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Adolf Hitler 1939. Vier Jahre später sollte ein zum Agenten ausgebildeter Boxer den Führer angeblich mit einem Giftpfeil töten.

Verfilmung

Todesgrüße für den Führer

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Ein Sowjet-Boxer sollte Hitler töten – so jedenfalls stellt es ein russischer Agentenfilm dar, der auf wahren Ereignissen beruhen soll. Wahr ist aber auch: Geschichte wird nicht nur im Film verdreht.

Berlin 1943. Hitler schaut sich ein Boxfinale an. Ein Russe schlägt einen Deutschen k.o., der Führer steigt in den Ring, um dem Sieger persönlich eine Medaille umzuhängen. „Ich gratuliere, Sie sind ein ausgezeichneter Boxer“, spricht der Führer mit leicht säuerlicher Miene. „Obwohl, ich sage Ihnen ganz offen, ich hätte den Sieg eines deutschen Boxers bevorzugt.“

Kein Weltkriegswitz, sondern eine Szene aus dem russischen TV-Film „Aufwärtshaken für Hitler“. Der ist ernst gemeint. Sein Held ist eine reale Figur, der Leningrader Mittelgewichtler Igor Miklaschewski, verstorben 1990 in Moskau. Er wurde 1942/43 zum Agenten ausgebildet und über die deutschen Linien geschleust. Mit dem Befehl, „an Hitler heranzukommen und ihn zu vernichten“, erklärt der Dokumentarfilmer Wladimir Konowalow gegenüber der Zeitung „Argumenty i Fakty“.

Am 9. Mai feierte Russland zum 75. Mal den Sieg über Nazideutschland. Wegen des Coronavirus wurden alle Paraden und Massenveranstaltungen verschoben. Doch Feuerwerke und Luftwaffenschau sollten stattfinden. Auch wenn der Sieg 27 Millionen Menschen des Landes das Leben gekostet hat – Moskau will triumphieren, nicht trauern.

„Jedes Jahr spüren wir die sittliche Wucht dieser beispiellosen Heldentaten stärker, erfassen den unvergänglichen Wert des kriegerischen Triumphs unseres Volkes klarer“, jubelte Wladimir Putin im Vorjahr auf dem Roten Platz. In Russland hält man den Sieg für das Hauptereignis der Weltgeschichte. Aber man stutzt ihn sich fürs Vorabendprogramm zurecht. Statt Dokumentationen über Hunderttausende Hungeropfer der Blockade Leningrads durch die Deutschen dominieren dort Serien, in denen grimmig-fröhliche Fliegerasse, Scharfschützinnen oder Agenten den Feind das Fürchten lehren. „Russland simplifiziert die Geschichte auf Comic-Niveau“, schreibt der liberale Publizist Andrei Kolesnikow.

Der Sieg ist heilig. Dass die Stadt Prag im April ein Denkmal des Sowjetmarschalls Iwan Konew demontierte, bezeichnete Russlands Außenamtssprecherin Maria Sacharowa als „Verbrechen“, das „nicht ohne Antwort bleiben“ werde. Dann berichtete die tschechische Wochenzeitung „Respekt“ von einem russischen Diplomaten, der mit tödlichem Rizin-Gift im Gepäck in Prag gelandet sei. Der Bürgermeister und zwei Lokalpolitiker erhielten Polizeischutz. Russische Offizielle sprechen von Fake News.

Miklaschewskis Vita ist von Mythen getränkt. Nach mehreren Monaten Gefangenenlager gelang es dem realen Agenten, in Berlin Fuß zu fassen – dank seines vorher zu den Deutschen übergelaufenen Onkels, des Schauspielers Wsewolod Bljumental-Tamarin. Der machte als Radiosprecher Propaganda für die Nazis. Viele Historiker glauben, die Sowjets hätten Miklaschewski ausgeschickt, um seinen Onkel zu ermorden.

Generalmajor Pawel Sudoplatow, im Krieg NKWD-Chefkurator der Sowjetspione, schrieb jedoch 50 Jahre später, er habe den Boxer auf Adolf Hitler angesetzt. Die meisten russischen Medien verbreiten die Version bis heute. Danach lernte Miklaschewski in Berlin den Filmstar Olga Tschechowa kennen. Die russischstämmige Schauspielerin gehörte zur Nazi-Boheme, machte oft Hitlers Tischdame. Laut Sudoplatow stand sie mit dem NKWD in Kontakt und gab Miklaschewski den Tipp, wann er Hitler bei einer ihrer Premieren in die Luft jagen könne.

Boxende Helden und schöne Frauen – schon in der Stalinzeit kamen Romane und Filme über Agenten in Mode, die tollkühn im Nazireich agierten. „Man stellte den Krieg vor allem als Krieg der Geheimdienste dar“, sagt der Historiker Nikita Petrow und spricht von einer „NKWD-isierung des Sieges“. Wladimir Putin setze diese heute fort.

„Es blieb nur noch, die Bombe zu zünden. Alles war bereit“, schreibt das Nachrichtenportal „lenta.ru“ über Miklaschewski. Aber im letzten Moment habe Stalin das Attentat abgeblasen. „Die Rote Armee hatte den Kriegsverlauf längst umgebogen, nach Ansicht des Führers (gemeint ist Stalin) hätte Hitlers Tod zu einem Separatfrieden Deutschlands mit den Alliierten führen können.“ So aber wurde Hitler zum Spielball vermeintlich überlegener sowjetischer Strategen.

Allerdings gelten Sudoplatows Erinnerungen als zweifelhaft: Darin steht auch, der Boxer hätte sich nach 1944 der französischen Résistance angeschlossen, eine Munitionsfabrik in die Luft gejagt und sei schwer verletzt worden. Dieses Abenteuer widerlegt ein Brief seines Onkels Bljumental-Tamarin: Der Neffe habe in der Normandie bei nazitreuen Wlassow-Truppen gekämpft und sei verwundet worden.

Putins Staatsfernsehen toppt Sudoplatows Agentenlegende noch: Der TV-Miklaschewski trifft einen britischen Spion, der versucht, den Boxer anzuwerben, um Hitler doch noch umzulegen. Er soll ihn nach dem Finalkampf mit einem Giftpfeil aus einem Blumenstrauß töten. Doch Miklaschewski ahnt das antisowjetische Kalkül hinter dem Mordauftrag.

Die Propaganda verkündet, dass der Westen vor, während und nach dem Krieg insgeheim mit Nazideutschland sympathisierte. Auch im Streit um den deutsch-sowjetischen Überfall auf Polen verkauft man die UdSSR als einzig echten Feind der Nazis. „Die Sowjetunion wurde von einer europäischen Koalition unter Führung Hitlers angegriffen. Und Punkt!“, erklärt der Publizist Maxim Schewtschenko.

Ein Geschichtsbild wie die Wandmosaike in der neuen „Hauptkathedrale der russischen Streitkräfte“, die an diesem Wochenende eröffnet werden sollte. Sie zeigen Stalin und seine Marschälle, ebenso Putin und seine Minister. Laut der Zeitung „Kommersant“ wurde die Komposition wieder demontiert. Zuvor hatte Putin bescheiden erklärt, es sei noch zu früh, seine Verdienste zu bewerten, das wolle er dankbaren Nachfahren überlassen.

In „Aufwärtshaken für Hitler“ steht der Führer nach der Siegerehrung nachdenklich vor dem Meisterboxspion, klopft ihm dann auf die Schulter. Der Russe schaut unfroh, zückt aber seinen mörderischen Blumenstrauß nicht. Den Giftpfeil daraus jagt er Minuten später dem britischen Kollegen in den Hals. Das passt in den Putinschen Mainstream, wie ihn der Soziologe Lew Gudkow formuliert: „Das ist unser Sieg, und wir wollen ihn mit niemandem teilen.“

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