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Wodka in Russland
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Gepanschter Vodka wird in Russland zur Gefahr für die Gesellschaft. (Archivfoto)

Alkoholproblem

Russland: Die Armen sterben an gepanschtem Vodka

  • Stefan Scholl
    VonStefan Scholl
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Russland kämpft gegen gepanschten Alkohol. Im Südural zeigt sich: An gepanschtem Wodka sterben vor allem Arme.

Orsk – In der russischen Region Orenburg herrscht Ausnahmezustand: In der Stadt Orsk fahren Lautsprecherwagen durch die Straßen und warnen vor vergiftetem Alkohol, der in Plastik- und Glasflaschen angeboten werde. 34 Menschen aus der Region im Südural sind bis gestern an solchem Alkohol gestorben.

Sie stammten aus der Stadt Orsk, wo etwa 240.000 Menschen leben, sowie umliegenden Dörfern und hatten Schnaps getrunken, der mit schon in kleinen Dosen tödlichem Methanol versetzt war.

Russland: 2200 Liter Fusel sichergestellt – Gepanschter Alkohol bereits in Geschäften

Insgesamt vergifteten sich 67 Menschen, 24 wurden gestern noch im Krankenhaus behandelt. 15 mutmaßliche Panscher und ihre Komplizen wurden festgenommen, ein stellvertretender Kreisstaatsanwalt verlor seinen Posten. Ein Warenlager in Orsk, in dem 2200 Liter vergifteter Spirituosen in Metallfässern sichergestellt wurden, soll seiner Ehefrau gehören. Es wurden auch 1279 Halbliterflaschen Verschnittalkohol gefunden, mit Etiketten in Russland durchaus geläufiger Wodka-Marken wie „Chortizja“ oder „Schneekönigin“. Sie sind in Supermärkten für umgerechnet vier bis sechs Euro zu kaufen.

Nach Angaben des Staatsfernsehens hatten die Täter in Ufa, der Hauptstadt der Nachbarrepublik Baschkirien, Industriespiritus gekauft, der zur Herstellung von Rostschutzmitteln benutzt wird. Die Flüssigkeit, die hochgiftiges Methanol enthielt, mischten sie offenbar mit Wasser und anderen Chemikalien, um sie als Wodka oder Weinbrand zu verkaufen. Nach Angaben der Orenburger Gesundheitsbehörden wurden im Blut mancher Opfer Methanolpegel gemessen, die die tödliche Dosis um das Fünffache übersteigen.

Russland: „Fake-Alkohol“ in Supermärkten und Dorfläden

Noch ist unklar, wie die Giftspirituosen in den Handel gelangten. Und zu welchen Preisen sie angeboten wurden. Die Regionalregierung bietet den Bürgern an, schon gekaufte Spirituosen in Supermärkten gegen Lebensmittelpakete einzutauschen.

Ganz offensichtlich stammen die meisten Opfer aus armen Verhältnissen, viele mögen Trunksüchtige gewesen sein. So erzählten Einwohner des Dorfes Akscharskoje dem Portal ural56.ru, die fünf Kinder, die ein Ehepaar hinterlassen hat, seien schon vorher vernachlässigt worden. „Die Eltern tranken ständig, das ganze Dorf wusste davon, aber niemand hat etwas unternommen.“ Auch in Krasny Tschaban habe es vor allem Ärmere getroffen, wie Murat Sujenbajew, Leiter des Gemeinderates, erklärte. Alle Vergifteten hätten den Fusel im Dorfladen gekauft, die Frau des Besitzers sei festgenommen worden, erklärte er dem Portal orenday.ru.

Nach offiziellen Angaben sinkt der Alkoholkonsum der Russ:innen ständig. Laut Gesundheitsminister Michail Muraschko trinken die über 15-Jährigen in Russland pro Jahr durchschnittlich nur noch 10,8 Liter reinen Alkohols – also etwa so viel wie in Deutschland (10,7 Liter) und etwas weniger als in Österreich (11,6 Liter). Im Jahr 2010 waren es in Russland noch 15,8 Liter gewesen.

Viele sind in Russland nicht wählerisch – Lebensinhalt Alkoholkonsum

Aber während die russische Großstadtjugend tatsächlich deutlich weniger harten Alkohol genießt, wird auf dem Land zusehends mehr Schnaps selbst gebrannt. Das ist offiziell verboten, aber man kann Destillierapparate in Onlineshops schon ab umgerechnet acht Euro kaufen. Für einen statistisch nicht erfassten, aber beachtlichen Teil der oft wirtschaftlich abgehängten Land- und Kleinstadtbewohner:innen ist Trinken zum einzigen Lebenssinn geworden.

Mehr als 21 Millionen Menschen in Russland – das sind 14,4 Prozent der Bevölkerung – leben unter der offiziellen Armutsgrenze von umgerechnet 140 Euro. Viele sind bei der Beschaffung von Alkohol nicht wählerisch, kaufen den billigsten, manche mischen gar selbst Arznei- oder Frostschutzmittel hinein. Nach Angaben des russischen Statistikamts gab es im vergangenen Jahr 50 000 Alkoholtote. (Stefan Scholl)

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