fleischindustrie beschlossen. Die Regierung verabschiedete dazu den Entwurf des Arbeitsschutzkontrollgesetzes, wie aus Regierungskreisen verlautete. Die Fleischindustrie, darunter vor allem der Großschlachthof Tönnies, war in der Corona-Krise in die Kritik geraten, weil zahlreiche Mitarbeiter*innen auf Schlachthöfen positiv getestet wurden, die oft nicht direkt bei den Firmen, sondern bei Subunternehmen angestellt waren. 
 

Ex-Mitarbeiterin berichtet von katastrophalen Arbeitsbedingungen bei Tönnies

Update vom Dienstag, 28.07.2020, 10.45 Uhr: Die Arbeitsbedingungen bei dem Großschlachthof Tönnies stehen seit den Coronavirus-Masseninfektionen im Fokus. „rtl.de“ hat mit einer ehemaligen Mitarbeiterin gesprochen, die von katastrophalen Arbeits- und Wohnbedingungen berichtet. Die Rumänin, die über eine Werkarbeitsfirma bei Tönnies gearbeitet haben soll, spricht von einem Zwölf-Stunden-Tag und einer Arbeitswoche ohne freies Wochenende. Als „lebender Mensch“ sei sie angekommen, als „Tote“ gegangen.

Ihr sei der Mindestlohn von 8,60 Euro versprochen worden; wegen der unbezahlten Überstunden und Abzüge seien es schließlich nur 5,20 Euro gewesen. Es steht der Verdacht im Raum, die Notsituation der Menschen in ihrer Heimat würden ausgenutzt, um die Gehälter zu drücken. Die Situation sei nicht erst seit Corona-Zeiten so, sondern seit Jahren.

Erneut Welle von Corona-Neuinfektionen bei Tönnies

Update vom 24.07.2020, 10.55 Uhr: Im Schlachtbetrieb der Firma Tönnies in Rheda-Wiedenbrück soll es bei den dort Beschäftigten erneut eine Welle an Infektionen mit dem Coronavirus geben. Darüber berichtet der „Spiegel“. Eine Sprecherin des Kreises Güterloh bestätigte dem Internetportal ein positives Testergebnis bei „20 Personen aus dem Arbeitsumfeld der Firma Tönnies“. Die betroffenen Arbeiter seien in den vergangenen Tagen im Werk tätig gewesen.

Der Kreis habe gestern Nachmittag von den positiven Testergebnissen erfahren, sagte die Sprecherin. Bei Tönnies wolle man den Sachverhalt zunächst prüfen, so ein Firmensprecher.

Video offenbart, wie Schweine bei Tönnies-Zulieferer gequält werden

Erstmeldung: Rheda-Wiedenbrück - Das Video, das aus einer Undercover-Recherche bei einem Schweine-Maststall in Rheda-Wiedenbrück stammt, ist nichts für schwache Nerven. Es offenbart geballte Grausamkeit. Eine Szene zeigt ein Schwein, dessen Auge hervorsteht, stark geschwollen und blutig ist. Vermutlich ist das Tier blind. In einer anderen Szene sieht man einen unbehandelten, Tennisball großen Abszess an einem Ohr. Die Bilder sind verstörend.

Video zeigt, wie Schweine bei Tönnies-Zulieferer in Rheda-Wiedenbrück gequält werden

Die Bilder stammen aus einem Video, das den Tierschützern von „Deutsches Tierbüro“ zugespielt und von der Organisation veröffentlicht wurde. Die schaurigen Aufnahmen sollen in der Nacht vom 13.07. auf den 14.07.2020 entstanden sein, schreiben die Tierschützer auf ihrer Homepage.

Denise Weber, Pressesprecherin des „Deutschen Tierschutzbüros“, ist fassungslos: „Unzählige Schwänze und Ohren sind blutig gebissen, hier müsste der Mäster einschreiten, das tut er aber scheinbar nicht.“ Mehr noch: „Solche gravierenden Verletzungen und Entzündungen passieren nicht über Nacht, hier scheint der Mäster seiner Fürsorge und Verantwortung nicht nachgekommen zu sein.“

Zudem drücke in einigen Bereichen der Mastanlage „die Gülle durch die Spaltenböden nach oben“. Die Konsequenz: Die Tierschützer haben Strafanzeige gegen den Tönnies-Zulieferer aus Rheda-Wiedenbrück bei der Staatsanwaltschaft Bielefeld erstattet.

UnternehmenTönnies Holding
ZentraleRheda-Wiedenbrück
Mitarbeiterzahl9007 (2018)
RechtsformApS & Co. KG
Gründung1971
TochterunternehmenZur-Mühlen-Gruppe, Allgäu Fleisch GmbH, B & C Tönnies Rind Gmbh & Co. Kg, Tonnies Fleisch Italia Srl, Weidemark Fleischwaren Gmbh & Co. Kg, Heinz Tummel GmbH & Co. KG, Veracus GmbH, Tican A/S, C&K Meats, Riverway Foods Ltd, Tillman's Convenience Gmbh, Rudiger Thomsen Schlacht- und Zerlegebetriebe, Incarnava S.L.

„Deutsches Tierschutzbüro“ teilt mit: Tönnies stellt Zusammenarbeit mit Schweine-Mastbetrieb ein

Rund 1.000 Schweine werden laut des „Deutschen Tierschutzbüros“ in der Mastanlage in Rheda-Wiedenbrück gehalten. Das Video zeigt auch, wie die Schweine dicht an dicht stehen. Von einem sogenannten „Schweinestau“ könne in dieser Anlage jedoch „nur bedingt die Rede sein, da besonders viele der Jungtiere Verletzungen aufweisen“. Laut den Tierschützern habe der Mäster „persönlich“ bestätigt, „dass es in seinem Stall nicht zu einem Schweinestau gekommen ist oder derzeit dazu kommen würde“.

Gegenüber „Focus Online“ teilte das „Deutsche Tierschutzbüro“ mit, dass die Firma Tönnies die Zusammenarbeit mit besagtem Mastbetrieb eingestellt hat. Auch das zuständige Veterinäramt und das Landwirtschaftsministerium in Düsseldorf seien informiert und zum Handeln aufgefordert. (Von Nico Scheck)

Zahlreiche Marken nutzen das Fleisch aus dem Schlachtbetrieb Tönnies. Doch in welchen Produkten Tönnies-Fleisch drinsteckt, ist auf den ersten Blick nur schwer zu erkennen.

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